Zeitzeugen-Archiv : Die Stimmen der Opfer

Ein an der Freien Universität Berlin eingerichtetes digitales Archiv bewahrt die Erinnerungen an die Schrecken der deutschen Besatzung in Griechenland während des Zweiten Weltkriegs.

Kerrin Zielke
Dem Grauen entkommen: Rosina Asher-Pardo (links) als Heranwachsende mit Schwester und Mutter nach dem Krieg. Ihr Bericht vom Überleben in der von Deutschen besetzten Stadt Thessaloniki ist im Zeitzeugenarchiv der Freien Universität bewahrt. Öffentlich vorgestellt wurde es im April 2018 im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors im Beisein von Altbundespräsident Joachim Gauck und Theodoros Daskarolis, Botschafter der Hellenischen Republik in Deutschland.
Dem Grauen entkommen: Rosina Asher-Pardo (links) als Heranwachsende mit Schwester und Mutter nach dem Krieg. Ihr Bericht vom...Foto: privat

Efstathios Chaitidis war acht Jahre alt, als deutsche Soldaten am 23. April 1944 sein griechisches Heimatdorf Pyrgoi überfielen und die Menschen auf der Straße erschossen. Die Soldaten trieben seine Mutter, seine Großmutter und seine vier Geschwister mit anderen Bewohnerinnen und Bewohnern des Dorfes in Scheunen und setzten diese in Brand. Alle starben in den Flammen. Einzig der kleine Efstathios konnte sich mit seinem Vater in die Berge retten. Der Vater hatte weitere Familienmitglieder mitnehmen wollen. Doch die Großmutter weigerte sich, sie ziehen zu lassen und flehte den Vater an, alleine zu fliehen. Sie war bei der Nachricht von den herannahenden Deutschen überzeugt, Frauen und Kinder seien im Dorf sicher, nur die Männer seien in Gefahr.

Die zehnjährige Rosina Asher-Pardo versteckte sich mit ihren Eltern und ihrer Schwester eineinhalb Jahre lang in einem Zimmer mitten in der griechischen Stadt Thessaloniki. Die jüdische Familie überstand dort die deutsche Besatzung. Vor dem Zweiten Weltkrieg war in der Stadt die größte jüdische Gemeinde Griechenlands ansässig, sie zählte rund 50 000 Personen. Fast alle wurden deportiert. Nur etwa 70 Jüdinnen und Juden kehrten nach dem Krieg in die Stadt zurück, berichtet Rosina Asher-Pardo. Von ihrer Familie wurden 60 Verwandte verschleppt. Kein einziger überlebte.

Argyris Sfountouris war knapp vier Jahre alt, als sein Vater am 10. Juni 1944 vor dem Haus der Familie in Distomo von Soldaten der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division erschossen wurde. Seine Mutter wurde am selben Tag von deutschen Soldaten außerhalb des Dorfes ausgeraubt und ermordet. Die Besatzungssoldaten töteten damals 34 Mitglieder seiner Familie. Mit dem Massaker nahmen die deutschen Soldaten grausam Rache für einen Angriff von Partisanen aus den nahegelegenen Bergen, bei dem drei Deutsche getötet wurden. Argyris Sfountouris verließ an der Hand einer älteren Schwester sein in Brand gestecktes Zuhause. Seine drei Schwestern und er überlebten, weil ein Deutscher mit Steinchen ein Zeichen gab, den zugehörigen Hof zunächst nicht durch das Tor zur Straße hin zu verlassen. Als die Soldaten abzogen, liefen die Kinder zu ihren Großeltern, die am Rande des Dorfes wohnten.

Rosina Asher-Pardo versteckte sich 18 Monate in einem Zimmer.
Rosina Asher-Pardo versteckte sich 18 Monate in einem Zimmer.Foto: Freie Universität Berlin

Historiker führten 91 mit Kameras aufgezeichnete Interviews

Millionen Griechinnen und Griechen litten unter der deutschen Besatzung des Landes von 1941 bis 1944, Unzählige erlebten Entsetzliches. Efstathios Chaitidis, Rosina Asher-Pardo und Argyris Sfountouris sind drei von ihnen. Sie haben in ausführlichen Gesprächen berichtet, was ihnen, ihren Familien und ihren Nachbarn im Zweiten Weltkrieg angetan wurde. Ihre Berichte sind Teil des digitalen Archivs „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“. Entstanden ist es als gemeinsames Projekt der Freien Universität Berlin und der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen. Zwischen 2016 und 2018 führten Historikerinnen und Historiker 91 mit Kameras aufgezeichnete Interviews. Alle Gespräche wurden transkribiert und ins Deutsche übersetzt, wissenschaftlich aufbereitet und mit historischen Bezügen und inhaltlichen Erläuterungen versehen. Entstanden ist eine Sammlung mit 200 Stunden gesprochener Erinnerungen von griechischen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Die Pläne für das Projekt entstanden vor acht Jahren, als Hagen Fleischer, wissenschaftlicher Projektleiter in Griechenland und Professor für Geschichte an der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen, zu einem Besuch an das Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität kam. Er recherchierte in dem von der US-amerikanischen „USC Shoah Foundation“ erstellten „Visual History Archive“, das die Erinnerungen von Überlebenden und Zeugen des Holocaust bewahrt. Das digitale Archiv wurde vom US-Regisseur Steven Spielberg initiiert, nachdem er im Rahmen der Dreharbeiten zu „Schindlers Liste“ mit vielen Überlebenden gesprochen hatte. Seit 2005 hat die Freie Universität als erste Universität außerhalb der USA eine Lizenz für den Zugang zum gesamten Archiv und kann es für Forschung und Lehre nutzen. „Wir waren von der Idee ergriffen, auch für griechische Zeitzeuginnen und Zeitzeugen einen digitalen Erinnerungsort zu schaffen“, sagt der Initiator auf deutscher Seite, Nicolas Apostolopoulos, Projektleiter am CeDiS und Honorarprofessor am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie.

