Institut für Theaterwissenschaft : Blick hinter die Kulissen

Das Institut für Theaterwissenschaft gehörte vor 70 Jahren zu den Gründungsinstituten der Freien Universität – eine Ausstellung anlässlich des Jubiläums beleuchtet die ersten 20 Jahre seines Bestehens.

Sören Maahs
Gottfried Benn, „Die Stimme hinter dem Vorhang“. Eröffnungsvorstellung des Theatersaals des Henry-Ford-Baus (heute Hörsaal A) durch die Studentenbühne des Theaterwissenschaftlichen Instituts am 19. Juni 1954.
Gottfried Benn, „Die Stimme hinter dem Vorhang“. Eröffnungsvorstellung des Theatersaals des Henry-Ford-Baus (heute Hörsaal A)...Foto: FU-Archiv/unbekannt

Als im Dezember 1950 das Wiener Burgtheater mit Ibsens John Gabriel Borkman in Berlin gastierte, forderten Westberliner Studierende sowie Angehörige der jüdischen Gemeinde die Absetzung des Gastspiels. Der Protest richtete sich gegen das Burgtheater-Ensemble-Mitglied Werner Krauß, der im NS-Propagandafilm „Jud Süß“ gleich mehrere Rollen gespielt hatte. Die Demonstranten durchbrachen mehrere Polizeiketten und demolierten die Glastüren des Foyers des Theaters am Kurfürstendamm.

Der Widerstand gegen die Aufführung ging auch an der Freien Universität nicht spurlos vorüber. Ernst Schröder, Staatsschauspieler und Gastdozent am Institut für Theaterwissenschaft, war bei der Demonstration durch den Wasserwerfer- und Holzknüppeleinsatz der Polizei schwer verletzt worden. Hans Knudsen, Professor für Theaterwissenschaft an der Freien Universität und Gründungsdirektor des Instituts, kündigte Schröder wegen dessen politischen Engagements die Lehrtätigkeit. Wie der Ausnahmeschauspieler Krauß, so hatte sich auch Knudsen bereitwillig in den Dienst des Nationalsozialsozialismus gestellt und nach 1945 seine Karriere zunächst relativ unbehelligt fortsetzen können.

Es sind Bezüge wie diese, denen die Ausstellung „Front – Stadt – Institut“ anlässlich des Institutsjubiläums detailreich nachgeht. „Die Theaterwissenschaft eignet sich besonders gut, um den Zusammenhang von Universitäts- und Stadtgeschichte in den 1950er und 60er Jahren aufzuzeigen“, erklärt Jan Lazardzig, Professor für Theaterwissenschaft an der Freien Universität. Gemeinsam mit dem Leiter der Theaterhistorischen Sammlungen Peter Jammerthal und Studierenden hat er die Ausstellung erarbeitet. Neben Fotografien, Ton- und Filmaufnahmen haben die Studierenden Briefwechsel, Anwaltsschreiben, Flug- und Zeitungsblätter sowie vielfältige weitere Originaldokumente aus dem Zeitraum von 1948 bis 1968 in Archiven und Bibliotheken gesammelt und zu einem zeitgeschichtlichen Mosaik zusammengefügt. Der Fokus der Ausstellung liegt auf den ersten 20 Jahren des Instituts, die besonders durch den ersten Lehrstuhlinhaber Hans Knudsen geprägt waren.

Das Institut wurde rasch zu einem Aushängeschild der Uni

Die Theaterwissenschaft gehörte zu den Gründungsdisziplinen der Freien Universität. Zum Wintersemester 1948/49 hatten sich 27 Studierende eingeschrieben, das Institut war damals im Dachstuhl der Boltzmannstraße 3 untergebracht – dem ersten Gebäude der Freien Universität. Das Institut wurde rasch zu einem Aushängeschild der Freien Universität. Der Ordinarius Knudsen war eine bekannte Größe im Westberliner Theater- und Kulturbetrieb der 1950er-Jahre. Sein Studententheater trat im Theatersaal des Henry-Ford-Baus auf und feierte landesweit Festivalerfolge. Studierende der Theaterwissenschaft prägten nicht nur die Westberliner Theater- und Presselandschaft, sondern fanden sich bald über die ganze Bundesrepublik verstreut.

Krass zeigen sich in der Person Hans Knudsens die Widersprüche und Probleme der Universitätsgründung. Knudsen war ein Schüler und Assistent Max Herrmanns, des 1942 nach Theresienstadt deportierten Berliner Germanisten und Begründers der Theaterwissenschaft. Von 1933 an hatte Knudsen sich als Theaterkritiker in den Dienst der nationalsozialistischen Theater- und Kulturpolitik gestellt. Von 1935 bis 1938 war er Herausgeber der Zeitschrift „Die Bühne“, dem Organ der Reichstheaterkammer, danach Hochschuldozent. 1943 wurde er für seine Treue mit einer sogenannten Führerprofessur an der Friedrich-Wilhelms-Universität belohnt. „Er kann“, so Lazardzig, „als Vertreter jener Assistentengeneration gesehen werden, der sich aufgrund der nationalsozialistischen Säuberungen an den Hochschulen überhaupt erst eine Karriereoption eröffnete.“

Nach dem Krieg wurde er auf eine Professur an der 1948 neu gegründeten Freien Universität berufen. Indem Knudsen das Andenken an seinen jüdischen Lehrer Max Herrmann vor sich hertrug, versuchte er sein Wirken während des Nationalsozialismus zu verschleiern. Er baute nach 1945 gemeinsam mit anderen zum Teil schwer belasteten Wissenschaftlern wie etwa dem Ehepaar Elisabeth und Herbert A. Frenzel die einstmals von Max Herrmann geleitete Gesellschaft für Theatergeschichte wieder auf.

