Kunstgeschichte : Das Mittelalter liegt gleich nebenan

Der niederländische Theologe und Kunsthistoriker Justin Kroesen spürt Zeugnissen des Katholizismus in protestantischen Kirchen nach.

Stefanie Hardick
Langhaus und Chor im Dom zu Havelberg werden noch immer von einem mittelalterlichen Lettner und einer monumentalen hölzernen Triumpfkreuzgruppe voneinander getrennt.
Langhaus und Chor im Dom zu Havelberg werden noch immer von einem mittelalterlichen Lettner und einer monumentalen hölzernen...Foto: Justin Kroesen

Manchmal braucht es vielleicht einen Niederländer, um den Deutschen zu erklären, welche Schätze ihre Heimat birgt. Justin Kroesen jedenfalls hat immer wieder festgestellt, dass die wenigsten Menschen hierzulande wissen, dass sich in vielen evangelischen Kirchen ein Zeitfenster direkt ins Mittelalter öffnet. Ins Mittelalter? Also in die Zeit vor Martin Luther, als alle Kirchen katholisch geweiht waren? „Es ist ein Paradox“, sagt Justin Kroesen, „aber die mittelalterliche Kirchenausstattung ist tatsächlich am besten in lutherischen Kirchen erhalten und nicht in katholischen.“

Auf dieses Phänomen ist der Theologe und Kunsthistoriker von der Universität Bergen Ende der 1990er Jahre durch ein schmales Buch gestoßen: „Die bewahrende Kraft des Luthertums“ von Johann Michael Fritz. 15 Jahre lang reiste Justin Kroesen nach der Lektüre durch Deutschland und besuchte landauf, landab Kirchen, Klöster und Kapellen, um die Auswirkung dieser bewahrenden Kraft vor Ort zu untersuchen. Seine These verhärtete sich: „Wer wissen will, wie im Mittelalter die Kirchen überall in Europa aussahen, fährt am besten in die Gebiete Deutschlands, die nach der Reformation lutherisch wurden, oder nach Skandinavien.“ Gerade deutsche Kirchen lieferten ihm die besten Beispiele für seine These.

Viele katholische Kirchen wurden im 17. Jahrhundert tiefgreifend barock umgestaltet, dadurch blieben nur wenige mittelalterliche Elemente erhalten. Altäre, Chorbänke, Kanzeln oder Taufsteine wurden entweder entfernt oder durch barocke Möbel ersetzt. Auch unter den Anhängern der radikaleren Reformation, wie sie Zwingli oder Calvin predigten, hatte die mittelalterliche Kirchenausstattung keine guten Überlieferungschancen: Die Zwinglianer und Calvinisten veranstalteten im 16. Jahrhundert in den Niederlanden und der Schweiz einen anti-katholischen Bildersturm und entfernten die komplette Einrichtung.

Reformation hieß nicht nur Umbruch

Die Lutheraner aber waren pragmatischer und behielten vieles, das für ihren Gottesdienst noch nützlich war. Es sei auch nicht auszuschließen, sagt Justin Kroesen, dass sie bewusst die mittelalterlichen, katholischen Wurzeln ihrer Kirche gepflegt hätten – und das, obwohl Luther oft als Revolutionär gesehen werde: „Aber Luther wollte keine neue Kirche stiften, sondern die bestehende reformieren. Und für diese Kontinuität waren die traditionsreichen Elemente im Kirchenraum wahrscheinlich genau die passenden Symbole.“ Um solche Schlüsse zu prüfen, sei es wichtig, in die Dörfer zu fahren, Kirchen miteinander zu vergleichen und mit den Küstern und Pfarrern über die Geschichte ihrer Gotteshäuser zu sprechen. „Reformation hieß nicht nur Umbruch. Reformation bedeutete auch Kontinuität, vor allem auf der Ebene des täglichen Lebens und der materiellen Kultur“, schließt Justin Kroesen aus seinen Untersuchungen. So resümiert er, dass mittelalterliche Elemente entweder weitergenutzt wurden, eine neue Funktion fanden oder einfach ungenutzt in der Kirche verblieben.

