Geschichtswissenschaft : Weitreichende Liebe

Die Historikerin Claudia Jarzebowski von der Freien Universität Berlin erforscht Familien der frühen Neuzeit, die in einer Fernbeziehung lebten.

Pieter Cnoll und seine Familie, Batavia 1665: Pieters Frau, Cornelia van Niewenroode, Tochter eines niederländischen Diamantenhändlers und seiner japanischen Partnerin, war mit neun Jahren als Halbwaise allein aus Japan nach Batavia gekommen, um dort getauft zu werden. Diese Taufe war die Voraussetzung, um als Tochter ihres verstorbenen Vaters legalisiert zu werden. Ihre Mutter sah sie nie wieder. Ihre Herkunft war kein Hindernis für eine hochrangige Eheschließung und eine Karriere ihres Mannes in der niederländischen Ostindien-Kompanie. Das Gemälde von Jacob Coeman (1632–1676) aus dem Jahr 1665 trägt den Titel „Pieter Cnoll, Cornelia van Nijenrode und ihre Töchter“.
Pieter Cnoll und seine Familie, Batavia 1665: Pieters Frau, Cornelia van Niewenroode, Tochter eines niederländischen...Foto: Rijksmuseum Amsterdam

Bis an den Pazifischen Ozean ist Anna Christina Bering nun gekommen. Aufgebrochen vor sieben Jahren an der Seite ihres Mannes mit ihren beiden kleinen Kindern, dem damals zweijährigen Anton und der einjährigen Anna Hedvig, mit Dienern und fünf Soldaten, die ihnen ab Tobolsk Geleitschutz gegeben haben. Ihr Mann, Vitus Bering, der „Kolumbus des Zaren“, soll auf seiner Expedition einen Seeweg von Russland nach Amerika finden und die nördlichen Küsten des Zarenreichs vermessen. Gewaltige Schneestürme in Jakutsk hat Anna Christina erlebt und kräftezehrende Kälte. Vor zwei Jahren sind sie von dort weitergereist, noch einmal 1800 Kilometer bis nach Ochotsk. Zwei ihrer vier Kinder hatten sie in St. Petersburg zurückgelassen: Jonas war bei ihrer Abreise elf Jahre alt, sein Bruder Thomas neun. „Hette ich flügellen, ich flog gewiß zu ihnen, umb mich auß meiner qual zu helffen“, schreibt sie am 5. Februar 1740 an ihre Schwester ins ferne Europa.

„Die Reise der Berings nach Ostsibirien ist ein gutes Beispiel für die Vorstellung von Emotionalität und Familie in jener Zeit“, sagt Professorin Claudia Jarzebowski vom Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaft der Freien Universität Berlin. Gemeinsam mit Professorin Margaret Hunt von der Universität Uppsala in Schweden hat sie kürzlich in Berlin den Kongress „Emotion in Motion – Frühmoderne Familien und Gemeinschaften aus transnationaler und weltgeschichtlicher Perspektive“ organisiert, bei dem auch die Geschichte der Berings Thema war.

Kinder zu lieben, hieß, ihnen Bildung zu ermöglichen

„Für uns heute scheint es unmenschlich, zwei kleine Kinder zurückzulassen, um den eigenen Mann auf eine Expedition ans andere Ende der Welt zu begleiten“, sagt Claudia Jarzebowski: „Doch aus der Perspektive der Zeit hatten die Berings alles richtig gemacht.“ Die Kinder zu lieben, bedeutete damals vor allem, ihnen Bildung zu ermöglichen. Und das war im fernen Sibirien kaum möglich. Jonas und Thomas waren beim Aufbruch der Berings im Haushalt des Professors Adolph Florian Sigismund und seiner Frau untergebracht und am Gymnasium in Reval eingeschrieben. Während der Reise stehen die Eltern mit dem Ziehvater brieflich in Kontakt. Über einen Vertrauten lassen sie sich regelmäßig über das Wohlergehen ihrer Söhne in der Pflegefamilie berichten.

Historikerin Jarzebowski erforscht seit mehreren Jahren die Geschichte der Kindheit in der Zeit zwischen 1450 und 1850. Ihr Ansatz dabei ist es, Lebensläufe zu untersuchen, um Hinweise auf das Schicksal von Kindern zu erhalten. „Es ist schwierig, Kinder in den Quellen überhaupt auszumachen“, sagt sie. Dennoch ist es ihr in einigen Fällen gelungen.

So beschreibt sie in ihrer Habilitation „Kindheit und Emotion. Kinder und ihre Lebenswelten in der europäischen Frühen Neuzeit“, die im September 2018 als Buch erscheinen wird, auch die Familiengeschichte des Carl von Imhoff und seiner Kinder. Der Kolonialoffizier der Britischen Ostindien-Kompanie und Porträtmaler verbrachte seinen Lebensabend zur Goethe-Zeit am Hof von Weimar und beherbergte in seinem Haus vorübergehend Friedrich Schiller. Als junger Mann hatte er eine – für die damalige Zeit skandalöse – Affäre mit Anna Maria Chapuset de St. Valentin, mit der er ein außereheliches Kind zeugte. Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst nutzte das Paar die Gelegenheit, um sich nach London abzusetzen – das knapp acht Monate alte Kind Carl August ließen sie bei Anna Marias Großmutter in Stuttgart zurück. In London gaben sich beide als Ehepaar aus, fanden Zugang zum englischen Hof und bekamen ein zweites Kind. Carl August ließen seine Eltern in die britische Metropole nachholen und gingen mit ihm auf Ostindien-Reise, während der Zweitgeborene in London bei Freunden zurückgelassen wurde. „Auch dieser Fall zeigt, dass die räumliche Trennung zwischen Eltern und ihren Kindern in der frühen Neuzeit als völlig normal angesehen wurde, ja vielmehr: als Dienst an den Kindern“, sagt Jarzebowski, „denn seinem Bruder gegenüber äußerte Imhoff, dass ihm nur dieser Weg bleibe, um seinen Kindern etwas zu hinterlassen.“

Alternative Familienmodelle - gestern und heute

Doch auch im Fall Imhoff drängt der Wunsch nach einer guten Bildung für die Kinder in den Vordergrund der Überlegungen: Schon wenige Monate nach der Ankunft in Indien plant der Offizier die Rückreise seines Sohnes nach England, da dieser in Indien nicht genügend lernen könne. „Versorgung und Bildung gelten in dieser Zeit als Ausdruck für Liebe“, sagt die Historikerin: „Räumliche Distanz korreliert dabei nicht mit der emotionalen Distanz.“

Interessanterweise sind es häufig Biografien, die man heute als gescheitert ansehen würde, denen Claudia Jarzebowski in ihrer Forschung begegnet. Die Protagonisten ihrer Untersuchungen erproben alternative Familienpraktiken, suchen ihren Platz in der Gesellschaft.

Vielleicht könne ein Blick in die Geschichte auch helfen, gegenwärtig aktuelle Fragen zu beantworten, sagt Claudia Jarzebowski. Wie verhält sich die Gesellschaft etwa zu alternativen Familienmodellen homosexueller Paare? Wie zu bigamistischen Vorstellungen mancher Einwanderer? Das Ideal der Kleinfamilie, in der die Mutter mit den Kindern zu Hause am Esstisch wartet, bis der Vater von der Arbeit nach Hause kommt, wurde jedenfalls auch in früheren Jahrhunderten in der Realität nicht immer gelebt.