Fachkonferenz zu Ehren von Emmy Noether : „Wie kommt das Neue in die Welt?“

Vor 100 Jahren wurde Emmy Noether als erste Frau in Deutschland als Mathematikerin habilitiert.

Anne-Sophie Schmidt
Sommerausflug zu einer Gartenwirtschaft: Emmy Noether (vorn Mitte) mit dem Mathematiker Hermann Weyl (4. v. l.) und seiner Familie sowie weiteren Mathematikern, darunter zwei Doktoranden von Emmy Noether. Halb verdeckt hinter ihr steht Emil Artin, mit dem sie eng zusammenarbeitete. Das Foto stammt vermutlich aus dem Juli 1933. Im Oktober 1933 emigrierte Emmy Noether in die USA.
Sommerausflug zu einer Gartenwirtschaft: Emmy Noether (vorn Mitte) mit dem Mathematiker Hermann Weyl (4. v. l.) und seiner Familie...Foto: Mathematisches Forschungsinstitut Oberwolfach (archives of P. Roquette, Heidelberg and C. Kimberling, Evansville; Natascha Artin)

Eine interdisziplinäre Fachkonferenz zu Ehren von Emmy Noether findet vom 3. bis 5. Juni 2019 an der Freien Universität Berlin statt. Die Mathematikerin wurde vor 100 Jahren als erste Frau in Deutschland im Fach Mathematik habilitiert. Veranstaltet wird die Tagung vom Berliner Exzellenzcluster MATH+ – einem gemeinsamen Projekt von Freier Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin und Technischer Universität Berlin –, vom Bereich Zentrale Frauenbeauftragte der Freien Universität und vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

Ein Gespräch mit der Zentralen Frauenbeauftragten der Freien Universität Mechthild Koreuber, die über Emmy Noether und die Noether-Schule promoviert hat, und Ralf Kornhuber, Professor für Mathematik an der Freien Universität Berlin.

Frau Koreuber, Herr Kornhuber, der Titel Ihrer Konferenz lautet „Wie kommt das Neue in die Welt?“ – was hat Emmy Noether Neues in die Welt gebracht?

MECHTHILD KOREUBER: Ihre besondere Leistung liegt darin, dass sie durch ihre strukturelle Perspektive völlig neue Zugänge zur Mathematik entwickelt hat. Diese Denkweisen erlaubten es ihr, sehr viel abstrakter nicht nur auf ihrem eigenen Gebiet, der Algebra, zu forschen, sondern diese Denkweisen auch auf andere Gebiete der Mathematik und der Physik zu übertragen.

RALF KORNHUBER: Emmy Noether gehört zu den Begründerinnen der modernen Algebra. Ihr Zugang konzentrierte sich auf Begriffe und Strukturen. Diese Denkweise erwies sich nicht, wie von prominenten Zeitgenossen befürchtet, als „substanzloses Spiel“, sondern im Gegenteil als äußerst fruchtbar für die gesamte Mathematik und darüber hinaus. So helfen die Noether-Theoreme – 1918 veröffentlicht und 1919 als Habilitationsschrift angenommen – über den Zusammenhang von Symmetrie und Erhaltungseigenschaften den Physikerinnen und Physikern bis heute bei der Entwicklung physikalischer Theorien.

Was bedeutet Ihnen Emmy Noether persönlich für Ihre Arbeit als Mathematiker?

KORNHUBER: Inhaltlich habe ich mit der Algebraikerin Emmy Noether wenig Überschneidungen. Mich hat aber immer beeindruckt, wie sie sich von äußeren Widerständen nicht beirren ließ. Ihr ging es allein um den Inhalt: die Mathematik.

