Soziale Netzwerke für Unternehmen : Digitales Teamwork über Hierarchien hinweg

Der Wirtschaftsinformatiker Christian Meske untersucht Programme, die eine Art unternehmensinternes Facebook anbieten.

Dennis Yücel
Christian Meske: „Mich interessiert, wie neue Kommunikationstechnologien die Organisationsstrukturen in Unternehmen verändern.“
Christian Meske: „Mich interessiert, wie neue Kommunikationstechnologien die Organisationsstrukturen in Unternehmen verändern.“Foto: promo

Soziale Netzwerke haben weltweit die Art und Weise verändert, wie Menschen miteinander kommunizieren. Längst geht es dabei nicht mehr nur um die Pflege freundschaftlicher oder familiärer Beziehungen. Inzwischen gibt es kaum noch größere Unternehmen, die nicht auf Facebook oder Twitter vertreten sind. Sie nutzen die Plattformen vor allem, um mit ihren Kunden in Kontakt zu treten. Seit einigen Jahren finden aber auch andere soziale Netzwerke in der Unternehmenskommunikation Verwendung: Plattformen wie „IBM Connections“, „Jive“, oder „Slack“ sind sogenannte Enterprise Social Networks. Sie dienen nicht der Kommunikation nach außen, sondern ausschließlich der Vernetzung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter untereinander. Das Ziel der Unternehmen: globales Teamwork ohne formale Barrieren.

„Mit Enterprise Social Networks sollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vernetzt werden, die nicht nur in riesigen Konzernen, sondern auch in mittelständischen Unternehmen sonst vielleicht nie voneinander wüssten“, sagt Christian Meske. Der Juniorprofessor für Wirtschaftsinformatik an der Freien Universität Berlin beschäftigt sich insbesondere mit digitaler Transformation und strategischem Informationsmanagement. Meske ist auch Mitglied des Einstein Center Digital Future (ECDF) – einer Forschungseinrichtung von Freier Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, Technischer Universität Berlin, der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie der Universität der Künste, die sich mit den Herausforderungen der digitalen Zukunft befasst. „Mich interessiert unter anderem die Frage, wie neue Kommunikations- und Kollaborationstechnologien im Zuge der Digitalisierung die Arbeitsplätze, Zusammenarbeit und letztlich Organisationsstrukturen in Unternehmen verändern bzw. transformieren“, erläutert der Wirtschaftsinformatiker. Zu solchen Technologien zählen auch die Enterprise Social Networks: „Man will mit diesen unternehmensinternen Netzwerken Informations- und Wissensflüsse über die Grenzen von Hierarchien, Abteilungen und Ländern hinweg ermöglichen.“ Darüber hinaus fördern digitale Netzwerke einen sozialen Austausch im Unternehmen, der sich in einer zunehmend anonymisierten Arbeitswelt auch positiv auf die Zufriedenheit und das Befinden des Personals auswirkt.

Durch interne soziale Netzwerke werden Hierarchien egalisiert

Unternehmen seien heutzutage wie Großstädte, sagt Meske: zunehmend anonym. Das sei für die Organisationen von Nachteil. „Ein stärkeres Wir-Gefühl fördert letztlich auch die Motivation der Mitarbeiter und die Identifikation mit dem Unternehmen.“ Vor allem aber bedeute Kommunikation oft auch Innovation. Ein großes Potenzial der sozialen Netzwerke liege in dem, was man in der Fachsprache „Serendipität“ nennt. „Das meint eine zufällige, vorteilhafte Entdeckung, die vorher nicht geplant bzw. beabsichtigt war. Wenn sich also über die Vernetzung von Mitarbeitern ganz neue Dynamiken und Möglichkeiten ergeben, die man nicht vorhersehen konnte.“

Christian Meske beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Enterprise Social Networks, unter anderem in Bezug auf das Thema Hierarchie: „Hierarchien sind für Unternehmen überlebenswichtig. Andererseits sorgen sie oft für eine gewisse soziale Distanz und hemmen den Austausch. Enterprise Social Networks bieten hier eine große Chance.“ Eine Studie zu dem Thema hat Meske bereits bei einem weltweit agierenden Beratungsunternehmen durchgeführt. In einer anonymisierten Auswertung der Kommunikationsdaten konnte er mit Kollegen herausfinden, dass das firmeninterne Netzwerk über einen Zeitraum von drei Jahren egalisierend wirkte – dass also die Relevanz der Hierarchiestufen innerhalb des digitalen Netzwerkes abgebaut und die Kommunikation gefördert wurde. „Bei der Einführung des internen Social Networks zählte die formale Hierarchiestufe eines Mitarbeiters noch vergleichsweise viel“, sagt Meske. „Wer zum Beispiel einen niedrigeren Status hatte, bekam in der Regel weniger Rückmeldung und Antworten auf seine Fragen.“ Mit der Zeit sei der Einfluss des Hierarchiestatus aber gesunken. „Der Einfluss hing später viel mehr von der eigenen Aktivität im Netzwerk ab – und nicht mehr vom Titel auf der Visitenkarte.“

Solche Effekte führten letztlich dazu, dass eine bessere Verteilung von Informationen stattfindet, wovon auch hierarchisch höher gestellte Personen profitierten. Zugleich werde der „Onboarding“- Prozess unterstützt, da neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unternehmen schneller in das Netzwerk integriert würden und somit einfacher an existierendes Wissen gelangen könnten.

Wirken die positiven Effekte in der Offline-Welt nach?

Im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojekts will der Wirtschaftsinformatiker nun einen Schritt weiter gehen: in die Offline-Welt. „Die spannende Frage ist, was außerhalb der Netzwerke passiert. Sind die egalisierenden Effekte der digitalen Netzwerke auch in realen Team-Meetings und Entscheidungssituationen spürbar – oder gilt da plötzlich wieder ausschließlich die alte Hierarchie?“ Um das herauszufinden, wird Christian Meske erneut anonymisierte Daten aus den Firmennetzwerken analysieren. Dieses Mal wird das soziale Netzwerk eines großen Automobilzulieferers untersucht. Ergänzend werden Einzelbefragungen geführt, die es ermöglichen sollen, die hierarchieübergreifende Zusammenarbeit in der Online- und Offline-Welt zu erfassen und miteinander zu vergleichen.

Aus seiner Forschung will Meske jedoch kein Plädoyer für einen bedingungslosen Hierarchie-Abbau ableiten. „Unternehmen können ohne Hierarchie nicht überleben“, sagt er. „Sie ist wichtig für die Entscheidungsfindung und Verteilung von Verantwortlichkeiten. In dem Beratungsunternehmen, das wir untersucht haben, waren die Entscheider allerdings froh, dass sich die Menschen durch die Nutzung des Enterprise Social Networks mehr zugetraut und auf diese Weise mehr von sich eingebracht haben.“ Wenn sich die Beschäftigten intensiver untereinander austauschen, sei das für ein Unternehmen immer von Vorteil: „Das gilt noch stärker im Zuge der Umwälzungen, die mit der gegenwärtigen digitalen Transformation in Unternehmen einhergehen.“