Mahlzeit : Kreuzberger Kutscherfrühstück

Am Schlesischen Tor, wo heute der „Burgermeister“ Rinderhack unter der Hochbahnbrücke brät, trank man in der Kaiserzeit schon am frühen Morgen das erste Bier.

"Bier und Frühstückslocal" am Schlesischen Tor, fotografiert um 1880.
"Bier und Frühstückslocal" am Schlesischen Tor, fotografiert um 1880.Foto: Friedrich Albert Schwartz/Wikipedia

Zwischen Bier und Frühstück liegen im Kreuzberger Partykiez oft nur ein paar Zigarettenzüge. In grauer Vorzeit war der Abstand war eher noch kürzer. Für Pferdekutscher galt keine Promillegrenze, also warum nicht gleich zum Frühstück eine frisch gezapfte Molle?

„Bier und Frühstück-Local“ steht auf dem Schild an der Fassade des halb abgebrochenen Hauses mitten auf dem Platz am Schlesischen Tor, gleich dahinter firmiert die „E. Krüger Holz- und Kohlenhandlung“, Schlesische Ecke Oberbaumstraße. Das Foto entstand um 1880. Erst zehn Jahre ist es damals her, dass am Schlesischen Tor die alte Zollmauer abgerissen wurde. Das Haus am Tor, so scheint es, hat seinen Halt verloren, verlassen steht es da, angeschlagen wie ein Trunkenbold im Morgengrauen.

Fast Food unter der Hochbahnbrücke der U1 im "Burgermeister".
Fast Food unter der Hochbahnbrücke der U1 im "Burgermeister".Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Tage der Ruine sind gezählt. 1896 weicht das Haus der Hochbahnbrücke für die U-Bahnlinie 1, deren Bau 1902 fertiggestellt wird. Das Bild des Stadtfotografen Friedrich Albert Schwartz zeigt einen Moment des Umbruchs. Wer mit der U-Bahn ins Büro fährt, hat es eilig und muss alert sein. Statt Kutscherbier trinkt der aufgeweckte Angestellte zum Frühstück Kaffee. Fast genau an der Stelle des einsamen Hauses von 1880 steht heute unter der Hochbahnbrücke der Imbiss „Burgermeister“, eingerichtet in einer gründerzeitlichen Bedürfnisanstalt, einem sogenannten Café Achteck. Bier zum Frühstück, Fast Food am Toilettenhäuschen. Kreuzberger Mischung.

Unsere Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit und zahlreichen weiteren Beiträgen finden Sie auf der Themenseite "Fraktur". Mehr zum Thema Essen und Trinken in Berlin unter genuss.tagesspiegel.de.