Genusslandschaften Berlins : Appetit auf Draußen

Der Frühling hält Einzug in der Hauptstadt. Zeit, kulinarische Spezialitäten wieder an der frischen Luft zu genießen.

Felix Denk
Das Altes Zollhaus
Das Altes ZollhausFoto: promo

Anfang Mai beginnt in Berlin die Open-Air-Saison, das hat Tradition. Die Biergärten öffnen, vor den Eisdielen bilden sich lange Schlangen und die Restaurants stellen wieder Tische auf die Terrasse. Hier ist ein feines Dutzend Empfehlungen für genüssliche Abende unter freiem Himmel:

1. Altes Zollhaus

Das glaubt einem draußen immer noch kein Mensch: dass es im überbevölkerten Kreuzberg ein Landgasthaus gibt, wie man es eher in der süddeutschen Provinz vermuten würde, ein historisches Gebäude direkt am Kanal. Doch neben diesen Äußerlichkeiten spricht auch die enorme Kontinuität für das „Zollhaus“ – es ist vermutlich längst das älteste Restaurant mit Anspruch in der Stadt. Patron Herbert Beltle hat es vor 30 Jahren gegründet, Küchenchef Günter Beyer kocht dort fast ebenso lange Klassiker wie Bauernente mit Rahmwirsing oder Neuerungen wie Kaninchenrücken im Kräutermantel auf Mispel-Chili-Chutney. Die Weine aus dem hauseigenen Weingut Horcher verdienen besondere Aufmerksamkeit. (Bernd Matthies)

Kreuzberg, Carl-Herz-Ufer 30, Di–Sa ab 18 Uhr

2. Bieberbau

Wer hier auf der überraschend ruhigen grünen Straßenterrasse sitzt, der verpasst natürlich die denkmalgeschützten Stukkaturen des Meisters Richard Bieber, der das Haus vor einem Jahrhundert als Schauraum nutzte. Aber sei’s drum: Die Küche des Meisters Stefan Garkisch lohnt den Besuch auch ohne Stuck – sie ist trotz Michelin-Stern klug bodenständig geblieben und nutzt regionale Produkte, Gemüse und Kräuter aus dem eigenen Garten intensiv, ohne ein Dogma draus zu machen. Gerichte wie Wels mit Fenchel und Zitronenasche oder gefüllte Zickleinschulter mit grünem Spargel gelingen eigenständig und originell. Erstaunlich faire Preise, gute Weinberatung durch Anne Garkisch. (Bernd Matthies)

Wilmersdorf, Durlacher Str. 15, Mo–Fr ab 18 Uhr

3. Einstein Stammhaus

Es soll immer noch Gäste geben, die das „Einstein“-Stammhaus nur im Winter besuchen und deshalb gar nicht wissen, welch ein schöner Gastgarten sich hinter dem Haus versteckt. Speziell für Frühstück und Mittagessen im Grünen hat Berlin kaum einen besseren Platz zu bieten, zentral gelegen und doch abgeschirmt vom Verkehrschaos der näheren Umgebung. Die Küche gibt sich entspannt der Wiener Tradition hin, was ein exemplarisches Wiener Schnitzel natürlich einschließt, sie bietet mittags ein günstiges Plat du jour und legt abends noch ein wenig drauf, ohne sich an Experimenten zu verheben. Zum Absacker einfach die Treppe rauf: Dort ist die Bar „Lebensstern“ mit schöner Dachterrasse. (Bernd Matthies)

Tiergarten, Kurfürstenstr. 58, täglich 8–24 Uhr

4. Data Kitchen

Das Konzept ist ziemlich einmalig: Man bestellt Essen und Getränke vorab über eine App (Download über datakitchen.berlin) zur gewünschten Uhrzeit. Ohne Warten holt man sich dann seine Bestellung selbst aus einer an Futterluken erinnernden Abholstation – klingt futuristisch, ist es auch. Hier erproben SAP in Kooperation mit Heinz „Cookie“ Gindullis eine neue Art der Bewirtung. Küchenchef Alexander Brosin kontert den Blick in die Zukunft mit modern interpretierten Klassikern, aus guten Produkten in auf diesem Preisniveau überraschend ausgefeilter Zubereitung. Zum idealen Lunch- und Frühstücksort in Nähe des Hackeschen Markts wird das Ganze durch die abgestufte Terrasse im ruhigen Hinterhof. Entspannt visionär! (Kai Röger)

