Restaurantkritik : Villa Kellermann in Potsdam - dieser Besuch macht glücklich

Günter Jauch und Tim Raue sind die Macher, aber so gut wie nie da. Dennoch lohnt es sich, einen Platz zu reservieren - am besten Wochen im voraus.

Jauch und Raue und der Alte Fritz: Blick in die Gasträume des Potsdamer Restaurants Villa Kellermann.
Jauch und Raue und der Alte Fritz: Blick in die Gasträume des Potsdamer Restaurants Villa Kellermann.Foto: promo

Das Bild hier oben mit dem Alten Fritz gehört zwingend in die Villa Kellermann, es steht also richtig. Jetzt die schlechte Nachricht: Wer da sitzt, hat die Gelegenheit verpasst, auf der Terrasse über dem Heiligen See Platz zu nehmen, denn das ist eine richtige Euphorie-Dusche, einer der absolut schönsten Plätze in Brandenburg.
Nein, drinnen ist es auch sehr angenehm. Aber ich habe mich natürlich gefragt: Ist mein Urteil über das Essen möglicherweise von der Über-Terrasse gefärbt? Ich sag mal: nö.

Es gilt allerdings, von ein paar Fehleinschätzungen abzurücken. Denn wenn Tim Raues Oma so gekocht hat wie hier Küchenchef Christopher Wecker, dann hätte sie eine Zeitmaschine gehabt.

Hier wird nicht deutsch gekocht, die bekannten Königsberger Klopse mal ausgenommen. Das Essen mit seinen zum Teil dramatischen Kontrasten ist unverkennbar Raue, nur eben nicht asiatisch angehaucht, sondern aus mitteleuropäischen Produkten mit ein paar Assoziationen an hiesige Klassiker.

Das knappe Zeitfenster - 18 bis 20 und 20.15 bis 23 Uhr - verbietet eine zu ausladende Menükultur. Am besten für die Küche und für die meisten Gäste ist vermutlich der „Gedeckte Tisch“ mit fünf Vorspeisen, die auf einmal serviert werden, gefolgt von einem Hauptgang und einem Desserts – das kostet 62 Euro pro Nase und macht satt und glücklich, uns jedenfalls.

Typisch Christoph Wecker

Das Lustige an der Sache ist: Wecker ist kein Kochroboter, sondern hat eine eigene Haltung zu den Vorgaben des Meisters. Das heißt: Er geht – ich kann nur mit dem Presseessen im Winter vergleichen – geschmacklich ein bisschen vom Gas, erlaubt sich eine mildere Gangart, die den hiesigen Charakter seiner Gerichte betont, ohne die Kontraste wegzubügeln.

Mehr als nur Tomatensalat: Vorspeise mit Wassermelone, Passionsfruchtsaft, Pfeffer und Mozzarellacreme.
Mehr als nur Tomatensalat: Vorspeise mit Wassermelone, Passionsfruchtsaft, Pfeffer und Mozzarellacreme.Foto: Bernd Matthies

Unsere Vorspeisen: Ein Tomatensalat. Aber was für einer! Sehr aromatische Tomaten, stimmig untermauert von Wassermelone, Passionsfruchtsaft, Pfeffer und Mozzarellacreme zur Besänftigung der Zunge.

Dann geräucherter Aal mit Birne und Kohlrabi, Krabben mit Avocado, kalte Kartoffel-Lauch Velouté mit Saiblingskaviar und Sauerrahm, Roastbeef mit Kerbelremoulade, Mixed Pickles und Kartoffelchips, Krabben mit Avocado, Tomaten und Limette. Süß – sauer, weich – knusper in hervorragender Balance, immer abgerundet durch aromatische Öle oder Saucen; Schärfe spielt kaum eine Rolle.

Roastbeef - nicht unbedingt auf die klassische Art.
Roastbeef - nicht unbedingt auf die klassische Art.Foto: Bernd Matthies

Gut, irgendwas zu kritisieren findet sich immer, und ich mag Roastbeef lieber klassisch rosa als so wie hier, etwas niedertemperatur-wurstig, aber bitte.

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Dann gab es zweimal Fisch. Unverkennbar Raue der marzipanweiche Lachs mit marinierten Tomaten, Anis und einer intensiv süßlichen Sauce; noch besser, weil differenzierter und spannender fand ich allerdings den gebratenen Kabeljau mit Topinambur in verschiedenen Verarbeitungsformen und einer quietschgrünen Sauerampfersauce, makellos gegart und gewürzt (beide auch à la carte 19 klein / 26 Euro).

Gebratener Kabeljau, hier mit Topinambur und einer quietschgrünen Sauerampfersauce, toll gegart und gewürzt.
Gebratener Kabeljau, hier mit Topinambur und einer quietschgrünen Sauerampfersauce, toll gegart und gewürzt.Foto: Bernd Matthies

Und ein toller Service

Herrliches Dessert: Zitronencreme mit Eisenkraut-Eis, kleinen Baisers und grüner Melone, knapp dahinter der bekannte Bienenstich mit Aprikosen-Safran-Eis und Vanillecreme. Und es gibt sogar eine Kinderkarte...
Mist, schon zu Ende. Sehr gute Weine, nicht billig, zum Beispiel von Wolkenberg in Brandenburg. Toller Service. Aber: Der 18-Uhr-Beginn ist unbedingt ernst zu nehmen: Um 20 Uhr wird desinfiziert.

- Villa Kellermann, Mangerstr. 34, Potsdam, Tel. 0331/20046540. Mi– So 18–21.30, Sa/So auch 12–14 Uhr

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