Das Auswärtige Amt begann, das Projekt zu unterstützen, nachdem 2014 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck Griechenland besucht hatte. In Lingiades – wo deutsche Wehrmachtssoldaten im Oktober 1943 ein Massaker verübt und Dutzende von Menschen getötet hatten – bat er um Verzeihung für „die zweite Schuld“: das Vergessen. Nach diesem Besuch richtete das Auswärtige Amt den Deutsch-Griechischen Zukunftsfonds ein mit dem Ziel, die Geschichte der deutschen Besatzung Griechenlands aufzuarbeiten. Auch die deutsche Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und die griechische Stavros Niarchos Foundation unterstützten das Projekt finanziell.

Efstathios Chaitidis (vorn) überlebte das Massaker von Pyrgoi
Efstathios Chaitidis (vorn) überlebte das Massaker von PyrgoiFoto: Freie Universität Berlin

Eine bisher einmalige griechisch-deutsche Kooperation

„Es ist bisher einmalig, dass eine private griechische Stiftung mit einer deutschen Stiftung und einem hiesigen Ministerium kooperiert“, sagt Nicolas Apostolopoulos. Dennoch hätten viele mögliche griechische Zeitzeugen anfangs Bedenken gehabt mitzuwirken. Letztlich konnten auch Prominente für ein Gespräch gewonnen werden, darunter Manolis Glezos, Widerstandskämpfer während der deutschen Besatzung und später Mitglied des Europaparlaments, und der ehemalige Präsident Griechenlands Karolos Papoulias, auch er ein Widerstandskämpfer.

Im Archiv dokumentiert sind die Erinnerungen Überlebender von Massakern und aus Konzentrationslagern, Verhafteter und Deportierter, von politischen Häftlingen, von Jüdinnen und Juden, von Personen des Widerstands, von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie von Menschen, die vom Alltag der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944 in den Dörfern und Städten berichten. Während dieser Jahre starben 100 000 Menschen an Hunger und Mangelernährung. Etwa 50 000 Frauen, Männer und Kinder wurden bei Vergeltungsanschlägen der deutschen Besatzer ermordet. Es wurden 60 000 griechische Jüdinnen und Juden in Lager deportiert.

„In Deutschland ist von diesen grausamen Tatsachen wenig bekannt, selbst bei der heutigen griechischen Bevölkerung“, sagt Nicolas Apostolopoulos. Auch in der internationalen Forschung zum Zweiten Weltkrieg sei Griechenland bisher wenig beachtet. Er hofft, dass das Archiv einen Beitrag leisten kann zu einer Geschichtsschreibung „von unten“. „Im Projekt haben wir gegen die Zeit gearbeitet“, sagt der gebürtige Grieche, seit Ende der 1960er Jahre in Berlin ansässig. „Es geht um die Menschen und ihr Leben, ihre Stimmen sollen gehört werden.“

In Deutschland vertraute er sich nur einer einzigen Familie an

Efstathios Chaitidis überlebte mit seinem Vater das Massaker von Pyrgoi. Zum Waisen wurde er drei Jahre später, 1947: Während des griechischen Bürgerkriegs verurteilte ein Volksgericht der Demokratischen Armee Griechenlands seinen Vater zum Tod durch Erschießen, obwohl er Kommunist war. Lange trug Efstathios Chaitidis den Wunsch seines Vaters mit sich: dass er studieren solle. Weil er in Griechenland oder einem anderen europäischen Land dazu keine Möglichkeit sah, ging er 1959 nach Deutschland. Über das als Kind Erlebte sprach er dort niemals, nur einer einzigen Familie vertraute er sich an; er ist bis heute mit ihr befreundet. „Ihr musste ich sagen, wer ich bin“, sagt der heute 82-Jährige. Die Familie wusste nichts von den deutschen Soldaten in Griechenland und zeigte sich entsetzt über die Taten. „Ich war erleichtert. Nun konnte ich in Deutschland mein Leben führen“, sagt Efstathios Chaitidis. Er studierte Zahnmedizin in München und praktizierte dort als Arzt. Als er sich 1967 gegen die griechische Militärdiktatur engagierte, die bis 1974 dauern sollte, entzog ihm die Junta den Pass, und er verlor die griechische Staatsangehörigkeit. Efstathios Chaitidis beantragte politisches Asyl in Deutschland. 28 Jahre später, 1992, zog er mit seiner Familie nach Griechenland, nach Thessaloniki.