Mitte, Rosenthaler Str. 38, Mo–Fr 9–17 Uhr

Man holt sich seine Bestellung selbst aus einer an Futterluken erinnernden Abholstation.
Man holt sich seine Bestellung selbst aus einer an Futterluken erinnernden Abholstation.Foto: promo

5. Il Calice

Bäume sieht man auf der Terrasse wenige, auch der Blick auf See oder Fluss: Fehlanzeige. Muss ja auch nicht sein. Am Walter-Benjamin-Platz flaniert die in jeder Hinsicht gut betuchte Nachbarschaft, was unter dem riesigen Schirm, flankiert von Topfpflanzen, sehr unterhaltsam sein kann. Abwechslungsreich ist auch die Küche, die jenseits der übliches Klischees ausgewählte italienische Qualitätsprodukte in einem zeitgemäßen Kontext präsentiert. Und dass man bei Patron Antonio Bragato statt Hugo und Aperol Sprizz besser hochwertige Weine und Spumante trinkt, wissen anspruchsvolle Genießer seit Jahrzehnten. (Kai Röger)

Charlottenburg, Walter-Benjamin-Platz 4, Mo–Sa ab 12 Uhr, So ab 14 Uhr

6. Khwan

Bitte nicht abschrecken lassen! Weder von dem räudigen RAW-Gelände noch von der eilig zusammengedübelten Bretterbude: Das „Khwan“ ist ein Fun-Dining-Ort, den man allen essneugierigen Menschen unbedingt empfehlen kann, vor allem im Sommer, wenn die Terrasse aufhat. Hier gibt es scharfes und sehr, sehr scharfes Thai-BBQ. Auf dem mit Holz befeuerten Grill landen Meeresbewohner, die man da nicht vermuten würde: etwa Stabmuscheln, Langustinos, Glattbutt oder Makrelen (kommen von „Küstlichkeiten“), aber auch trockengereiftes Flanksteak. Ein Klassiker ist die Chiang-Mai-Wurst, die der „Sausage Man“ im Auftrag liefert. (Felix Denk)

Friedrichshain, Revaler Str. 99, Di–Sa ab 18 Uhr

Auf dem mit Holzgrill landen Meeresbewohner.
Auf dem mit Holzgrill landen Meeresbewohner.Foto: promo

7. Michelberger

Das „Michelberger“ ist eines jener coolen Hotels, in denen man auch als Berliner gern mal übernachten würde. Zu den schönsten Ecken zählt der Hof mit Liegestühlen, Sonnenschirmen, Holzpodesten, kleinen Hüttchen und viel Junge-Leute-Charme. Über den verfügt auch Alan Micks, der hier über die Töpfe wacht. Der gebürtige Ire kocht regional, aber nicht dogmatisch, nah am Produkt, aber ohne Strenge. Zum Hühnchen gibt’s Erbsen, Morcheln und Miso, der Zander kommt mit Rhabarber und Saubohnen. Die Zutaten stammen meist direkt vom Erzeuger oder bald sogar vom eigenen Hof. Gerade wurde gepflanzt, demnächst wird geerntet. (Felix Denk)

Friedrichshain, Warschauer Str. 39–40, Mo–Fr 12–14.30 Uhr, Di–Sa 18.30–23 Uhr

8. Obermaier

Wer die Gier nach zünftigem Bioschweinsbraten in Schwarzbiersauce, Saftgulasch mit Spätzle, Hausmachersulz mit Bratkartoffeln oder kräftiger Flädlessuppe kaum zügeln kann, ist im „Obermaier“ richtig. Das bisserl Biergarteng’fühl, das es zur mit Herz modernisierten alpenländischen Küche braucht, stellt sich ohne viel Folklore im Gärtchen hinterm schmiedeeisernen Zaun ein. Man sitzt grün umrankt geborgen, die Inhaber Dunja Funke und Jürgen Böhm umsorgen einen herzlich familiär und haben immer ein Schmankerl in petto: eine traumhafte Marille aus der Wachau oder Hausmacherbrot mit Öl und Kräutern zum Tunken. Eben hat das neue Küchenteam die Grillsaison eröffnet – mit Leberkäs’ und Debrezinern. (Susanne Leimstoll)