Kroesen vor dem Altarschrein (ausgehendes 15. Jh.) der Dahlemer St.-Annen-Kirche.
Kroesen vor dem Altarschrein (ausgehendes 15. Jh.) der Dahlemer St.-Annen-Kirche.Foto: Stefanie Hardick

„Als ich das erste Mal als Wissenschaftler über die deutsch-niederländische Grenze fuhr, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus“, erzählt er. Kroesens Heimatregion Groningen und das deutsche Ostfriesland gehören eigentlich zur selben Kulturlandschaft. Von außen sähen sich die Kirchen zum Verwechseln ähnlich, sagt der Theologe und Kunsthistoriker: „Aber während in calvinistischen niederländischen Kirchen jedes Symbol der – wie es damals hieß – ‚verfluchten Abgötterei' zerschlagen wurde, haben viele lutherische ostfriesische Kirchen sogar noch Sakramentshäuschen, obwohl die ihre Funktion längst verloren haben.“ In der katholischen Kirche wurde in Sakramentshäuschen das Allerheiligste aufbewahrt, Hostien und Wein als Leib und Blut Christi.

Nicht nur an der deutsch-niederländischen Grenze beließen die lutherischen Gemeinden die katholische Einrichtung ihrer Gotteshäuser. Die gotische Kirche St. Lorenz in Nürnberg beispielsweise hat noch bis heute ihre Seitenaltäre, obwohl dort im Luthertum gar keine Gottesdienste mehr abgehalten wurden. „Aber die Stifterfamilien hatten in die Seitenaltäre viel Geld investiert, und so blieben sie als Zeugnisse des Bürgerstolzes erhalten“, erklärt Kroesen.

Er wünscht sich, dass die Kirchen wertgeschätzt werden

Justin Kroesen arbeitet nach seiner Tätigkeit als Universitätsprofessor mittlerweile am Universitätsmuseum im norwegischen Bergen und hütet dort eine Schatzkammer mittelalterlicher Kunst: Die Sammlung des 1825 gegründeten Museums gehöre zu den besten in Europa, sagt er. Sie zeigt viele Elemente der Kirchenausstattung westnorwegischer Kirchen, vor allem aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Mit seiner Forschung will Kroesen zwei Fragen beantworten: „Wie sind die Lutheraner mit dem Erbe der mittelalterlichen Kirche umgegangen? Und welche Einsichten ermöglicht uns das in die mittelalterliche Kirche und Liturgie?“

Ein halbes Jahr hat der Wissenschaftler als Alexander-von-Humboldt-Stipendiat am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität bei Professor Christian Freigang verbracht, sein Aufenthalt in Berlin endet in wenigen Wochen. Kroesen hat ihn genutzt, um die hervorragenden Bestände der hiesigen Bibliotheken zu seinem Thema zu durchforsten und damit die Grundlage für sein nächstes Buch zu legen. Genauer gesagt wird es ein Bildband sein, denn „Wissenschaft und Vergnügen schließen einander nicht aus“.

Seit dem frühen 16. Jh. kaum verändert scheint die Dorfkirche zu Audorf (Altmark).
Seit dem frühen 16. Jh. kaum verändert scheint die Dorfkirche zu Audorf (Altmark).Foto: Justin Kroesen

450 atmosphärische Fotos von Kirchen und ihrer Ausstattung hat er auf seinen Reisen durch Deutschland aufgenommen, vom hessischen Gelnhausen, in dessen Marienkirche die mittelalterliche Ausstattung im Wesentlichen komplett erhalten geblieben ist, über das sachsen-anhaltinische Halberstadt mit seinem romanischen, dann gotisch umgebauten Dom, bis nach Bad Doberan im Landkreis Rostock. Das dortige Münster beherbergt die am besten erhaltene Ausstattung einer mittelalterlichen Klosterkirche in ganz Europa.

Die Bilder dokumentieren die vielen Spielarten mittelalterlicher Überlieferung und machen Lust, die deutsche Kirchenlandschaft selbst zu entdecken. Das sei beabsichtigt, sagt Kroesen: „Mein Ziel ist es, dass diese Kirchen besucht, wertgeschätzt und für die Zukunft erhalten werden.“

Sein Thema ist nicht rein kunsthistorisch

Vermittlung war dem 41-Jährigen schon immer wichtig. Für verschiedene niederländische Kirchen hat er Videorundgänge konzipiert, 2013 wurde er zum besten Lehrenden der Universität Groningen gekürt, darüber hinaus entwickelte er Ausstellungen und Workshops zu mittelalterlichen Kirchen für Schülerinnen und Schüler. Sein Thema sei schließlich nicht rein kunsthistorisch, sagt Kroesen. Es vermittele ein Wissen, das zum Teil verlorengegangen sei: „Im Mittelalter hätte ein Portugiese keine Erklärung gebraucht, um eine finnische Kirche zu verstehen. Europa war kulturell enger verbunden als heute“, sagt der Religionswissenschaftler. Und dieser verbindenden europäischen Kultur könne man nirgendwo näherkommen als in einer lutherischen Kirche.