Rosina Asher-Pardo entkam mit ihrer Familie, versteckt in Thessaloniki, der Deportation, und überlebte auch die Bombardierung der Stadt. Sie führte vom Vater ermutigt während dieser Zeit ein Tagebuch. In den frühen 1950er Jahren studierte sie Rechtswissenschaft; später arbeitete sie als Juristin. Die Besichtigung des „United States Holocaust Memorial Museum“ in Washington D. C. 1996 hinterließ bei Rosina Asher-Pardo tiefen Eindruck. Sie verfasste ein Buch über ihre Kindheitserinnerungen, das 1998 erschien. Ihr ältester Sohn las es in einem Stück und fragte sie, warum sie all das verheimlicht habe. Mit ihren drei Kindern hatte sie nie über das Erlebte gesprochen. In den folgenden Jahren erzählte die heute 84-Jährige vor griechischen Schulklassen von ihrer Vergangenheit, und Teile ihres Kindheitstagebuchs sind in den Lehrstoff für die dritten Grundschulklassen aufgenommen worden.

Argyris Sfountouris wollte nichts essen - jahrelang

Argyris Sfountouris überlebte mit seinen drei Schwestern das Massaker von Distomo. Die Waisen kamen zunächst zu den Großeltern. Argyris Sfountouris wollte nichts essen, jahrelang. „Alle waren in Sorge, dass ich sterben würde“, sagt er im Rückblick. Wohl wegen der lebensbedrohlichen Essstörung wurde er 1949 mit acht Jahren vom Roten Kreuz zur Aufnahme in das Pestalozzi-Kinderdorf im schweizerischen Trogen ausgewählt. Dort fanden traumatisierte Kriegsopfer aus neun Ländern Europas Zuflucht. Er wohnte mit anderen Kindern aus Griechenland zusammen, sie sprachen untereinander nicht über ihre Vergangenheit. Nur einmal, als er zehn oder elf Jahre alt war, hätten sie sich abends Märchen erzählt, sagt Argyris Sfountouris, und jeder habe etwas damals Erlebtes eingewoben, „wie in einer Art Geheimsprache“.

Setzte sich für die Wahrheit ein: Argyris Sfountouris derzeit ...
Setzte sich für die Wahrheit ein: Argyris Sfountouris derzeit ...Foto: Freie Universität Berlin
... und als Kind in Griechenland. Beim Massaker von Distomo wurden seine Eltern ermordet; er kam als Achtjähriger in ein Schweizer Pestalozzi-Kinderdorf. Seit den 1990er Jahren lebt Argyris Sfountouris in Zürich und Athen.
... und als Kind in Griechenland. Beim Massaker von Distomo wurden seine Eltern ermordet; er kam als Achtjähriger in ein Schweizer...Foto: privat

Nach dem Schulabschluss studierte er Mathematik und Physik und schloss mit Promotion ab. Er unterrichtete in Zürich als Lehrer und arbeitete später als Entwicklungshelfer in Somalia, Nepal und Indonesien. Außerdem schrieb er Essays und Gedichte und übersetzte die Werke bedeutender griechischer Schriftsteller ins Deutsche. Argyris Sfountouris setzte sich viele Jahre dafür ein, dass das Massaker von Distomo als Kriegsverbrechen eingestuft wird. Eine „Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung“ nannte es die deutsche Botschaft in Athen noch 1996. „Dass über Distomo gelogen wurde“, sagt der 78-jährige Sfountouris, „damit konnte ich nicht leben.“

DIGITALES ARCHIV

Das Projektteam des Center für Digitale Systeme (CeDiS) erarbeitete für die Zeitzeugen-Interviews eine digitale Forschungsumgebung. Die Interviews sind mit Schlagworten, Inhaltsverzeichnis und Register erschlossen und um Kurzbiografien, Interviewprotokolle und erläuternde Texte ergänzt worden. Innerhalb des Archivs sind verschiedene Werkzeuge nutzbar, unter anderem eine komplexe Suche für die Videos. Es ist geplant, Teile des Archivs für den Schulunterricht und weitere Bildungseinrichtungen aufzubereiten, wie es schon für andere Projekte des CeDiS verwirklicht worden ist, etwa für das Interview-Archiv „Zwangsarbeit 1939–1945“. Dieses Kooperationsprojekt von Freier Universität, Deutschem Historischem Museum und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ wurde mit dem diesjährigen Berliner Digital-Humanities-Preis ausgezeichnet.

Im Internet: www.occupation-memories.org