Von TISCH zu TISCH - Die Restaurantkritik : Bonvivant

Gemüse- und Kräuterküche, ausgefeilt und dennoch bezahlbar:  Dieses Schöneberger „Cocktail-Bistro“ lohnt den Besuch.

Kein Restaurant im klassischen Sinne, sondern ein Cocktail-Bistro: das Bonvivant in Schöneberg.
Kein Restaurant im klassischen Sinne, sondern ein Cocktail-Bistro: das Bonvivant in Schöneberg.Foto: Bonvivant / promo

Falls noch eine Stellungnahme zur vegetarischen und veganen Küche erwünscht ist: Sie breitet sich aus, und das ist abseits der moralischen Debatte auch kulinarisch ein Gewinn. Denn jeder gute Koch hat längst Gerichte im Repertoire, die über die alte Masche „Lassen wir Fleisch und Soße einfach weg“ weit hinaus sind; sogar ein antiveganes Bollwerk wie Tim Raue zeigt allmählich Interesse, forscht im Stillen ... Andererseits wird immer klarer, dass mit dem industriell produzierten Analogfleisch aus Soja oder Jackfruit oder sonst was in der gehobenen Gastronomie kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist – das lockt keinen Feinschmecker und bleibt ein Imbiss- und Kantinenphänomen.

Mulacks Konzept

Das beste vegetarische Essen in Berlin gibt es bekanntlich im „Cookies Cream“ sowie in einigen „normalen“ Top-Restaurants, die vegetarische Menüs anbieten. Weiter drunten hat mich bisher nichts beeindruckt, bis nun zum „Bonvivant“, das endlich mal Ernst macht mit einer ausgereiften und dennoch bezahlbaren Gemüseküche, die zumindest teilweise auch vegan angelegt ist. Ein interessantes Team hat daran gearbeitet: Das Konzept stammt von Kristof Mulack, dem „Taste“-Gewinner und „Tisk“-Erfinder, der gerade allerhand Berliner Baustellen beackert. In der Küche steht kein junger Wilder, sondern ein erfahrener Mann, Ottmar Pohl-Hoffbauer, den viele als Spezialisten für Bioküche im „Cosmo“ kennen werden – das wenig anheimelnde Hotelrestaurant hat seinen Ambitionen aber wohl zu enge Grenzen gesetzt.

Sieben Gerichte, zwei Desserts

Das „Bonvivant“ firmiert bewusst als „Cocktail-Bistro“ und nicht als Restaurant, was zunächst einmal maximale Freiheit beim Bestellen signalisiert. Auf der Karte stehen sieben Gerichte und zwei Desserts zwischen sieben und 13 Euro, die kreuz und quer geordert werden können, zum Teilen oder als Menü oder wie auch immer. Der Chef nutzt einen eigenen Garten, verfügt also über frische Produkte, vor allem Kräuter, die viele hübsche Akzente setzen, weil er sie gezielt und gekonnt einsetzt, statt nur überall was Kleingehacktes drüberzustreuen. So setzen bei der Gazpacho mit selbst gepflückten Kirschen (statt Paprika) ein paar Blätter Anis-Ysop einen ungewöhnlichen Akzent.

Mangold von süß bis bitter

Fast wie ein Auflauf sieht die nussig schmeckende, weiche Japan-Aubergine aus, die stark gerösteten grünen Spargel und feine Erbsen-Ponzu-Mayonnaise auf der Zunge weich abfedert; dazu ein Hauch Chili-Schärfe. Gegen die erdige Herbe kurz gegarten Mangolds kommt als Kontrast eine knusprige Rolle aus gefülltem Reisteig ins Spiel, dazu Radieschen und Rettich in verschiedenen, auch fermentierten Zubereitungen. Aber schon die variantenreiche Präparation des Mangolds von süß bis bitter ist komplexe aktuelle Hochküche, da bleibt nichts dem Zufall überlassen.

Ein echter Knaller

Herrlicher Thymian- und Basilikumduft bestimmt dann das fast klassische Bohnen-Cassoulet, in dem kräftig angebratene Artischockenstücke überraschend fleischartigen Charakter zeigen – für zehn Euro ein echter Knaller. Für drei Euro mehr gibt es den Blumenkohl mit Haselnuss-Crumble, Duftnessel und köstlich sanfter Buttersauce. Schließlich Ingwereis mit Rosmarin und Zitruscreme und dreierlei Johannisbeeren – weißer Schaum, rotes Sorbet, schwarze Sauce – mit Thymian und Butterstreuseln. Bon!

Fazit: Hingehen!

Vegetarier: hingehen! Flexitarier: hingehen! Fleischfans: unbedingt mal anschauen. „Cocktail-Bistro“ deutet darauf hin, dass hier die Bar eine große Rolle spielt – das Angebot für Weinfreunde ist leider noch rudimentär. Im Zuge der versprochenen Erweiterung würde ich dringend zu größeren Gläsern raten und gleich auch die winzigen Wassergläser an den nächsten Kindergarten verschenken. Aber es wäre ja auch langweilig, wenn es hier nichts mehr zu verbessern gäbe.

- Bonvivant, Goltzstr. 32, Schöneberg, Tel. 0176 - 61 72 26 02, Mittwoch bis Sonntag ab 18 Uhr

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