Von Tisch zu Tisch : Sissi

Ein Lokal, so gemütlich wie Berlin vor der Gentrifizierung. Die österreichische Küche schmeckt, und der Service ist prima.

Gemütlicher Kneipen-Charme zu alpenländischer Küche im Restaurant "Sissi" in Schöneberg.
Gemütlicher Kneipen-Charme zu alpenländischer Küche im Restaurant "Sissi" in Schöneberg.Foto: promo/Sissi

Kaiserliche Grandezza? Keineswegs. „Sissi“, das ist ein kleines, gemütliches Lokal, hohe Tische im Vorderraum, der auch als Bar oder Café dient, hölzerne Gaststättentische im hinteren Zimmer. Für Feiern gibt’s noch eine Beletage. Rot-grün gemusterte Tapete, alles etwas eng, auf einigen Tischen liegen Berlin-Führer. Für Touristen ist das Lokal vermutlich so attraktiv, weil es in etwa so aussieht, wie man sich Berlin vor der Gentrifizierung vorstellte, irgendwie ein bisschen kneipig, viel Patina, aber eben nicht zu schick oder gar hip.

Kneipencharme, der auch Touristen gefallen dürfte

Die Karte ist österreichisch, natürlich. Figuren wie Sissi haben in dieser Nachbarschaft Ikonenstatus. Auch bei den Weinen liegt der Schwerpunkt auf Österreich, obwohl es auch noch andere gibt, die teils preiswerter sind. Der 2017er Grüne Veltliner der WG Gobelsburg aus dem Kamptal war seinen Preis wert, ein gar nicht so leichter, fruchtig frischer Wein mit einer schönen Farbe (30 Euro). Fürs Fleischpflanzerl, eine zweigeteilte kalte Frikadelle, die es mit Senf als Appetitanreger zu dunklem und weißem Baguette gab, war er fast ein bisschen zu spritzig. Gleich zu Beginn fiel angenehm auf, dass der Service überdurchschnittlich höflich und kenntnisreich ist. Wir wurden gut beraten und begleitet bei diesem Essen.

Die Rinderkraftbrühe kommt im Einmachglas

Der Steirische Käferbohnensalat war mit reichlich Kräutern angemacht, ein kleiner, gehaltvoller Vorspeisen-Teller. Die Bohnen mit samtigem Biss trugen schwer an einem in den unteren Regionen schneeweißen Turm aus knackigen Rettichstreifen, der eine bräunliche Haube aus säuerlich scharfem Rettich trug (6,50 Euro). Sehr gut war auch die kräftige, dunkle, genau richtig gewürzte Rinderkraftbrühe mit Kräutern und Frittaten. Letztere hatten vielleicht schon ein bisschen zu viel Brühe geschluckt, sie waren einfach weich geworden, aber ansonsten feinfädig zubereitet wie eine Julienne. Da gab es nichts zu meckern. Auch die Art, sie zu servieren war ganz nett gemacht, eine gläserne kleine Suppenschüssel nach Art eines Einmachglases mit Deckel drauf (6,50 Euro).

Die Hauptgerichte ließen nicht allzu lang auf sich warten und traten auf den ersten Blick sehr gewichtig auf. Kässpätzle nach Vorarlberger Art erinnerten an ein XL-Omelett. Die einzelnen Spätzle verbargen sich unter einem reichen, würzigen Käsemantel, mit dem sie gut verschmolzen. Geröstete Zwiebeln gaben eine angenehme Schärfe dazu. Und der grüne Vogerlsalat mit einem zwiebeligen Senfdressing setzte einen frischen Kontrast (13,50 Euro). Die etwas sandigen Feldblätter standen auch im Mittelpunkt des kreisförmig arrangierten Sulmtaler Backhendlsalats, unter anderem als diskrete Kappe für einen allerdings gelungenen, säuerlich senfigen Erdäpfel-Gurkensalat, der angenehm dosiert war. Ringsum lagerten vier längliche, knusprig goldbraun panierte Hendl-Teile, die im Biss ganz zart waren (15,50 Euro). Das alles sah mächtig aus, war aber weniger erdrückend als erwartet und ließ Platz fürs Dessert.

Der Kaiserschmarrn schlägt die hauseigene Sissi-Torte

Die Eigenkreation Sissi-Torte, ein flacher Kuchen mit Schokoladenüberzug, verlor gegen die Verführung Kaiserschmarrn mit Zwetschgenröster. Eierkuchenstücke, dick mit Puderzucker bestreut, klebten aneinander und teils auch am Teller fest. Sättigend und gut, vom Pflaumenkompotthätte es etwas mehr sein können (8,50 Euro). Der Koch versteht sein Handwerk wie die Kellner. Dennoch gibt es Steigerungsmöglichkeiten. Vielleicht sollte das Team noch etwas mehr Sorgfalt bei der Auswahl der verwendeten Fette walten lassen. Auch das beste Handwerk ersetzt nicht wirklich erstklassige Zutaten. Und die Weinpreise könnte man eventuell etwas volkstümlicher gestalten. Bei den österreichischen Weinen geht es bei 30 Euro erst los, das schafft eine echte Hemmschwelle.

Sissi, Motzstraße 34, Schöneberg, Tel. 21 01 81 01, geöffnet täglich ab 17 Uhr.

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