Architekturen der Wissenschaft : Wissensdurst und Raumhunger

Die Ausstellung „Architekturen der Wissenschaft“ zeigt, wie die Berliner Universitäten die Entwicklung der Stadt prägten – und umgekehrt.

Campus Dahlem: der Gebäudekomplex Rost- und Silberlaube.
Campus Dahlem: der Gebäudekomplex Rost- und Silberlaube.Foto: B. Wannenmacher

Von den Wurzeln der Berliner Wissenschaft in der kurfürstlichen Kunstkammer bis zu den spektakulären Neubauten der „Brain City“ spannt die Ausstellung „Architekturen der Wissenschaft. Berliner Universitäten in europäischer Perspektive“ den Bogen. Ihr größtes Objekt ist das Ausstellungsgebäude selbst: der Henry-Ford-Bau. Direkt vor seinen Eingang haben die Kuratoren eine erste Tafel postiert: Der transparente, moderne Bau ist ein prägnantes Beispiel für die „Architektur der Freiheit“, die den gesamten Campus der 1948 in Dahlem gegründeten Freien Universität prägt.

„Die H-Form des Gebäudes und der Vorplatz zur Boltzmannstraße sind eine direkte Reminiszenz an die alte Universität Unter den Linden“, erklärt Kurator Arne Schirrmacher. „Mit ihrem 1954 errichteten Hauptgebäude unterstrich die Freie Universität ihren Anspruch, dass hier – und nicht an der Universität in Ost-Berlin – der Ort sei, an dem das Humboldt'sche Ideal der freien Wissenschaft fortgeführt werde.“

Arne Schirrmacher, Privatdozent für Wissenschaftsgeschichte an der Technischen Universität Berlin, hat die Ausstellung gemeinsam mit Gabriele Metzler, Professorin für die Geschichte Westeuropas und der transatlantischen Beziehungen an der Humboldt-Universität zu Berlin, im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres 2018 konzipiert. Die Schau war im vergangenen Jahr an den beiden Berliner Universitäten zu sehen. Nun zeigt sie an der Freien Universität, wie eng wissenschaftliche Einrichtungen in Berlin bereits seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert miteinander verbunden waren. Sie thematisiert aber auch, wie schwierig es oft war, Kompromisse zu finden zwischen den Ansprüchen von Politik, Stadt und Wissenschaft.

Die Kunst der Improvisation

Schirrmacher deutet auf ein Foto der Humboldt-Universität, das 1951 entstanden ist, kurz vor Baubeginn des Henry-Ford-Baus. „Der repräsentative Mittelrisalit Unter den Linden war einer der ersten Gebäudeteile, die nach den Kriegszerstörungen wiederaufgebaut wurden, denn er trug den Schriftzug mit dem neuen Namen ‚Humboldt-Universität’.“ In Dahlem finanzierte währenddessen die amerikanische Besatzungsmacht die ersten Neubauten auf einem Campus im Grünen, der an US-Universitäten erinnert. Beim Wiederaufbau der Technischen Universität im britischen Sektor verzichtete man bewusst auf das Restaurieren des Hauptgebäudes und gab der Hochschule mit modernen Hochhäusern am Ernst-Reuter-Platz ein neues, demokratisches Gesicht. Abgesehen von den ideologischen Gegensätzen habe man im Ost- und im Westteil der Stadt unter erstaunlich ähnlichen Bedingungen geforscht und gelehrt, sagt Arne Schirrmacher. „In Ost-Berlin fanden sich viele Institute im zweiten Hinterhaus von gewöhnlichen Mietshäusern. Genauso war es für die Gründungszeit der Freien Universität prägend, dass die Seminare in ehemaligen Privatwohnungen stattfanden.“

Die Kunst der Improvisation und des Sich-Einrichtens in „Gehäusen“, die ursprünglich gar nicht für Forschung und Lehre gedacht waren, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Universität und so auch in Berlin. Schon als die Berliner Universität 1810 gegründet wurde, bezog sie einfach das Palais des zuvor verstorbenen Prinzen Heinrich. „Ein fürstliches Wohnzimmer ist sicher kein geeigneter Hörsaal“, sagt Arne Schirrmacher, „aber es musste funktionieren, bis man endlich umbauen konnte.“

„Deutsches Oxford“ in Dahlem

Eigens gebaut wurde zunächst nur für Disziplinen, die besondere Raumansprüche stellten. Für die Astronomen, die wegen des Smogs der wachsenden Stadt mit ihren Observatorien immer weiter an den Stadtrand zogen. Für die Chemiker, deren Experimente oft derart übel rochen, dass sie im Windschatten anderer Institute angesiedelt wurden. Für die Mediziner, die Patienten mit ansteckenden Krankheiten bereits seit 1710 in der Charité außerhalb der Festungsmauer versorgten. Das 1790 von Carl Gotthard Langhans erbaute Tieranatomische Theater auf dem heutigen Charité-Gelände – das älteste noch erhaltene akademische Lehrgebäude Berlins – wiederum illustriere das Zweckdenken der preußischen Könige, sagt Arne Schirrmacher. „Der wunderschöne Bau sollte den Status der Veterinäre erhöhen und für diesen Beruf werben. Denn gesundes Fleisch war für die preußische Armee wichtig.“ Allerdings zeige der Bau auch, wie schnell der Fortschritt in den Wissenschaften über solche Spezialbauten hinwegging. „Schon wenig später forschte man mit Mikroskopen im Labor.“ In vielen naturwissenschaftlichen Disziplinen seien Institute nach jeweils 30 Jahren veraltet, sagt Schirrmacher.

Für Neubauten wurde der Platz in der wachsenden Stadt jedoch immer knapper: Bereits in den 1890er Jahren hatte das Preußische Kultusministerium Probleme, wissenschaftliche Koryphäen nach Berlin zu locken, weil Bauplätze für moderne Institute fehlten. 1901 schlug Friedrich Althoff – im Amt des Ministerialdirektors der Gestalter der preußischen Hochschulpolitik – deshalb die Schaffung eines „Deutschen Oxford“ in Dahlem vor, eines vornehmen Villenvorortes, in dem mindestens 100 Hektar für die Spitzenforschung reserviert wurden. Ein zeitgenössischer Plan zeigt eine repräsentative, dicht bebaute Wissenschaftsstadt im Grünen. Realisiert wurden zunächst allerdings nur einige Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft sowie Archiv- und Museumsbauten. Erst in den 1960er Jahren füllte der weitläufige Campus der Freien Universität ungefähr die von Althoff anvisierte Fläche.

Die Ausstellung „Architekturen der Wissenschaft. Berliner Universitäten in europäischer Perspektive“ ist bis zum 10. März 2019 im Henry-Ford-Bau der Freien Universität zu sehen (Garystraße 35, 14195 Berlin, U-Bhf. Freie Universität/Thielplatz, U3). Am 11. März findet von 18.00 bis 20.00 Uhr eine Finissage statt mit einem Grußwort von Universitätspräsident Professor Günter M. Ziegler und einem Vortrag des Historikers Professor Paul Nolte vom Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität. Um Anmeldung bis zum 4. März wird gebeten: einladung@fu-berlin.de.