Roboter übernehmen immer mehr Aufgaben : Technologie mit System

In China, den USA und Europa wird Künstliche Intelligenz unterschiedlich bewertet und eingesetzt. Wie das die jeweilige Gesellschaft beeinflusst, untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Freien Universität Berlin.

Jonas Huggins
Schöne neue Arbeitswelt? Roboter übernehmen immer mehr Aufgaben.
Schöne neue Arbeitswelt? Roboter übernehmen immer mehr Aufgaben.Foto: diekleinert.de, Christian-Möll

Roboter, die Menschen im Job ersetzen, deren Privatsphäre zerstören, alles kontrollieren und irgendwann die ganze Welt regieren: Derartige Science-Fiction-Dystopien erscheinen heute plausibler denn je. Manche vergleichen die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz sogar mit einem Umbruch wie der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert.

Technologien selbst sind weder gut noch böse. Ob sie die Gesellschaft voranbringen oder durch sie Dystopien wahr werden, hängt von den Menschen ab: von Entwicklerinnen und Entwicklern, von Nutzerinnen und Nutzern. Das ist die Annahme der Sinologieprofessorinnen Genia Kostka und Sabrina Habich-Sobiegalla von der Freien Universität, die das Forschungsprojekt „Staat-Wirtschaft-Beziehungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“ initiiert haben, das von der VolkswagenStiftung mit einem einjährigen Planning Grant gefördert wird.

Die beiden Wissenschaftlerinnen wollen erforschen, wie sich die Rolle von Staat und Wirtschaft in China von der in Europa und den USA unterscheidet. Ihre These: Weil Künstliche Intelligenz in den drei Regionen unterschiedlich erforscht, eingesetzt und angesehen wird, variieren auch die Auswirkungen auf die jeweilige Gesellschaft.

Algorithmen verbessern sich ständig

Die beiden Berliner Sinologinnen haben ein internationales Wissenschaftsteam zusammengestellt von der Johns- Hopkins-Universität in den USA über Einrichtungen in Berlin und Singapur bis zur Peking-Universität in China, das Sozialwissenschaften mit technischen Wissenschaften verbindet. Überzeugt das Forschungskonzept die Stiftung, stehen vom kommenden Jahr an bis zu 1,5 Millionen Euro zur Verfügung, um das Thema gründlich zu untersuchen.

„Um Künstliche Intelligenz zu entwickeln, müssen Firmen Zugriff auf Daten haben und diese geeignet strukturieren können“, sagt Sabrina Habich-Sobiegalla. Das gelte vor allem für die Technologien, die uns heute schon begegnen. Wenn Netflix „weiß“, welche Filme uns gefallen, Facebook „errät“, wer auf Reisefotos zu sehen ist, oder Computer steuern, wie groß Produktbestände in Amazon-Warenhäusern sein sollen, dann ist die Grundlage dafür immer maschinelles Lernen: Algorithmen verbessern sich, ohne dass ein Mensch den Code schreibt. Diese Form der Künstlichen Intelligenz ist in den USA und in China erfolgreich, wo große Konzerne Daten sammeln und die Gesetze es erlauben, mit den Daten zu experimentieren.

Es gibt jedoch noch andere Teilgebiete der Künstlichen Intelligenz. „Wer von Robotern träumt, die sprechen und handeln wie ein Mensch, der denkt nicht an maschinelles Lernen“, sagt Jesse Lehrke. Der promovierte Politologe ist für die Arbeit an dem Forschungskonzept an die Freie Universität gekommen. „Den Stoff für Science-Fiction findet man beim Human-Brain-Projekt.“

Eine Kooperation von mehr als 130 Instituten

Dieses ist ein sogenanntes Flaggschiff der von der Europäischen Union finanzierten Forschungsvorhaben: Mehr als 130 Forschungsinstitute arbeiten dabei gemeinsam daran, das menschliche Gehirn nachzubilden. Es könnte ein Meilenstein auf dem Weg zu einem Roboter sein, der von einem Menschen nicht zu unterscheiden ist. Das Gebiet ist aber für die Privatwirtschaft noch uninteressant und darum auf staatliche Förderung angewiesen.

Auch China will Spitzenreiter in der Forschung sein, geht aber anders vor. „Der Staat wählt erfolgreiche Firmen aus, versorgt sie mit viel Geld und sagt ihnen, in welchem Feld sie die ,Champions’ sein sollen“, sagt Sabrina Habich-Sobiegalla. „In Deutschland und den USA wird der Markt dagegen gesetzlich reguliert, nicht durch direkte Interventionen.“

In China dominiere das staatliche Interesse an der Kontrolle über die Gesellschaft, sagt die Sinologin. Nicht zuletzt, weil in der Struktur jedes Unternehmens eine Organisationseinheit der kommunistischen Partei verankert sein müsse. Und wenn es um nationale Sicherheit gehe, müssten Firmen dem Einparteienstaat Zugriff gewähren. „Alles kann zu einer Angelegenheit nationaler Sicherheit erklärt werden“, sagt die Sinologin.

Technologischer Fortschritt lässt sich nicht aufhalten

Der chinesische Staatskapitalismus, die amerikanische freie Marktwirtschaft und die europäische Regulierung nach dem Vorsorgeprinzip: In den drei Systemen werden Technologien und ihr Einsatz oft ganz unterschiedlich bewertet. Ein Beispiel dafür ist die automatische Gesichtserkennung: „Sie hilft der chinesischen Polizei in manchen Städten bereits heute, Menschen innerhalb von 15 Minuten zu bestrafen, wenn sie bei Rot die Straße überqueren“, sagt Sabrina Habich-Sobiegalla.

Während man die Überwachung in China als Gewinn an Sicherheit verstehe, empfinde man sie im Westen als Bedrohung der Freiheit. So hat San Francisco beispielsweise den Einsatz von Gesichtserkennung gerade erst verboten. „In Europa würden die meisten Unternehmen gar nicht daran denken, solche Technologien zu entwickeln, weil sie wissen, dass der Staat ihren Einsatz nicht zulassen würde“, sagt die Sinologin. Technische Entwicklungen ließen sich zwar nicht aufhalten. Darauf, wie sie die Gesellschaften verändern, hätten Staaten aber größeren Einfluss, als vielen Entscheidungsträgern bewusst sei.