Von Tisch zu Tisch : Schloss Reichenow

Aus dem abgelegenen Herrenhaus, das früher eine beliebte Adresse für Hochzeitsfeiern war, haben neue Pächter ein hübsches Hotel mit einfachem, gutem Essen gemacht.

Restaurant Schloss Reichenau. Das 1900 nordöstlich von Strausberg erbaute Herrenhaus wurde nach der Wende als Hochzeitsort beliebt.
Restaurant Schloss Reichenau. Das 1900 nordöstlich von Strausberg erbaute Herrenhaus wurde nach der Wende als Hochzeitsort...Foto: Schloss Reichenow/promo

Rund um Berlin gibt es reichlich Schlösser. Die meisten davon sind im Vergleich zu Versailles oder Neuschwanstein eher Bahnwärterhäuschen, aber ihnen haftet doch eine Aura an, die sie attraktiv macht für Eheschließungen, Familienfeste oder diskrete Mini-Tagungen;. Auch auf die Qualität des Essens wird häufig Wert gelegt, wenngleich nicht immer glückhaft. Neues allerdings gibt von ihnen selten zu melden.

Das ist nun im Fall von Schloss Reichenow zumindest einmal anders. Das Herrenhaus von 1900, nordöstlich von Strausberg, wurde nach der Wende als Hochzeitsort populär, dann kamen zuletzt windige Pächter, die es herunterwirtschafteten. Das ist nun aktuell nicht erneut zu befürchten, denn neuer Betreiber ist die Familie Eilers – Hans Eilers war der dienstälteste Berliner Hotelier (Savoy), bevor er sich in die Rente zurückzog und nun Reichenow übernahm mit seinem Sohn Jan, der als Geschäftsführer fungiert. Das renovierte Haus ist schön geworden, mit sorgfältig kuratierter moderner Kunst und ebenso karg wie anheimelnd eingerichteten Räumen; 22 Zimmer (DZ 85/100 Euro) und einige Tagungsräume gibt es.

Gelungen: Wildschwein mit Wirsing-Lasagne

Und eben das großzügige Restaurant. Jan Eilers, der im Berliner „First Floor“ kochen gelernt hat, sieht auch nach der Küche, die keinen offiziellen Chef hat. Das ist aber auch nicht nötig, denn hier halten sich Ehrgeiz und Preise  in Grenzen, aus Reichenow soll kein Gourmet-Reiseziel werden, dafür sollen sich auch die Nachbarn angesprochen fühlen. Das heißt, dass hier eine Küche angestrebt wird, die sich jeglicher Beckmesserei verschließt, aber eben doch auf einfache Art Freude machen soll.

Und das gelingt, wie ich fand, recht gut. Die Speisekarte bietet auf, was der Gast an regionalen Produkten erwartet; die Wälder sind voll von Wild, und so ist es kein Wunder, dass hier auch das in der Topgastronomie eher verpönte Wildschwein auf der Karte steht. Dessen Fleisch ist immer etwas fest, aber trotzdem habe ich diese Variante hier gern gegessen: dünne, leicht angeräucherte Scheiben vom Rückenfilet, mit Wirsing zwischen große Nudelblätter zur Lasagne geschichtet und mit köstlicher dunkler Jus gewürzt (16,20 Euro). Das akkurat auf der Haut gebratene Lachsforellenfilet kam mit Meerettichsauce, von der wir auch mehr vertragen hätten, sowie auf nudelförmig geschnittenem Rettich und blauen Kartoffeln, die ein wenig grobschlächtig dalagen, da fehlt es noch an Feinarbeit für die Optik, geschmacklich war alles gelungen.

Reizvoll ist die intensive Ruhe des abgelegenen Ortes

Das Vorspeisenangebot fällt hier, dem vorerst angepeilten Niveau angemessen, eher knapp aus. Wir probierten eine gut ausbalancierte Rote-Bete-Suppe mit Chili und Apfelscheiben (5,70 Euro) sowie ein Törtchen aus Räucherforellencreme auf Pumpernickel mit Salat. Auch das ließe sich womöglich filigraner machen, aber wer damit für 7,20 Euro nicht ganz und gar zufrieden ist, der hat vermutlich ein Problem mit seinen Maßstäben. Am wenigsten auf der Höhe der Zeit ist die Küche vermutlich bei den Desserts, die mit einer verspielten Früchtedekoration gebracht werden wie einst in den Neunzigern. Aber Crème brulée und das mit Quarkcreme gratinierte Birnenkompott plus einem Stück Schokobaumkuchen waren okay – amüsant die trennscharfe Kalkulation, 4,80 Euro für die Brulée, 4,90 Euro fürs Kompott...

Die Weinkarte ist anständig, der Service arbeitet gut

Der Seniorchef hat sich zudem für eine anständige Weinkarte starkgemacht, die keine Avantgardeansprüche zeigt, sondern gute Namen zu mehr als günstigen Preisen bietet und selbst die Offenen pflegt, was Lunchgäste erfreuen wird: Der saftig-resche Grauburgunder von K.H. Schneider (Nahe) wird für 5,50 Euro ausgeschenkt, wohlgemerkt: 0,2 Liter. Sorgfalt steckt selbst in der Kaffeezubereitung, der Service arbeitet gut, also: Da passt alles, wenn man mit den richtigen Erwartungen anreist.

Das größte Plus von Schloss Reichenow ist allerdings von der Direktion nicht zu beeinflussen. Es ist die intensive Ruhe, die über dem abgelegenen Gelände und dem kleinen See drunter liegt. Eine Gartenterrasse ist in Arbeit – aber auch jetzt im Winter ist ein Besuch schon ganz und gar zu empfehlen.

Schloss Reichenow, Neue Dorfstraße 1, Reichenow-Möglin, Tel. 033437- 27 66 28, Mi - Fr 16 - 22, Sa / So 12 - 22 Uhr. Weitere Beiträge rund ums Thema gutes Essen und Trinken - in Berlin und über den Tellerrand hinaus - lesen Sie auf unserer Genuss-Themenseite.