Zukunftsstadt Gelsenkirchen : Kommune neu denken

Eine Wissenschaftlerin der Freien Universität begleitet Gelsenkirchen auf dem Weg zur Zukunftsstadt.

Jonas Huggins
Der „Wissenschaftspark Rheinelbe“ in Gelsenkirchen, Technologiepark und Business-Center auf dem Areal des ehemaligen Thyssen-Gußstahlwerks und der stillgelegten Zeche Rheinelbe.
Der „Wissenschaftspark Rheinelbe“ in Gelsenkirchen, Technologiepark und Business-Center auf dem Areal des ehemaligen...Foto: picture alliance/DUMONT Bildarchiv, Martin Kirchner

Maschinenhallen aus Backstein und Schieferziegeln, Fördertürme aus rostrotem Stahl: Viele Industriebauten in Gelsenkirchen zeugen von einer Zeit, in der die Stadt ein Zentrum der Schwerindustrie war. Seit knapp zwei Jahrzehnten ist die Steinkohleförderung endgültig passé. Wie viele andere Städte des Ruhrgebiets macht Gelsenkirchen einen schwierigen Strukturwandel durch.

Die Stadt im Emschertal war gezwungen, sich neu zu erfinden. Mittlerweile sind die Bergbaureviere zu Parks und die Zechengebäude zu Theaterbühnen und zu Museen der Industriegeschichte geworden. Als das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2015 einen Wettbewerb um die „Zukunftsstadt 2030+“ ausschrieb, taten sich in Gelsenkirchen mehr als 120 Organisationen zusammen, darunter zahlreiche Schulen und Vereine, und formulierten die Vision einer „Lernenden Stadt“.

In jedem Stadtbezirk soll man lernen können: sei es von der Natur wie im „Waldlabor Rheinelbe“, in dem Kindern und Jugendlichen Naturwissenschaften und Stadtgeschichte vermittelt werden. Oder von anderen Menschen, wie in einem Community-Center, das in einem Stadtteil mit großen gesellschaftlichen Kontrasten den sozialen Zusammenhalt fördern soll.

Zahlreiche vor Ort Engagierte entwickelten unter wissenschaftlicher Anleitung ein detailliertes Konzept, das 16 Maßnahmen umfasst. Es überzeugte: Von den mehr als 50 Kommunen, die am Wettbewerb teilgenommen haben, ist Gelsenkirchen eine von nur sieben, die für die Umsetzung ihrer Konzepte Fördermittel des Bundesministeriums erhalten.

Alte Industriegebäude wieder aufleben lassen

Neue Orte schaffen für Bildung, Kunst und Kultur, dabei alte Industriegebäude wieder aufleben lassen – das ist keine neue oder einzigartige Idee. In vielen Kommunen gebe es bürgerschaftliches Engagement, um solche Projekte ins Leben zu rufen, doch zu oft scheiterten sie, sagt Anika Duveneck.

Die Diplom-Geografin und promovierte Erziehungswissenschaftlerin der Freien Universität Berlin forscht zu Bildung auf kommunaler Ebene und hat die „Lernende Stadt Gelsenkirchen“ von Beginn an bei der Ausarbeitung des Konzeptes unterstützt. Diese „wissenschaftliche Begleitung“ ist ein wichtiger Bestandteil des Wettbewerbs und soll sicherstellen, dass der aktuelle Forschungsstand berücksichtigt wird.

Anika Duveneck weiß, weshalb sich kommunale Bildungsprojekte selten langfristig etablieren konnten: „Am Anfang gibt es hohe Erwartungen, sei dies in den Bibliotheken, Musikschulen, Jugendeinrichtungen oder Schulen.“ Doch die Zusammenarbeit mit der Politik laufe oft nicht gut. „Dann werden Entscheidungen getroffen, in denen sich die Beteiligten nicht wiederfinden. Das führt zu viel Ernüchterung oder auch Enttäuschung.“

In Gelsenkirchen soll das anders sein. Das Team Zukunftsstadt macht es sich zur Aufgabe, nicht nur die vielen Verwaltungsebenen zusammenzuführen, sondern auch für mehr Verständnis aller Beteiligten füreinander zu sorgen.

Das ist keine triviale Aufgabe, denn für die „Lernende Stadt“ arbeiten Menschen aus sehr unterschiedlichen Bereichen zusammen: Engagierte Bürgerinnen und Bürger ebenso wie Vertreterinnen und Vertreter von Jugendarbeit, Schule, Wirtschaft, Verwaltung und Universitäten aus der Region.

Die Perspektiven aller Beteiligten berücksichtigen

Die Gelsenkirchener Verwaltung baue ein Beteiligungsmanagement auf, das bundesweit einzigartig sei, sagt Anika Duveneck. Sie hat in den vergangenen Jahren das Vorgehen des Teams Zukunftsstadt beobachtet und viele Interviews geführt, um herauszufinden, wie eine Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung und Stadtgesellschaft langfristig gelingen kann.

„Es hat sich bestätigt, was wir bereits aus der Forschung wissen: Um erfolgreich zusammenzuarbeiten, muss man sich in die Perspektiven aller Beteiligten hineinversetzen", sagt Anika Duveneck. Ob das Team Zukunftsstadt dieses gegenseitige Verständnis wie geplant schaffen kann, wird die Wissenschaftlerin nun in weiteren Interviews überprüfen, um dann mit dem Team neue Ansätze zu entwickeln.

„Der Wettbewerbsbeitrag gründet auf die langjährige Erfahrung in der Gestaltung kommunaler Bildungsprozesse vor Ort, aber auch auf Erkenntnisse aus überregionalen und globalen Netzwerken“, sagt Anna Konrad vom Team Zukunftsstadt Gelsenkirchen.

Daraus habe die Stadt gelernt, dass alle relevanten Akteure in Form direkter Teilnahme und Teilhabe einbezogen werden müssen. „Diejenigen, die tagtäglich mit jungen Menschen zusammenarbeiten, wissen am besten, was gute Bildung ausmacht“, sagt Anika Duveneck.

Realistische Erwartungen und ein kurzer Draht zur Politik

Politik und Verwaltung könnten der Expertise aber oft nicht folgen, da sie wirtschaftlichen Zwängen unterlägen. Gelsenkirchen setze trotz der vom Strukturwandel gezeichneten Haushaltssituation auf „Zukunftsbildung“.

Im Gelsenkirchener Zukunftsstadtteam sieht man der Umsetzungsphase des Projekts nun mit Spannung entgegen. „Die wichtigste Herausforderung ist die Einbindung von kommunalen Netzwerken, von Bürgerinnen und Bürgern aus so verschiedenen Bereichen wie Ehrenamt, Vereinen und Nichtregierungsorganisationen sowie aus Verwaltung und Wissenschaft“, sagt Anna Konrad.

Erforderlich seien realistische Erwartungen und ein kurzer Draht zur Politik, ergänzt Anika Duveneck. In Gelsenkirchen sei beides gegeben.