Weizenbaum-Institut : Leitplanken für den digitalen Wandel

In Berlin eröffnete das Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft. Das Bundesministerium stellt 50 Millionen Euro bereit.

Dennis Yücel
V.l.n.r.: Axel Metzger, Cornelia Quennet-Thielen, Michael Müller, Johanna Wanka, Ina Schieferdecker, Jutta Allmendinger, Martin Emmer.
V.l.n.r.: Axel Metzger, Cornelia Quennet-Thielen, Michael Müller, Johanna Wanka, Ina Schieferdecker, Jutta Allmendinger, Martin...Foto: Peter Himsel

„Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft“ – so wird das Deutsche Internet-Institut offiziell heißen. Der Name, der bei der feierlichen Eröffnung Ende September verkündet wurde, signalisiert ein Bekenntnis. Denn der Namensgeber Joseph Weizenbaum, ein deutsch-amerikanischer Informatiker (1923–2008), war nicht nur einer der Pioniere des Internets, sondern von Beginn an auch ein scharfer Kritiker des digitalen Wandels. Angesichts immer mächtigerer künstlicher Intelligenz mahnte er, dass die Entscheidungsgewalt stets beim Menschen liegen müsse.

„Weizenbaum war Experte und zugleich professioneller Zweifler“, sagte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka, die ebenso wie Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller zur Eröffnungsfeier in den Konzertsaal der Universität der Künste gekommen war. „Sein Name steht für Neugier und Offenheit, aber auch für Reflexion und kritische Betrachtung.“

Am Weizenbaum-Institut werden künftig etwa 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen, wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert. „Der Wandel betrifft jeden Einzelnen von uns“, sagte Ina Schieferdecker, Informatik-Professorin an der Technischen Universität Berlin und Gründungsdirektorin des neuen Instituts, gemeinsam mit Martin Emmer, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin, und Axel Metzger, Professor für Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. „Wir können ihn für mehr Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Sicherheit nutzen – aber wir müssen auch die Risiken im Blick haben und Leitplanken setzen, um negative Entwicklungen zu vermeiden.“ Im Zentrum stehe die Frage, wie Teilhabe und demokratische Selbstbestimmung in einer vernetzten Gesellschaft gesichert werden könnten.

Das Institut wird künftig in der Hardenbergstraße residieren

Eine Besonderheit ist der interdisziplinäre Ansatz. Forscherinnen und Forscher aus Sozial-, Wirtschafts-, Rechts- und Designwissenschaft sowie der Informatik arbeiten gemeinsam über die Grenzen ihrer Institutionen hinweg. Beteiligt sind die vier Berliner Unis – Freie Universität, Humboldt-Universität, Technische Universität und Universität der Künste –, die Universität Potsdam sowie das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Auf der Eröffnungsfeier stellten Ina Schieferdecker, Martin Emmer und Axel Metzger das Forschungsprogramm vor. Die Schwerpunkte erstrecken sich von Veränderungen in der Arbeitswelt und Politik bis hin zu komplexen Rechtsfragen, aber auch Alltagsphänomene wie Smartphone-Sucht werden untersucht. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller zeigte sich über die neue Forschungseinrichtung in der Hauptstadt hocherfreut: „Das Weizenbaum-Institut ist die Bestätigung, dass unsere Digitalisierungsstrategie aufgeht. Und ein deutliches Zeichen dafür, dass es sich lohnt zusammenzuarbeiten, zwischen Bund und Ländern und zwischen einzelnen Forschungseinrichtungen.“ Erst im Mai hatte Berlin-Brandenburg in einer bundesweiten Ausschreibung den Zuschlag erhalten. 50 Millionen Euro stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung in den ersten fünf Jahren bereit. Das Land trägt die Kosten für die Immobilie und die Ausstattung der Büroräume mit bis zu 5,2 Millionen Euro. Das Institut wird künftig in der Hardenbergstraße 32 in Charlottenburg residieren.

Es soll so schnell wie möglich seine Arbeit aufnehmen. Die ersten Ausschreibungen sind bereits online (www.vernetzung-und-gesellschaft.de). Fünf Professuren wird es am Institut geben – dazu 40 Stellen für Doktoranden, 20 für Postdocs und 20 für Research Fellows – Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die für einen bestimmten Zeitraum am Institut forschen. Ina Schieferdecker kann den Arbeitsstart kaum erwarten. „Wenn Sie mit uns arbeiten oder kooperieren möchten, Kritik, Wünsche, und Anregungen haben“, sagte sie schon in ihrer Eröffnungsrede, „kommen Sie zu uns – am besten schon heute.“