Von Tisch zu Tisch - die Restaurantkritik : heimlich Treu

Ein schöner Hof, ein modernes Restaurant mit leichter Küche und gepfefferten Preisen. Und mal wieder nervt: der Service.

Versteckt im Hinterhof. Das "heimlich Treu" in Prenzlauer Berg.
Versteckt im Hinterhof. Das "heimlich Treu" in Prenzlauer Berg.Foto: promo

Es gibt beim Service in manchen Restaurants eine Haltung, die der Gast vermeintlich nicht spürt: eine Mischung aus Arroganz und dem (manchmal vielleicht berechtigten) Gefühl, ein besseres Leben anzustreben oder auch zu verdienen als ausgerechnet das des Kellners. In dieser Attitüde mischen sich leise Nuancen von Bevormundung, Überheblichkeit und Genervtsein zu einem eiligen Anheben der Augenbrauen. Wie deutlich wir das unabhängig voneinander gespürt haben, wurde erst nach Verlassen des "heimlich Treu" offenbar und äußerte sich in der Frage meiner Begleitung: "War das nicht zu viel Trinkgeld?" Fand ich leider auch.

Aber was uns Unbehagen verursacht hatte, war schwer nachweisbar. Okay, ich hatte am Tag zuvor reserviert. Wir bekamen einen kleinen Zweier-Tisch, an dem ich im Zug saß. Dieser Hinweis stieß zunächst auf mäßiges Interesse, bis man uns anbot, die Tür zum Garten halb zu schließen. Ein Wechsel sei leider nicht möglich, denn alle anderen Tische seien reserviert. Wurden sie auch alle voll im Laufe des Abends? Natürlich nicht.

Das Sharing wird wie eine brandneue Philosophie präsentiert

Einer der Kellner, enge weiße Shorts, graues T-Shirt, hockte sich hin auf Augenhöhe mit dem Tisch wie früher die Jungs bei "Thank God it’s Friday" und erläuterte das Programm des Hauses, als sei es dort erst erfunden worden. Sie ahnen es schon, es ging um das modische "Sharing", das familiäre Teilen von Gerichten, das gern wie eine brandneue Philosophie präsentiert wird.

Die Getränke waren schön kalt, ein guter Sekt zum Auftakt (sechs Euro) und dann auch der leichte, angenehm trockene Weißburgunder von Christmann aus der Pfalz (32 Euro), der in einem netten Klemmkühler serviert wurde. Wir hatten reichlich Gelegenheit das Ambiente zu studieren, modisch loftig, flamboyante Lampen, große Bilder. Es dauerte alles etwas, das Sauerteig-Honig-Brot, frisch aus dem Ofen, war dann aber wirklich gut, ebenso Focaccia und Baguette. Gut gefiel uns auch aus der Sektion "Davor" ein Gericht, das als "Tomate, Stracciatella, Mandel" angekündigt war: halbierte Cherry-Tomaten in verschiedenen Konsistenzen unter drei Burrata-Hauben, dazwischen ganze Mandeln (16 Euro). Die Short Ribs schmeckten zwar satt gewürzt, hätten aber ruhig zarter sein dürfen. Die salzige Apfelvariante mag originell gewesen sein, meine Geschmacksnerven zuckten aber dennoch zusammen (16 Euro).

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist nicht überzeugend

Als wir die Vorgerichte verdaut hatten, kamen dann doch noch die Hauptsächlich-Speisen. Das Lamm war ziemlich zart und auf guter Bratensauce angerichtet. Zwei hartgesottene Artischockenhälften gaben die Deko dazu (21 Euro). Bei den Beilagen hatten wir mit außen knusprigen, innen weichen Auberginen-Kroketten mit Pilz- und Zwiebeldip wohl einen ganz guten Griff getan (sechs Euro). Inzwischen waren wir vorübergehend an eine freundlichere asiatische Hilfskraft delegiert worden, die sogar wusste, was ein Lächeln ist.

Zum Dessert gab es eine Erdbeerschnitte mit glibberigem Topping, Nussmandelbrösel, Erdbeereis, einigen frischen Erdbeeren und einem Häufchen Bröckelkekse. Dass das mit 17 Euro auf der Rechnung erschien, hat mich wirklich entsetzt, obwohl ich generell nicht begeistert war vom Preis-Leistungs-Verhältnis. Das auf der Karte mit zwölf Euro annoncierte Ananas-Kokos-Dessert war wohl ausgegangen und durch dieses ersetzt worden.

Immer mal wieder wurden große Sharing-Tabletts mit bunten Speisen an uns vorbei getragen. Das sieht von fern alles ganz gut aus, die Köche können hier auch sicher mehr als die Kellner. Aber Modernität ist auch nicht alles, das hippe Ambiente ebenfalls nicht. Gäste sind ja grundsätzlich keine Störenfriede, sondern Leute, die Erholung suchen beim Essen und den Laden am Laufen halten. Wenn man sie Letzteres ein bisschen spüren lässt, ist das gewiss kein Fehler.

Heimlich Treu, Anklamer Straße 38, 2. Hinterhof, Mitte, Tel. 48 49 45 99, Mo-Fr 12-15, Mo-Sa ab 18, So 11-17 Uhr
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