Prinzipienreiter unerwünscht

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Problem Gehweg-Radler : "Holt die Kinder möglichst früh auf die Straße!"
Philipp Stute

Bei Stefan Lieb von Fuß e.V., oberster Berliner Fußgänger-Lobbyverein, sind noch keine Beschwerden aufgelaufen über Mütter, die ihre Kinder mit dem Fahrrad selbst auch radelnderweise auf dem Gehweg begleiten: „Da sind testosterongesteuerte Jugendliche, die über Gehwege brettern, ein anderes Kaliber.“ Allenfalls wenn Eltern und Kind nebeneinander radeln und diese „breite Front“ auf einen Fußgänger zusteuert, hält Lieb es für bedenklich. Allerdings empfiehlt auch Lieb den Eltern, „möglichst schnell loszulassen“ und auf die Fahrbahn auszuweichen – „sonst geben sie dem Kind auf Dauer ein schlechtes Beispiel“. Dafür verspricht Lieb, sich auch in Zukunft weiter in gemeinsamen Aufrufen mit dem ADFC für bessere Radwege einzusetzen.

Scharfmacher und Prinzipienreiter sind auch bei der Senatsverwaltung für Verkehr unerwünscht: „Wenn ein Erwachsener mit dem Rad sein radfahrendes Kind begleitet, ohne Fußgänger zu beeinträchtigen, dann sind die Überwachungskräfte angehalten, nicht einzuschreiten“, sagt Sprecherin Petra Rohland. Bei Kleinkindern auf dem Laufrad oder auf dem Fahrrad mit Stützrädern sind die Eltern sogar verpflichtet, in unmittelbarer Nähe zu sein – „sonst kann ihnen im Falle eines Unfalls auch noch eine Verletzung der Aufsichtspflicht zur Last gelegt werden.“ Bei dem Tempo, das die Kinder auf Laufrädern schon mal draufhaben, bleibt den Eltern gleichsam gar nichts anderes übrig, als gegen ein Gesetz (Fahrradverbot auf dem Gehweg) zu verstoßen, um nicht das andere zu brechen (Aufsichtspflicht). Denn auch bei den zurzeit laufenden Arbeiten zur Novellierung der Straßenverkehrsordnung werde an diesen Regeln nichts geändert.

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Berlin fährt Rad
Mobike-Knäuel in Mitte. Der Ärger über wild herumstehende Leihfahrräder ist offenbar gewachsen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 429Foto: Leonhard Fricke
31.08.2018 10:51Mobike-Knäuel in Mitte. Der Ärger über wild herumstehende Leihfahrräder ist offenbar gewachsen.

Das Dilemma ist auch der Polizei bekannt. Allerdings schränkt Verkehrssicherheitsreferent Andreas Tschich ein: „Eine Weisung, dass ein Auge zuzudrücken ist, kenne ich nicht.“ Eine solche Regelung würde gewissermaßen auch das Recht beugen – weshalb er Eltern auch nicht dazu raten will, ihre Kinder mit dem Fahrrad auf dem Gehweg zu begleiten. Andererseits gelte für Polizisten das „Opportunitätsprinzip“ und sie müssten deshalb nicht jede Ordnungswidrigkeit zwangsläufig ahnden. Wenn also keine „konkrete Gefährdung“ von Fußgängern durch das Rad fahrende Elternteil bestehe, könne ein Polizist auch schon mal seinen Ermessensspielraum zugunsten der Eltern ausnutzen. „Aber da hängt viel vom Fingerspitzengefühl, von der Ansprache der angehaltenen Eltern und von der Qualifizierung des Beamtens ab.“

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Zugemüllte Stadt. Seit Tagen versperrt dieser Müllberg einen Radstreifen der Blissestraße in Wilmersdorf, obwohl Fahrradaktivisten sich beim Ordnungsamt beklagten. - Foto: PolizeibeobachterWeitere Bilder anzeigen
1 von 621Polizeibeobachter
20.12.2018 13:12Zugemüllte Stadt. Seit Tagen versperrt dieser Müllberg einen Radstreifen der Blissestraße in Wilmersdorf, obwohl Fahrradaktivisten...

Nicht mit Rechthaberei, sondern mit gegenseitiger Rücksichtnahme fährt man wohl am besten. Denn auch wenn Fußgänger grundsätzlich im Recht sind, wenn sie jeden erwachsenen Fahrradfahrer auf die Straße verbannen wollen, bringt ihnen das nicht unbedingt Vorteile: Sie riskieren eher, dass ein Kleinkind sie behindert oder sogar in die Fersen fährt, weil es nicht durch die ständigen Ermahnungen der sie auf dem Gehweg begleitenden Mutter auf Passanten und andere Gefahren hingewiesen werde. „Kinder sind oft abgelenkt, reagieren sehr spontan auf Eindrücke und können bis zum Alter von zehn Jahren nur schwer oder gar nicht Entfernungen abschätzen“, sagt Andreas Tschich.

Hinzu kommt, dass die größte Zahl der Fahrradunfälle von Kindern auf dem Weg zur Schule geschieht: Zwischen sieben und acht Uhr in der Frühe ereigneten sich statistisch die meisten Unfälle, ein zweiter Zeitraum, in dem besonders viele radelnde Jugendliche verunglücken, ist gegen 16 Uhr, auf dem Weg zum Spielplatz. Insgesamt verunglückten 549 Jugendliche mit dem Fahrrad im vorigen Jahr.

„Holt die Kinder möglichst früh auf die Straße, um sie im Blick zu haben“, empfiehlt Bettina Cibulski vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Wer da wegen der Gefahren zusammenzuckt, dem hält der ADFC entgegen: „Auf der Straße sind Radfahrer am sichersten, weil Autofahrer sie immer im Auge haben“. Die meisten Unfälle ereigneten sich beim Queren von Straßen, wenn Radfahrer vorher hinter Bäumen oder parkenden Autos radeln und erst in letzter Sekunde von Autofahrern gesehen werden.

Mehr Radspuren direkt auf den Straßen, wie auf dem Südwestkorso in Wilmersdorf, könnten außerdem noch mehr Sicherheit schaffen. Die Radhochburgen Münster und Bremen würden deshalb systematisch Radwege auf Gehwegen abschaffen, diese durch Parkplätze ersetzen und die Fahrräder auf die Straße holen. Auch die sonst üblichen Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern, die sich bei einer Fahrradspur auf dem Gehweg den knappen Verkehrsraum teilen müssen, würden dadurch entschärft.