Emmy Noether

Emmy Noether lieferte grundlegende Beiträge zur abstrakten Algebra; Die nach ihr benannten Noether-Theoreme bilden eine der wichtigsten Grundlagen der theoretischen Physik. Die Mathematikerin wurde 1882 in Erlangen geboren, der Vater lehrte Mathematik an der dortigen Universität. 1903 ging sie als Gasthörerin an die Universität Göttingen, damals ein Weltzentrum der Mathematik, an der auch die berühmten Mathematiker Felix Klein und David Hilbert lehrten. Im Winter 1904 schrieb sie sich an der Universität Erlangen ein und promovierte 1907 in Mathematik mit summa cum laude. Auf Einladung von Felix Klein und David Hilbert kehrte sie 1915 nach Göttingen zurück. Ihr Antrag auf Habilitation aus dem Jahr 1915 wurde abgelehnt. Erst in der Weimarer Republik wurde Emmy Noether 1919 an der Universität Göttingen als erste Frau in Deutschland in Mathematik habilitiert. Sie lehrte von jetzt an unter eigenem Namen und nicht wie zuvor unter dem Namen Hilberts, dennoch wurde sie erst ab 1923 für ihre Lehrtätigkeit entlohnt. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 wurde ihr die Lehrbefugnis entzogen, und sie emigrierte in die USA, wo sie an der Frauenhochschule Bryn Mawr College in Pennsylvania eine Gastprofessur annahm. Emmy Noether starb 1935 nach einer Tumoroperation.

Worin zeigten sich diese Widerstände?

KOREUBER: Sie war von vier Diskriminierungsmerkmalen betroffen: ihrem Geschlecht, ihrer israelitischen Religionszugehörigkeit, wie sie es selbst bezeichnete, ihrer politischen Orientierung – immerhin war sie drei Jahre Mitglied der sozialistischen USPD. Und schließlich wurde sie auch wegen ihres Verständnisses von Mathematik am Anfang mit großer Skepsis betrachtet. Sie hat die Probleme gesehen, die andere mit ihren mathematischen Ansätzen hatten. Aber ihre Prioritäten waren klar. Ein spätes Zitat von ihr trifft einen Grundton ihrer Biografie: „I always went my own way in teaching and research work.“ – „Ich bin in Lehre und Forschung immer meinen eigenen Weg gegangen.“

KORNHUBER: In einem engeren Kreis hatte sie Unterstützer: In einer Umgebung wie der Noether-Schule, in der Forschende sich mit Gedanken aus der Physik und aus der Chemie über Fachgrenzen hinweg auseinandersetzen konnten, fiel es vielleicht leichter, auch über Geschlechtergrenzen und religiöse Grenzen hinwegzudenken. Aber sobald es um die bürokratische Seite ging, sobald sie es mit Menschen zu tun hatte, die nicht mehr verstanden, was sie tat – und es waren nicht viele, die das verstanden – brach die Unterstützung weg.

Um Emmy Noether bildete sich „ein enger Kreis fortgeschrittener Studenten“, wie es in einem Gutachten heißt – der Beginn der Noether-Schule. Was war das Besondere?

KOREUBER: Seit ihrer Habilitation 1919 und der damit verbundenen Lehrerlaubnis kamen immer mehr Studierende nach Göttingen, weil sie ihre Vorlesungen besuchen wollten. So hat Noether zum Ruf Göttingens als Hochburg der Mathematik zu jener Zeit beigetragen. Mit ihrer Schule hat die Wissenschaftlerin einen Raum geschaffen, in dem die Beteiligten ein Stück weit frei von tradierten Denkmustern waren.

KORNHUBER: Wegen dieses Freiraums wurden ihre Veranstaltungen besucht. Denn Emmy Noether hatte beides: Die Menschen fühlten sich wohl bei ihr, und sie förderte klares Denken. Als Mitglied der Noether-Schule musste man sich enorm anstrengen. Man musste sowieso schon gut sein, und dann sollte man noch besser sein als die anderen. Trotzdem war es ein Miteinander. Mir fällt keine Person ein, um die herum sich ein vergleichbarer Denkraum gebildet hätte. Emmy Noether hat einen solchen Denkraum mit ihrer Persönlichkeit, Zielstrebigkeit und Güte geschaffen. Diese Sekundärtugenden verbunden mit einer Kraft des Geistes waren unschlagbar.