Kreuzberg, Erkelenzdamm 17, Di–So 17–21 Uhr

9. Panama

Das geschmackvoll eingerichtete zweigeschossige Restaurant im Hinterhof an der „Potse“ steckt voll zeitgenössischer Kunst, in der Remise wartet die „Tiger Bar“ mit innovativen Cocktails, dazwischen, auf der Sommerterrasse, kommt alles zusammen: die köstlichen, auf Nachhaltigkeit und Teilen ausgerichteten Gerichte der Küchenchefin Sophia Rudolph, Cocktails, in denen sich die Aromen der Gerichte wiederfinden, und das stilsichere Gespür des Impresarios Ludwig Cramer-Klett, wie man einen Ort in Szene setzen muss. Die internationale Kunstszene fühlt sich hier genauso wohl wie anspruchsvolle Esser, die obendrein von der gut sortierten Weinauswahl beeindruckt sein dürfen. (Kai Röger)

Tiergarten, Potsdamer Str. 91, Di–Sa ab 18 Uhr

Das Panama
Das PanamaFoto: promo/Philipp Langenheim/Corinna Schadendorf

10. Prater Gaststätte

Der „Prater“ ist einer der ältesten und schönsten Biergärten Berlins. Allein das kulinarische Angebot jenseits von Brezel, Grillwurst und Leberkäse lässt Wünsche offen. Die erfüllen sich in der angeschlossenen „Prater Gaststätte“: Berliner Klassiker wie Königsberger Klopse und Senfeier, aktuell diverse Spargelgerichte und Wiener Schnitzel mit Kartoffel- und Gurkensalat bekommt man in dieser Ecke kaum besser – an lauen Sommerabenden sitzt es sich eh nirgendwo angenehmer. Was man hier ausgiebig genießen kann: Die Küche kocht frisch, der Service flitzt, scheint aber oft unterbesetzt zu sein. Was soll’s, zu schauen gibt es genug, und die Weinkarte ist gar nicht schlecht bestückt. Unbedingt reservieren! (Kai Röger)

Prenzlauer Berg, Kastanienallee 7–9, Mo–Sa ab 18 Uhr, So ab 12 Uhr

11. Shishi

Abends, wenn der letzte Start-up-Millennial ins Homeoffice gegangen ist und der letzte Bauarbeiter seinen Presslufthammer ins Magazin zurückgebracht hat, dann ist dieser Klinkerhof in der Ritterstraße ein verstecktes Idyll für lange Sommernächte. Hier befindet sich das „Shishi“, Hebräisch für „Freitag“. Betreiberin Shani Ahiel mag, dass das Wort auch so was wie Luxus bedeutet. Denn Überschwang schätzen sie hier sehr. Schon bei den Aromen ihrer mediterranen Küche mit regionalen Zutaten. Kostprobe? Das Lamm vom Holzkohlegrill mit geräucherten Auberginen und Labneh-Frischkäse. Dazu gibt es ein paar Naturweine aus Italien und Frankreich und so viele Drinks, dass manchmal noch getanzt wird. (Felix Denk)

Kreuzberg, Ritterstr. 12–14, Mo–Fr 12–16, 18–24 Uhr, Sa 18–24 Uhr

Das Shishi
Das ShishiFoto: promo/Boaz Arad

12. The Grand

Der neue und alte Küchenchef Tilo Roth scheint mit der umfangreichen Steakauswahl aus dem höllenheißen SouthbendGrill, der großen Meeresfrüchte-Auswahl und dem durchweg empfehlenswerten Mittagstisch (Mo–Fr 12–15 Uhr) nicht ausgelastet zu sein. Neben seiner Leidenschaft für Vegetarisches hat er nun noch ein weiteres Steckenpferd: Vorspeisen, die es tischweise im Degustationsformat zu probieren gibt. Keine schlechte Idee und zumindest eine kleine Hilfestellung für Entscheidungsphobiker. Keine Frage ist aber, wo man sitzen sollte: Die großzügige Terrasse des Club- Bar-Grill-Restaurants ist, elegant eingedeckt, die beste Wahl. (Kai Röger)

Mitte, Hirtenstr. 4, täglich ab 19 Uhr

Das „The Grand“
Das „The Grand“Foto: promo

Dieser Beitrag ist auf den kulinarischen Seiten "Mehr Genuss" im Tagesspiegel erschienen – jeden Sonnabend in der Zeitung. Hier geht es zum E-Paper-Abo. Weitere Genuss-Themen finden Sie online auf unserer Themenseite.