Lange Nacht der Wissenschaften : Knigge geht um

Wie begegnen und behandeln wir einander – bei der Arbeit, im Seminar, in den Sozialen Medien? Der „Knigge“ wird an der Freien Universität neu gelesen, besprochen und gesehen.

Kerrin Zielke
Knigge auf Campus-Tour: Ein lebensgroßer Papp-Knigge mit Tasse der Freien Universität animiert dazu, sich an der Debatte zum Umgang miteinander zu beteiligen.
Knigge auf Campus-Tour: Ein lebensgroßer Papp-Knigge mit Tasse der Freien Universität animiert dazu, sich an der Debatte zum...Foto: Melanie Wiener

Alle kennen Knigge, aber kaum jemand kennt das Buch, für das der Name steht“, sagt Anita Traninger, Professorin für Romanistik an der Freien Universität Berlin. Das Buch hinter dem berühmten Namen bekannt zu machen und es neu für die Gegenwart zu entdecken, das haben sich Anita Traninger und das Team des Projekts #kniggegehtum vom Dahlem Humanities Center vorgenommen.

Adolph Freiherr Knigge hat mit seinem 1788 erschienenen Werk „Über den Umgang mit Menschen“ keine Sammlung von Anstandsregeln vorgelegt – anders als es viele Menschen heutzutage mit seinem Namen verbinden: „Knigge“ gilt vielen als Synonym für Benimmregeln, und zahlreiche Ratgeberbücher zur Etikette tragen den Namen im Titel. „Knigge war ein Autor der Aufklärung, gutes Benehmen war für ihn ein Projekt der Selbsterziehung“, erläutert Anita Traninger. „Sein Buch ist eine Anleitung, wie wir über uns nachdenken und wie wir unser eigenes Handeln reflektiert steuern können. Dieser aufklärerische Aspekt ist uns wichtig.“ Das Besondere am Projekt sei, dass es alle Mitglieder der Universität einbeziehe, sagt Katja Heinrich. Die Geschäftsführerin des neuen Exzellenzclusters „Temporal Communities“ schlug Knigges Buch vor, als es darum ging, sich an dem Wettbewerb „Eine Uni – ein Buch“ zu beteiligen, ausgeschrieben vom Stifterverband und von der Klaus Tschira Stiftung in Kooperation mit dem ZEIT Verlag. Der Projektantrag erhielt als einer von zehn bundesweit den Zuschlag. Das Team kann mit den Fördermitteln nun über ein Jahr hinweg zur Reflexion über den „Umgang mit Menschen“ anregen, an der Universität und in der Öffentlichkeit. Start ist am 15. Juni mit der Langen Nacht der Wissenschaften.

Einblicke in Forschungsthemen rund um Aufrichtigkeit und Höflichkeit

„Was wir bei der Langen Nacht machen? Wir lesen das Buch!“, sagt Anita Traninger. Mitglieder der Freien Universität – Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Verwaltung und Forschung, Studierende ebenso wie Präsident Günter M. Ziegler – lesen ihre Lieblingspassagen aus dem Knigge vor, von 17.00 bis 21.00 Uhr jeweils zur vollen Stunde im „Theaterhof“ (hinter den Hörsälen 1 a und 1 b, Habelschwerdter Allee 45). Einblicke in ihre Forschungsthemen rund um Aufrichtigkeit und Höflichkeit – aber auch um Hass und Aggression – geben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Kurzvorträgen um 17.30, 18.30, 19.30 und 20.30 Uhr. Besucherinnen und Besucher können sich dem Thema auch spielerisch an einem Glücksrad nähern (17.00 bis 21.30 Uhr) und Kinder beim „Knigge for Kids“ mitmachen (18.00 Uhr). „Ein Highlight bei der Langen Nacht ist unser Film, in dem Mitglieder der Freien Universität aus unterschiedlichsten Bereichen zu Wort kommen. Sie sprechen darüber, wie wir uns an der Freien Universität, aber auch außerhalb begegnen und behandeln, wie wir miteinander reden und arbeiten. Die vielfältigen Perspektiven, die wir in Interviews gesammelt haben, sind spannend und ein hervorragender Ausgangspunkt für unser Knigge- Jahr“, sagt Katja Heinrich. Sie hat das Konzept für den Film erarbeitet, gemeinsam mit Simon Godart, der kürzlich an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien promoviert wurde. Der 90-minütige, von dem Studenten der Filmwissenschaft Johannes Sima realisierte Film ist von 17.00 bis 21.30 Uhr in Schleife zu sehen: in Hörsaal 1 b mit großer Leinwand und ansteigenden Stuhlreihen wie im Kino.

Auf digitalen Plattformen scheinen die Menschen sich anzuschreien

Auch Soziale Medien werden in den kommenden Wochen und Monaten Teil des Knigge-Projekts sein. „In den digitalen Medien kommunizieren wir vielfach immer noch so, als ob wir miteinander sprechen würden, aber das Medium ist schriftlich“, sagt Anita Traninger. „Diese Begegnungen müssen wir neu steuern lernen, denn man hat oft das Gefühl, dass sich Menschen auf digitalen Plattformen anschreien.“ Freiherr Knigge mahnte seinerzeit beim schriftlichen Umgang miteinander noch mehr Vorsicht an als beim Reden: Ein „einziges hingeschriebenes unauslöschliches Wort“ habe „manches Menschen Ruhe und oft auf immer den Frieden einer Familie zerstört“, ein „übereiltes mündliches Wort wird wieder vergessen“, aber ein geschriebenes könne noch nach 50 Jahren „Unheil stiften“.

Für Simon Godart kann das Nachdenken über digitale Regeln der Höflichkeit auch von seinem Lieblingskapitel „Über den Umgang mit sich selbst“ in Knigges Buch ausgehen: „Wenn man sich selbst als eine Person begreift, mit der man höflich und sorgsam umgehen soll, kann das eine weitere Perspektive auf die digitale Kommunikation öffnen.“ Das Team will im Wintersemester vor allem über Twitter, Facebook und Instagram eine Diskussion über einen guten Umgang im Netz anstoßen und bündelt die Aktionen unter dem Hashtag #kniggegehtum. Ebenfalls für das Wintersemester haben Anita Traninger und Simon Godart eine Vorlesungsreihe für den „Offenen Hörsaal“ konzipiert. Auf dem Programm stehen Anstand und Höflichkeit aus interkultureller und interdisziplinärer Sicht.

Wer am 15. Juni in der Langen Nacht der Wissenschaften über das Thema Knigge weiter diskutieren möchte, hat dazu reichlich Gelegenheit: Von 21.30 Uhr an lädt das Dahlem Humanities Center im Theaterhof zu einem Sommerfest mit Musik und Cocktails ein – und zum entspannten Umgang mit Menschen.