KOREUBER: Ihre Schülerinnen und Schüler, von denen viele auch Professuren innehatten, haben dieses Denken weitergetragen. Durch Noethers Emigration 1933 wurde das Netzwerk zwar zerstört; aber ihr Denken ist in den USA, in Japan, in China und in der Sowjetunion weiterverfolgt worden. Und auch in Deutschland, wenn auch zur Zeit des Nationalsozialismus nur mit großen Schwierigkeiten. Zu den in Deutschland tätigen Mathematikern gehört zum Beispiel der Niederländer Bartel van der Waerden, einer der bedeutendsten Schüler aus dieser Zeit …

KORNHUBER: … van der Waerden hat ein Lehrbuch der Algebra geschrieben, an dem kein Mathematiker vorbeikommt und in dem er Noethers Arbeitsmethoden letztlich kanonisiert hat.

Emmy Noether war die erste Frau, die in Deutschland im Fach Mathematik habilitiert wurde. Wie hat sich die Situation von Frauen in der Mathematik seitdem verändert?

KORNHUBER: Sie hat sich in mannigfacher Weise verändert. Aber es gibt immer noch zu wenige Professorinnen an deutschen Universitäten. Damit geht großes Potenzial verloren. Es gibt einen Grundsatz, den ich immer wieder bestätigt sehe: Gemischte Gruppen sind leistungsfähiger, aber schwerer zu kontrollieren. Frauen ändern die Atmosphäre in einer Gruppe – damit sind wir wieder bei Emmy Noether und der Noether-Schule.

KOREUBER: Heterogenität bricht Beharrungstendenzen. Frauen sind ein Teil von Heterogenität, das können aber auch andere Kulturkreise sein. Für mich ist es auch eine Frage der Gerechtigkeit. Ich möchte nicht, dass Frauen in Berufungsverfahren ausgegrenzt werden, weil über sie vorgefasste Annahmen gemacht werden. Das muss man reflektieren – und mit unserer Konferenz im Juni wollen wir diesen Reflexionsprozess befördern.

Neben Fachvorträgen sollen unterschiedliche Formate den Dialog fördern. Wie kann man sich eine interdisziplinäre Konferenz über Mathematik vorstellen?

KORNHUBER: Als eine Erweiterung der in Berliner Forschungsverbünden wie dem Exzellenzcluster MATH+ oder dem Sonderforschungsbereich 1114 „Skalenkaskaden in komplexen Systemen“ bereits etablierten Diskussionskultur zwischen Mathematik und Naturwissenschaften.

KOREUBER: Dahinter steht die Idee eines Wissenstransfers an der Schnittstelle von Mathematik, Wissenschaftsgeschichte und Geschlechterforschung. Wir haben vier besondere Formate: Zu Beginn bieten wir eine Campusführung an, auf der wir Lise Meitner und andere Wissenschaftlerinnen vorstellen, die auf dem Forschungscampus Dahlem gearbeitet haben. Außerdem werden eine Ausstellung über Mathematikerinnen heute und ein Theaterstück über Emmy Noether zu sehen sein. Zum Abschluss diskutieren drei Wissenschaftlerinnen und ein Wissenschaftler über das Verhältnis von Mathematik, Gesellschaft, Geschlecht und Diversität. Von außen betrachtet scheint Mathematik zuweilen außerhalb von Gesellschaft und Kultur zu stehen. Ich hoffe sehr, dass wir mit diesen Formaten und mit den Vorträgen namhafter Rednerinnen und Redner wie Christina von Braun, Anita Traninger und Leo Corry das Publikum anregen, sich mit Mathematik zu befassen und die Breite des Faches zu sehen. Und ich hoffe, dass es uns gelingt, Menschen über Disziplingrenzen hinweg in den Dialog zu bringen – ganz im Sinne Emmy Noethers.

Anmeldung zum Theaterstück am 4. Juni 2019 um 19 Uhr: noether@fu-berlin.de. Programm: www.noetherkonferenz2019.de

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