Unbequeme Sitze treiben in die Flucht

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Aufs Tempo drücken - beim Essen und Trinken wirkt das kontraproduktiv : Immer schön langsam
Not to go: Viele haben vergessen, dass man Kaffee auch in Ruhe und im Sitzen trinken kann
Not to go: Viele haben vergessen, dass man Kaffee auch in Ruhe und im Sitzen trinken kannFoto: Nicolas Armer/dpa

Schnell produziertes Fleisch wird genauso schnell gegessen. Womöglich als Streetfood im Gehen oder Stehen, was den Essgewohnheiten jener Steinzeitmenschen ähnelt, die bei ihren Streifzügen sofort aßen, was sie an Schnecken, Beeren und Käfern fanden. Immer mehr Zeitgenossen essen, ohne sich zu setzen. Dass man Kaffee auch im Sitzen trinken kann statt to go, ist für manchen ganz neu. Und wenn wir am Tisch Platz nehmen, muss es für Millionen Besucher ebenfalls schnell gehen. Im Fast-Food-Restaurant rechnet man vom Betreten bis zum Verlassen des Lokals mit 20 bis maximal 30 Minuten. Sinn des Restaurantbesuchs sind nicht mehr Atmosphäre, Gemütlichkeit und Geschmack. „Der Zweck des Essens liegt in seinem Verfahrensende“, schreibt der Ernährungssoziologe Tadashi Ogawa. Schon die Sitze sind bewusst so unbequem, dass man das Lokal schnell wieder verlässt. „Der Gast isst“, notiert Ogawa, „wie ein Pferd aus dem Eimer frisst.“

Ruckzuck soll alles zu kochen sein

Auch wer zu Hause kocht, hat oft den Uhrzeiger auf der Schulter. Selbst in Gourmet-Portalen wird Wert darauf gelegt, dass Rezepte ruckzuck nachzukochen sind. Dabei hat die Zeit beim Kochen ihren unterdrückenden Charakter eigentlich verloren. Früher waren Hausfrauen an den Herd gefesselt, mussten mühsam Teig kneten, was heute die Küchenmaschine elegant erledigt. Auch das Geschirrspülen übernimmt die Technik. Aber trotz enormer Zeitgewinne muss die Zubereitung des Essens schnell erledigt sein. Tiefkühlkost und vorgekochte Halbfertig-Produkte verzeichnen große Wachstumsschübe. Jeder Deutsche isst inzwischen mehr als 40 Kilo Fertigkost aus dem Froster, zehnmal mehr als 1970.

Der Zauber der Gemächlichkeit steht auf fast verlorenem Posten. Aber wer jemals einen 150 Tage alten Hahn von drei Kilo zu einem Coq au vin geschmort hat, lässt sich nicht mehr so leicht mit Plastikhähnchen aus dem Millionenstall der Hühnerbarone abspeisen. Die einen bügeln sonntags ihre Unterhosen, die andern köcheln eine aufwendige Hühnerbrühe und frieren sie portionsweise ein. Weil sie wissen, wie ein Risotto schmeckt, der mit richtiger Brühe bereitet und mit altem Parmesan gewürzt wird, der über viele Monate langsam in den Käsekellern gereift ist. Gutes Essen ist immer eine Frage der Zeit.