Veterinärmedizin : Schau’ mir in die Augen!

Einsatz für das Tierwohl: Miriam Stach untersucht in ihrer Dissertation Augenerkrankungen von Robben.

Verena Blindow
Miriam Stach untersucht das Auge eines Seelöwen mithilfe einer Handspaltlampe. Die mikroskopische Betrachtung ist nur möglich, wenn das Tier stillhält. Doch kann die Hand als "Andockstelle" helfen, den Kopf zu fixieren.
Miriam Stach untersucht das Auge eines Seelöwen mithilfe einer Handspaltlampe. Die mikroskopische Betrachtung ist nur möglich,...Foto: Corinna Eule/Miriam Stach

Sie sind eine Attraktion, ob zur Fütterungszeit im Zoo, als Maskottchen des Norddeutschen Rundfunks oder als Plüschtier im Kinderzimmer. Robben sind bei vielen Menschen beliebt – und das liegt nicht zuletzt an ihren meist großen dunklen Augen, die das Kindchenschema perfekt erfüllen. Anatomisch sind die Augen von Robben optimal an das Leben unter Wasser angepasst: Sie sind lichtempfindlicher als die Augen von Landsäugern, und ihre Linse verfügt über andere Lichtbrechungseigenschaften. Unter Wasser – in ihrem Jagdrevier – können Robben ausgezeichnet sehen.

Allerdings sind gerade die großen Augen der Robben auch besonders anfällig für Erkrankungen. „Das Auge ist ein gut durchblutetes Organ. Es reagiert schnell auf innere Beschwerden und äußere Umwelteinflüsse“, sagt Miriam Stach. Die Doktorandin beschäftigt sich in ihrer Dissertation am Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin intensiv mit Augenerkrankungen bei Robben, die in menschlicher Obhut leben. Betreut wird sie dabei von Professorin Corinna Eule, die die Abteilung für Augenheilkunde in der Klinik für kleine Haustiere am Fachbereich Veterinärmedizin leitet.

Derzeit leben bundesweit etwa 300 Robben in 42 Zoos, Aquarien, Freizeitparks, Forschungs- und Aufzuchtstationen. Für eine Untersuchung eignen sie sich vergleichsweise gut: „Sie sind den Kontakt zum Menschen gewohnt“, sagt Miriam Stach. „Zudem ist ihr Auge aufgrund seiner Größe gut einsehbar.“ Konkrete wissenschaftliche Daten über die Augengesundheit der Meeressäuger gebe es aus dem europäischen Raum bislang jedoch kaum. Dabei zeigten erste Voruntersuchungen der Doktorandin, dass Augenveränderungen unter Robben in Haltungseinrichtungen stark verbreitet sind: Etwas mehr als die Hälfte der untersuchten Tiere – 57 Prozent – ist betroffen.

Die häufigsten Erkrankungen sind Hornhautentzündungen

Die häufigsten Erkrankungen sind Hornhautentzündungen (Keratitiden), die mit Schmerzen einhergehen und das Sehvermögen beeinträchtigen können, und der Graue Star (Katarakt), eine pathologische Linsentrübung. Über die Ursachen der Augenleiden gibt es bisher nur wenige Hypothesen: zu starke Sonneneinstrahlung sowie veränderte chemische oder mikrobiologische Wasserwerte etwa. „Es gilt, die Beeinträchtigungen bei Tieren in menschlicher Obhut zu verhindern“, sagt Miriam Stach.

In Zoos und anderen Haltungseinrichtungen weiß man um das Problem, Miriam Stachs Projekt trifft deshalb dort auf große Resonanz. „Die Zootierärzte und anderen Mitarbeiter haben ein Interesse, die Ursachen festzustellen, um die Erkrankungen bekämpfen oder verhindern zu können“, sagt die Doktorandin. Es gehe darum, gemeinsam an einer Verbesserung der Situation zu arbeiten – „und ein Gehege umzubauen ist nun einmal kostenintensiv, dafür brauchen die Zoobetreiber valide Daten“.