Knudsens Karriereweg war charakteristisch für die Tätergesellschaft

Auch nach seiner Emeritierung im Jahr 1956 lehrte Knudsen weiter am Institut. Er übte durch seine zahlreichen Ämter im Westberliner Theaterleben – unter anderem als Vorstandsmitglied der Freien Volksbühne, Jury-Leiter für den Gerhart-Hauptmann-Preis für neue Dramatik und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Theatergeschichte – großen Einfluss auf die städtischen Bühnen aus. Das ging bis hin zu Entscheidungen für oder gegen bestimmte Aufführungen. Seine Kunstanschauung setzte sehr stark auf ein bürgerliches Unterhaltungsformat, „das entzückt, nicht beunruhigt“, sagt Jammerthal. Knudsens alte, aus den 1920er und 30er Jahren herrührende Ablehnung moderner und avantgardistischer Theaterströmungen erschwerte rückkehrenden Künstlern, die vor den Nationalsozialisten hatten ins Exil fliehen müssen, den ohnehin schwierigen Neuanfang. Prominentes Beispiel ist der Regisseur Erwin Piscator: Noch 1959 polemisierte Knudsen in seiner „Deutschen Theatergeschichte“ gegen „die Tage des billigen, politisch gemeinten Piscator-Theaters nach 1918“, an dem sich „der künstlerische Unwert eines politisch mißbrauchten Theaters erwiesen“ habe. „So wurden die alten Argumente aus den 1930er und 40er Jahren nach dem Krieg wieder neu aufgeladen“, sagt Lazardzig.

Hans Knudsen und Studierende in den 1950er Jahren im Haus Wiegand in der Peter-Lenné-Straße 28, früher Sitz des Theaterwissenschaftlichen Instituts.
Hans Knudsen und Studierende in den 1950er Jahren im Haus Wiegand in der Peter-Lenné-Straße 28, früher Sitz des...Foto: FU-Archiv/Erich Raillon

Als sich in den 1960er-Jahren – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des ersten Auschwitz-Prozesses (1963-1965) – das gesellschaftliche Klima wandelte, begann man öffentlich, Knudsens Karriereweg zu thematisieren, der als charakteristisch für die Tätergesellschaft angesehen wurde. Bei der Konzeption der Ausstellung, sagt Lazardzig, habe vor allem interessiert, ab wann und auf welche Weise NS-Verflechtungen überhaupt thematisiert und zum Argument geworden seien. Und welche Auswirkungen das Verschweigen und Unterdrücken eigener Schuld für die Theaterwissenschaft gehabt hat.

Das Studienangebot am Theaterwissenschaftlichen Institut und die Ansprüche der Studierenden angesichts der gesellschaftlichen und künstlerischen Entwicklungen fielen in den 1960er-Jahren zunehmend auseinander. Theorieinteressierte gingen an der Freien Universität zu Peter Szondi am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Eberhard Lämmert las Mitte der 1960er-Jahre nicht nur zur Literatur der NS-Zeit sondern thematisierte auch die Geschichte der Germanistik.

Gezeigt werden der Institutsalltag und das Studentenleben

Die Ausstellung, die am 15. November eröffnet wird, dokumentiert auch den Institutsalltag und das Studentenleben. Die Studentenbühne an der Freien Universität war der Kristallisationspunkt, an dem sich ästhetischer und politischer Widerstand gegen überkommene Theaterkonzeptionen formierte. Einer der dort aktiven Studenten war Jürgen Schitthelm, Mitbegründer der 1962 aus dem Studententheater hervorgegangenen Schaubühne am Halleschen Ufer in Kreuzberg und später langjähriger Direktor der Schaubühne am Lehniner Platz. Schitthelm verstand die Schaubühne als Gegengründung zu den etablierten Westberliner Stadttheatern.

Die gesammelten Mitschriften des Germanisten Alfred Hübner vermitteln einen Einblick in den Studienalltag der 1960er Jahre. Aus den Unterlagen geht hervor, dass in einer Hauptseminarklausur etwa die Lebensdaten von Regisseuren abgefragt wurden und Begriffsdefinitionen wie „Was ist die Teichoskopie?“ „Unfreiwillig komisch“ nennt Jammerthal die „Blätter zur Berufskunde“ von 1961, in denen unter dem Stichwort Karriereaussichten Frauen die Eignung fürs Theaterschaffen mit großer Selbstverständlichkeit abgesprochen wird: „Denn vor allem zu den Regie-Aufgaben gehört so viel Wille und Durchsetzungskraft, daß eine Frau leicht unterwegs erlahmt. Es ist ihr meist nicht gegeben, von einer Kommandowarte aus die Theaterschlacht zu lenken und sich bei den ,alten Theaterhasen’ durchzusetzen.“

Die Ausstellung „Front – Stadt – Institut“ wird am 15. November im Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität (Grunewaldstraße 35, 12165 Berlin) eröffnet. Parallel zur Ausstellung erscheint im Berliner Verbrecher Verlag ein Begleitband, der längere Essays und von Studierenden verfasste Kontextualisierungen ausgewählter Ausstellungsobjekte enthält.