Forschen im Exil : Ein Netzwerk, das auffängt

Ein neues Programm an der Freien Universität unterstützt geflüchtete und gefährdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Dennis Yücel
Im Tandem die deutsche Sprache lernen können Flüchtlinge im Rahmen des Buddy-Programms, bei der jeweils ein studentischer Partner zur Seite steht.
Im Tandem die deutsche Sprache lernen können Flüchtlinge im Rahmen des Buddy-Programms, bei der jeweils ein studentischer Partner...Foto: Bernd Wannenmacher

Eine akademische Karriere ist eine Herausforderung. Der Weg zur Professur kann lang sein und ist sehr unsicher. Stellen für wissenschaftliche Nachwuchskräfte sind rar, der Konkurrenzdruck ist hoch. Viele junge Forscherinnen und Forscher hangeln sich jahrelang von einer befristeten Stelle zur nächsten. Wie man erfolgreich vorankommt, das ist oft nicht leicht zu durchschauen – erst recht nicht für Menschen, die in einem anderen Universitätssystem sozialisiert wurden.

Mit „Academics in Solidarity“ startet an der Freien Universität Berlin nun ein Projekt, das geflüchtete und gefährdete Forscherinnen und Forscher aus dem Ausland dabei unterstützt, in Deutschland wissenschaftlich Fuß zu fassen. „Bei uns melden sich etwa Menschen aus Syrien, die gerade promoviert hatten, als der Krieg ausbrach“, sagt Florian Kohstall, der das Projekt mit Unterstützung der Arab-German Young Academy of Sciences and Humanities (AGYA) an der Universität initiiert hat. „Oder Wissenschaftler aus der Türkei, die ihre Stelle aus politischen Gründen verloren haben.“

Mentorinnen und Mentoren stehen mit Rat und Tat zur Seite

Das Projekt, das am Center for International Cooperation der Freien Universität angesiedelt ist, wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung für drei Jahre mit rund 600 000 Euro gefördert. Es handelt sich dabei um ein Mentoring-Programm: Geflüchtete und gefährdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden mit etablierten Kollegen in Deutschland zusammengebracht, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. „Die Wissenschaftssysteme in Ländern wie Syrien oder der Türkei unterscheiden sich sehr von den hiesigen“, sagt Florian Kohstall. In Syrien etwa würden Wissenschaftler oft ihre ganze Laufbahn an der selben Universität verbringen, schon von der Promotion an. „Wer eine Promotionsstelle hat, für den läuft dort häufig der Vertrag einfach weiter“, sagt Kohstall. Ein deutscher akademischer Berufsweg verlaufe hingegen oft über mehrere wechselnde Stationen. Hinzu kämen andere Kriterien, an denen Nachwuchskräfte gemessen würden.

„Es geht etwa um die richtige Publikationsstrategie“, sagt Kohstall. Immens wichtig für die nächsten Schritte nach der Promotion seien Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften mit möglichst hoher Reputation. „Und natürlich ist das Einwerben von Drittmitteln inzwischen ein wichtiger Karrierefaktor“, sagt Kohstall. Um Gelder von Institutionen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder privaten Stiftungen zu bekommen, müssen Anträge geschrieben und komplizierte Bewerbungsverfahren durchlaufen werden.

In einem ersten Workshop sollen die dafür erforderlichen Kompetenzen vermittelt werden. Mit Unterstützung des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft findet an der Freien Universität im Juli ein zweitägiges Training für die Mentees und ihre Mentorinnen und Mentoren statt. Dort sollen die Nachwuchskräfte lernen, gemeinsame Forschungsprojekte zu entwickeln und zu beantragen. „Im Idealfall kann sich ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin auf diese Weise für einige Jahre eine eigene Stelle schaffen“, sagt Kohstall.

Ziel ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Rund 60 Mentees und 50 Mentorinnen und Mentoren haben sich schon bei „Academics in Solidarity“ gemeldet. Vera Axyonova, die das Programm koordiniert, bringt sie in einem Matching-Verfahren zusammen. „Wir achten nicht nur darauf, dass beide aus dem gleichen Fachgebiet kommen, sondern auch, dass sie auf einem ähnlichen Karrierelevel stehen“, sagt sie. „Ziel ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.“ Die meisten Mentees stammen aus Syrien und der Türkei. Doch es nehmen auch Menschen aus Venezuela, dem Irak oder dem Jemen teil. „Dabei bringen sie die ganze Bandbreite an Disziplinen mit“, sagt Axyonova. „Von der Soziologie bis zur Mikrobiologie.“

Das Programm richtet sich hauptsächlich an Menschen in den ersten Jahren nach Abschluss der Promotion. Doch berücksichtigt wurden Bewerberinnen und Bewerber in ganz unterschiedlichen beruflichen Situationen. „Tatsächlich haben wir Promovierende ebenso aufgenommen wie Menschen, die in ihren Heimatländern schon eine Professur innehatten“, sagt Axyonova. Nun soll das Programm Schritt für Schritt ausgebaut werden; geplant sind weitere Workshops und der Aufbau eines Netzwerks. So reisten Florian Kohstall und Vera Axyonova jüngst in den Libanon und nach Jordanien, um die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit dortigen Universitäten zu erurieren. „Unser Ziel ist es, ein transnationales Solidaritätsnetzwerk zu etablieren“, sagt Axyonova. „Wir haben noch viel vor.“