Katastrophenforschung : Bereit für den Ernstfall?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin untersuchen die gesellschaftlichen Ursachen von Katastrophen und das menschliche Verhalten in Krisensituationen – seit mehr als 30 Jahren.

Verena Blindow
Traumatisierendes Erlebnis: Beim Elbe-Hochwasser 2013 stand die Altstadt von Meißen in Sachsen meterhoch unter Wasser.
Traumatisierendes Erlebnis: Beim Elbe-Hochwasser 2013 stand die Altstadt von Meißen in Sachsen meterhoch unter Wasser.Foto: Jürgen Lösel/dpa-Zentralbild

Satellitenaufnahmen geben nur eine Ahnung von den Dimensionen Hurrikans: Sie zeigen einen weißen Wirbel, der unentwegt um sich selbst kreist und sich unaufhaltsam den Karibikinseln nähert, die das Pech haben, auf seiner Zugbahn zu liegen – Barbuda, Haiti und Kuba etwa –, bevor er Florida auf dem amerikanischen Festland erreicht. 37 Stunden lang tobte sich Mitte September der Hurrikan Irma mit einer Windgeschwindigkeit von 295 Kilometern pro Stunde über den Inseln und Küstenregionen aus.

Damit hat er Geschichte geschrieben. Irma war der stärkste atlantische Hurrikan, der sich außerhalb des Golfs von Mexiko und der Karibik gebildet hat, seit Beginn der Aufzeichnungen des National Hurricane Centers in Miami, Florida. Er hinterließ eine Spur der Verwüstung: zerstörte Häuser, abgedeckte Dächer, überschwemmte Straßen. Es gab Dutzende Verletzte, mindestens 70 Menschen starben. Die Strom- und Wasserversorgung vieler Haushalte war tagelang unterbrochen. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen eine einzige Katastrophe.

Extreme Wetterereignisse beherrschen immer wieder die Nachrichten. Auch in Deutschland gab es im Sommer dieses Jahres starke Regenfälle, die Straßen und Keller unter Wasser setzten. Besonders schwere Schäden verursachten die Elbe-Hochwasser von 2013 und 2002, die die Menschen in den betroffenen Regionen wochenlang in Atem hielten.

„Für Soziologen wird ein Ereignis dann zur Katastrophe, wenn es die Menschen innerlich grundlegend erschüttert“, sagt Professor Martin Voss. Der Soziologe leitet die Katastrophenforschungsstelle (KFS) am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin. Voss und sein Team haben die Nachwirkungen der Elbe-Hochwasser auf die Betroffenen untersucht. „Wir fanden heraus, dass die Menschen dort nach wie vor stark leiden“, sagt er. „Sie sind wirklich traumatisiert. Und das nicht nur, weil sie materielle Verluste erlitten haben, sondern weil diese Menschen in eine für sie schwierige soziale Lage geraten sind.“

Gearbeitet wir auch an einem besseren Warnsystem für Extremwetterlagen

In einem aktuellen Forschungsprojekt vergleichen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Umgang mit dem Hochwasser und seinen Folgen hierzulande mit einer ähnlichen Situation im indischen Mumbai. Ein weiteres Projekt hat zum Ziel, gemeinsam mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD), dem Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin und weiteren Forschungspartnern ein verbessertes Warnsystem für Extremwetterereignisse zu entwickeln, durch das die Bevölkerung sowie Hilfsorganisationen und andere Einrichtungen frühzeitig gezielter über drohende Gefahren und konkrete Handlungsmöglichkeiten informiert werden können. Geplant sind auch neue internationale Kooperationen, um zum Beispiel zu erforschen, „wie die Lebensbedingungen in einer Krisenregion so stabilisiert und verbessert werden können, dass die Menschen dort ein würdevolles Leben führen können und nicht gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen“, sagt Martin Voss.

Für ihre Forschung arbeiten die Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler national und international mit vielen verschiedenen Einrichtungen zusammen: von privaten Unternehmen bis zu Behörden, von Bürgerinitiativen bis zu Hilfsorganisationen. „Unsere Arbeit ist umfassend“, sagt Martin Voss. „Wir entwickeln sozialwissenschaftliche Theorien und betreiben Grundlagenforschung, beschäftigen uns aber auch mit den konkreten Fragen unserer Partner aus der Praxis, etwa wie Hilfsorganisationen erfolgreich eine größere Evakuierung durchführen und die Menschen mit ihren ganz unterschiedlichen Bedürfnissen optimal versorgt werden können.“

Die Forschungsstelle hat bereits viele Katastrophen und Krisen aus wissenschaftlicher Sicht analysiert. Ihr Vorreiter und Begründer war der Kieler Soziologe Lars Clausen: 1972 wurde er in die Schutzkommission des Bundesinnenministeriums berufen. „Lars Clausen sollte herausfinden, welchen Einfluss der Mensch auf die Entstehung, den Ablauf und die Bewältigung von Katastrophen hat, und wie man die Bevölkerung auf einen Notfall – sprich Atomkrieg – vorbereiten könne“, sagt Martin Voss. „Man wollte wissen, wie die Menschen sich verhalten würden und was man tun müsse, um mit der Situation zurechtzukommen.“ Was aus heutiger Sicht ein wenig zynisch klingt, war vor 45 Jahren ein reales Szenario. „Lars Clausen entwickelte aus diesem Auftrag die theoretische Fragestellung: Was kann dazu führen, dass eine Gesellschaft überhaupt nicht mehr funktioniert? Das war der Beginn der soziologischen Katastrophentheorie.“