Es gibt nichts, was er nicht probieren würde

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Streetfood in L.A. : Der Gourmet vom Pico Boulevard
Die Betreiber des „Guerilla Taco Truck“, schwärmt der Kritiker, arbeiten mit den Aromen der Sterneküche.
Die Betreiber des „Guerilla Taco Truck“, schwärmt der Kritiker, arbeiten mit den Aromen der Sterneküche.Fotos: promo/Chowseeker1999

„City of Gold“ heißt die Dokumentation, deren Dreharbeiten sich über fünf Jahre hinzogen und die am Montag beim Jüdischen Filmfestival in Berlin gezeigt wurde.

Fast sein ganzes Leben hat Gold in L. A. verbracht, abgesehen von einem Intermezzo als Mitarbeiter der Zeitschrift „Gourmet“ in New York, das er kulinarisch eher fad fand. Selbst wenn das Essen gut war, sei es oft langweilig gewesen. Im Heimaturlaub fühlte er sich immer wieder vom Wunsch überwältigt, eine Palme zu umarmen: „Don’t make me go!“

Als Restaurantkritiker ist Gold ein Selfmademan. Er hat die großen Autoren des „New Yorker“ studiert, bei Balzac das Beschreiben von Essen gelernt, sein größtes Idol heißt Walter Benjamin. Fast geniert er sich dafür, möchte nicht prätentiös klingen. So wie er in seinen Artikeln nie besserwisserisch rüberkommen will. Wobei man sicher sein kann, dass er es besser als der Leser weiß. Schließlich liest er alles zu einem Thema, geht mindestens vier, fünf Mal in ein Lokal; der Rekord liegt bei 17 Besuchen für eine Kritik. „Es gibt dem Text Tiefe.“ Ach ja, der Text. Artikel liefert er auf den allerallerletzten Drücker, und erst nach einem Bombardement von Drohungen. Eine ganz besondere Form der Schreibblockade, bei der ihm auch eine Spezialistin, die er konsultierte, nicht helfen konnte.

Für ein Lokal fährt Gold überallhin

Gold muss los, zum Radio, nach Santa Monica: Jede Woche kann man im öffentlichen Sender KCRW seine Kritiken hören. Also rein in den grünen zerbeulten Pick-up-Truck, Fenster runtergedreht, die Klimaanlage ist kaputt. Statt eine Sonnenbrille aufzusetzen, kneift er die Augen zu. Er liebt das Autofahren in L. A., die Gespräche, die sich dabei ergeben, die Musik, die er unterwegs hört, zum Beispiel Louis Armstrong.

Jonathan Gold schreibt jetzt ein Buch über Pico und sein eigenes Leben.
Jonathan Gold schreibt jetzt ein Buch über Pico und sein eigenes Leben.Foto: Larry Busacca/Getty Images

Für ein Lokal fährt Gold überallhin, in die abgelegensten Vororte, obskursten Wohnviertel, trübseligsten Einkaufszentren. Wie er darauf kommt? Empfehlungen, Hörensagen, Recherche. Yelp zum Beispiel, als Plattform für Restaurantkritiken nicht ernst zu nehmen, ist für ihn eine wichtige Informationsquelle für Neuentdeckungen. So wie koreanische, japanische, philippinische Websites, die er sich mithilfe von Google Translate erschließt.

Jonathan Gold ist ein unerschrockener Esser. Es gibt nichts, was er nicht probieren würde, und wenn die Begeisterung ausbleibt, wie beim Stinkenden Tofu, probiert er so lange weiter, bis er zumindest das Gefühl hat, es zu verstehen. Das Einzige, was er wirklich nicht gern mag, sind Eier. Die er seiner Familie trotzdem jeden Morgen rührt, brät und pochiert.

"Ich will nicht, dass Menschen ihren Job verlieren“

Verrisse wird man kaum von ihm lesen. In London, so sein Eindruck, wetteifern die Kritiker miteinander auf der Suche nach dem schlechtesten Restaurant, um dieses dann auf fieseste Art niederzumachen. Wenn er etwas uninteressant findet, schreibt er einfach nicht drüber. „Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass Menschen ihren Job verlieren.“ Und wenn sie in einem Lokal alles falsch machen, erzählt er, aber eine Sache spektakulär richtig, dann macht er es wie ein Goldschürfer und richtet alle Aufmerksamkeit darauf. So wie beim Ziegenragout im „El Parian“, das überraschend mild schmeckt.

Vor acht Jahren hat er das Lokal im „L. A. Weekly“ besungen, die dicken, frischen Tortillas, das mit Chili bestrichene Rippenfleisch. „Die Brühe sang mit Knoblauch und Gewürzen, aber vor allem mit einer starken Essenz von Ziege, ein Scheunengeschmack, der genauso gut aus den Jalisco Mountains hätte kommen statt aus einem Restaurant ein paar Meilen vom Kongresszentrum entfernt. Es schmeckte nach Guadalajara. Und nach Zuhause.“

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