Aufarbeitung und Erinnerungskultur : Eine deutsche Bilderbuchhölle in Chile

An der Freien Universität Berlin entsteht ein audiovisuelles Archiv mit lebensgeschichtlichen Interviews über die jahrzehntelangen Verbrechen in der deutschen Auswanderersiedlung Colonia Dignidad in Chile.

Denis Yücel
Eine Grube auf dem Gelände der Villa Baviera der Colonia Dignidad, in der die Überreste von offiziell „verschwundenen“ Opfern der chilenischen Diktatur vergraben worden waren; das Foto entstand bei einer Gedenkfeier der Angehörigen im Jahr 2015
Eine Grube auf dem Gelände der Villa Baviera der Colonia Dignidad, in der die Überreste von offiziell „verschwundenen“ Opfern der...Foto: Oral-History-Archiv „Colonia Dignidad“ (CDOH), Freie Universität Berlin

In der deutschen Auswanderersiedlung „Colonia Dignidad“ im Süden Chiles wurden jahrzehntelang Kinder vergewaltigt, Gegner des Pinochet-Regimes gefoltert und ermordet. In Zusammenarbeit mit chilenischen Partnern entsteht an der Freien Universität Berlin nun ein digitales Oral-History-Archiv: Mehr als 50 Zeitzeugen erzählen von ihrer persönlichen Lebensgeschichte – was zu einer Rekonstruktion dieser Verbrechen beitragen kann.

Als die Kriminalpolizei Siegburg im Jahr 1961 wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch ermittelt, flieht der Jugendpfleger und Laienprediger Paul Schäfer nach Chile. Zahlreiche Anhängerinnen und Anhänger folgen wenig später freiwillig. 150 Kinder von Sektenangehörigen werden unter rechtlich fragwürdigen Umständen nach Chile gebracht. Der Evangelikale verspricht seinen Anhängern ein urchristliches Leben in einem gelobten Land.

Stattdessen erwartet sie die Hölle. Auf einem abgelegenen Farmgelände errichtet Schäfer eine totalitäre Diktatur in Kleinformat, die bald als „Colonia Dignidad“ – „Kolonie der Würde“ – bekannt wird. Der Alltag ist geprägt von sklavischer Feldarbeit, permanenter Überwachung, psychischer und physischer Gewalt. Mehr als 40 Jahre lang vergewaltigt Schäfer tagtäglich minderjährige Jungen. Von den 1970er Jahren an erhält der Geheimdienst des chilenischen Diktators Augusto Pinochet Zutritt zum Gelände. In einem Kartoffelkeller werden Regimekritiker gefoltert und ermordet.

Die Aufarbeitung steht am Anfang

„Die Aufklärung der Verbrechen verlief jahrelang nur schleppend“, sagt Stefan Rinke, Professor für die Geschichte Lateinamerikas am Lateinamerika-Institut der Freien Universität. Im Jahr 2006 wird Schäfer in Chile für den sexuellen Missbrauch von Kindern zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt. Vier Jahre später stirbt er - inzwischen 88 Jahre alt - im Gefängnis. „Die Aufarbeitung der genauen Geschehnisse steht noch am Anfang“, sagt Rinke. „Es gilt etwa zu klären, mit wessen Mitwissen und Hilfe dieser Schrecken möglich wurde.“

In Zusammenarbeit mit der Universidad Alberto Hurtado in Santiago de Chile und der Universidad Católica del Maule in Talca entsteht an der Freien Universität nun das Projekt „Colonia Dignidad - Ein chilenisch-deutsches Oral History-Archiv“. Finanziert vom Auswärtigen Amt im Auftrag des Deutschen Bundestags, wird über drei Jahre ein Internetportal entstehen, in dem Zeitzeuginnen und -zeugen die Geschichte der Colonia anhand ihrer persönlichen Erlebnisse beleuchten. Mit rund 50 Menschen in Deutschland und Chile führen die Forscherinnen und Forscher Videointerviews und bereiten diese wissenschaftlich auf. „Wir wollen einer Vielzahl von Menschen die Möglichkeit geben, von den Geschehnissen zu berichten“, sagt Stefan Rinke. „Sie erzählen, woran sie sich erinnern – in der Art und Weise und so ausführlich, wie sie es persönlich für richtig halten.“

Der ehemalige politische Gefangene Mile Mavroski im Interview mit Evelyn Hevia vom Archiv-Team.
Der ehemalige politische Gefangene Mile Mavroski im Interview mit Evelyn Hevia vom Archiv-Team.Foto. Oral-History-Archiv „Colonia Dignidad“ (CDOH), Freie Universität Berlin

Sprechen wird das Forschungsteam um Stefan Rinke, Philipp Kandler, Dorothee Wein und Cord Pagenstecher mit einstigen Bewohnerinnen und Bewohnern der Kolonie ebenso wie mit Folteropfern der Pinochet-Diktatur, Anwälten, Journalisten, Aktivisten und Polizisten. Auf diese Weise wird ein virtueller Erinnerungsort geschaffen, der die Möglichkeit bietet, sich der Geschichte aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu nähern.

"Ein immens wichtiges Signal"

Cord Pagenstecher arbeitet am Center für Digitale Systeme der Freien Universität (CeDiS) und ist verantwortlich für die technische Entwicklung und Umsetzung des Projekts. „Wir entwickeln eine digitale Forschungsumgebung“, sagt der promovierte Historiker. „Es werden audiovisuelle Forschungsdaten erhoben, erschlossen und für zukünftige Forschung und Lehre zugänglich gemacht.“ Sämtliche Interviews werden transkribiert, übersetzt und mit Timecodes versehen. Mit den Videos lässt sich dann verfahren wie mit einem digitalen Text. Sie lassen sich auf Spanisch und auf Deutsch im Volltext oder mit diversen Filtereinstellungen durchsuchen und ordnen. „Die Arbeit mit Videos ermöglicht eine ganz andere Forschung als die mit Texten“, sagt Pagenstecher. „Berücksichtigt werden können auch nonverbale Äußerungen. Gestik und Mimik, Sprechpausen oder Schweigen.“

Das Projekt ist aufgrund eines Bundestagsbeschlusses zustande gekommen: Deutschland hat offiziell zugesagt, den Fortgang der Aufklärungs- und Ermittlungsarbeiten zu unterstützen, Erinnerungs- und Begegnungsprojekte zu fördern und individuelle Hilfe für Betroffene bereitzustellen.

„Das ist ein immens wichtiges Signal“, sagt Wissenschaftler Stefan Rinke. „Jahrzehntelang hat man sich in der Bundesrepublik blind gestellt.“ Gerade bei Deutschen im Ausland sei man mehr daran interessiert gewesen, ein tadelloses Bild zu propagieren, statt Aufklärungsarbeit zu leisten. „Nach außen hielt man die Fassade aufrecht“, sagt Rinke. „Tüchtigkeit, Sauberkeit und Ordnung - die Colonia Dignidad präsentierte sich als ein kleines deutsches Idyll.“