Daten, die Miriam Stach derzeit erhebt. Für ihre Dissertation erarbeitet die Doktorandin eine Querschnittsstudie, in der sie die gegenwärtige Situation in etwa 20 Haltungssystemen analysiert. Bis jetzt hat sie mehr als 80 Seehunde, Seelöwen und Seebären untersucht; ihr Ziel für die Doktorarbeit sind 100 Tiere. Eine Tendenz lässt sich bereits jetzt feststellen: „Ich kann bestätigen, was die Voruntersuchungen schon angedeutet haben“, berichtet die Doktorandin: „Viele der Robben zeigen Augenveränderungen. Oft sind es teils chronische Entzündungen, teils narbige Veränderungen, die beispielsweise von Verletzungen aus Kämpfen oder Ähnlichem stammen. Frische Wunden habe ich hingegen kaum festgestellt.“

Miriam Stach mit Patient.
Miriam Stach mit Patient.Foto: Lena Giovanazzi

In jeder Einrichtung verbringt Miriam Stach etwa eine Woche. Sie schaut sich die Robben an, ist beim Training dabei und macht für eine erste Diagnose Fotos von allen Tieren: Wie viele Robben sind in welcher Form und in welchem Schweregrad betroffen? Es folgt die tierärztliche Untersuchung – unter ganz anderen Voraussetzungen als in einer Augen-Tierarztpraxis. „Das Gehege kann ich nicht einfach abdunkeln, um den Tieren mit einer Lampe ins Auge zu leuchten“, sagt Miriam Stach. Auch festhalten lassen sich die bis zu mehrere hundert Kilo schweren Meeressäuger nicht. Deshalb wird die Nachwuchswissenschaftlerin stets durch Tierpfleger vor Ort unterstützt. Je nach Zutraulichkeit der Robbe führt Miriam Stach eine Reihe von Untersuchungen durch: Ein sogenannter Fluoreszin-Test – ein Farbstofftest – zeigt an, ob eine akute Hornhautschädigung vorliegt. Sie misst den Augeninnendruck und nimmt einen Augenabstrich, um ihn bakteriell untersuchen zu lassen.

Den Zootierärzten steht sie mit Ratschlägen für die Therapie zur Seite

Nachdem sie sich eingehend mit den Robben selbst beschäftigt hat, widmet sich Miriam Stach der Haltungsanalyse: Wie ist das Gehege angelegt? Was wird gefüttert? Wie oft wird gereinigt? Wie steht es um das Wassermanagement, und in welcher Form erfolgen Gesundheitskontrollen? Miriam Stach macht Fotos, nimmt Wasserproben, sieht sich den Bauplan an und spricht mit Tierpflegern und Zootierärzten sowie anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Den Einrichtungen gibt sie auf Grundlage ihrer Beobachtungen vor allem Handlungsempfehlungen. „Wenn ich etwa eine hohe bakterielle Belastung festgestellt habe, rate ich dazu, das Wasser häufiger zu wechseln oder die Beckenwände zu desinfizieren“, sagt sie. Auch den Zootierärzten stehe sie mit Ratschlägen für die Therapie zur Verfügung, „aber ich mische mich nicht aktiv in die Behandlung ein“.

Besonders freut es Miriam Stach, wenn sie merkt, dass die Mitarbeiter sich für eine nachhaltige Veränderung einsetzen. „Einmal wurde zum Beispiel schon vor meiner Ankunft eine Sonnenabdeckung installiert, die in den Außenboxen mehr Schatten spendete“, erzählt die Doktorandin. „Das hat sich positiv auf die Tiere und auch auf die Menschen ausgewirkt, und hat mir gezeigt, dass Interesse besteht, wirklich etwas zu ändern.“

In etwa einem Jahr will die Tierärztin ihre Arbeit einreichen. Die Auswertung der vielen gesammelten Daten würde den Rahmen ihrer Dissertation allerdings sprengen, sagt Miriam Stach. Daher sieht sie die Doktorarbeit als Teil eines großen Forschungsprojekts. „Ich möchte auf jeden Fall auch nach der Abgabe mit dem Thema weitermachen“, sagt sie. „Da ist noch viel Potenzial!“

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