Von TISCH zu TISCH : Wagner

Das Restaurant am Umspannwerk in Kreuzberg nennt sich "Cocktail-Bistro". Das Essen ist rustikal und gut, die Getränkeauswahl mäßig.

Hinter historischer Klinkerfassade ein modernes Restaurant: das Cocktail-Bistro "Wagner" im Umspannwerk in Kreuzberg. Und draußen sitz es sich auch sehr nett.
Hinter historischer Klinkerfassade ein modernes Restaurant: das Cocktail-Bistro "Wagner" im Umspannwerk in Kreuzberg. Und draußen...Foto: Wagner / promo

Wieder eine neue Schublade – oder ist es eine alte? Ich lese immer häufiger den Begriff „Gastropub“, der wie ein Mittel gegen Sodbrennen klingt, aber doch wohl etwas anderes bedeutet. Als deutsche Übersetzung käme das Wort „Speisekneipe“ in Betracht, hat allerdings den Nachteil, dass es in Berlin auf ewig mit Solei und Hackepeter verbunden sein wird.

Ohne großes Zeremoniell

Das relativ neue „Wagner“ im alten Kreuzberger Umspannwerk, nur ein paar Schritte vom „Volt“ entfernt, nennt sich selbst „Cocktail-Bistro“, was erst einmal nur auf die Existenz einer Bar und auf relativ unaufwendige Küche ohne großes Zeremoniell hindeutet. Inhaber ist Ramses Manneck, der das „Industry Standard“ gegründet hat. Als Küchenchef grüßt Thomas Leitner, zuletzt in Gagnaires „Les Solistes“ am Zoo. Dass Top-Köche keine Lust mehr auf feinziselierte Pinzettenküche aus Luxusprodukten haben, liegt im Zeitgeist, und normalerweise profitiert davon der Gast, der für wenig Geld gutes Essen bekommt.

Natürlich: Speisen zum Teilen

Das „Wagner“ ist also supersimpel. Recht laute Musik, harte Stühlchen, das benutzte Besteck bleibt auf dem Tisch, die Servietten sind von schlichtester Papierqualität – Speisekneipe eben. Dafür geht auch alles recht schnell, wenn erst einmal bestellt ist. Das Tagesangebot umfasst knapp ein Dutzend Gerichte, die nach und nach gereicht werden und selbstredend zum Teilen gedacht sind. Wer das nicht mag (wofür ich langsam wachsendes Verständnis habe), muss sich irgendwie arrangieren. Wir bestellten zunächst vier Gänge – obligatorisch sind wohl die herrlichen Pommes frites mit Rauchgeschmack, Miso-Mayonnaise und Honig (5 Euro), die zwar rustikaler sind als der Rest des Angebots, aber die geschmackliche Linie vorgeben: Es ist der moderne Umami-Stil, der keine Gelegenheit auslässt, den Naturglutamat-Turbo zu zünden. „Rettich, Guinness, Buchweizen“ war eine weitere Kostprobe: Rettich einmal sehr weich geschmort in dunklem Bier, einmal roh geraffelt, dazu Buchweizenkörner fürs Knuspergefühl und dominanter frischer Estragon (7 Euro).

Kein Hauch von Langeweile

Dann steht schon fest: Hier sind Köche am Werk, die wissen, wie es schmecken soll und das auch relativ puristisch auf den Teller bringen, immer kontrastreich inszeniert und ohne einen Hauch von Langeweile. „Burrata, Blaumohn, Pflaumenmus und Speck“ zeigte auf der Zunge einen ähnlichen Verlauf: Der geschmeidige Sahnemozzarella bildete ein Pols­ter, auf dem sich das – offenbar mit Nüssen durchsetzte – Pflaumenmus entfaltete, ohne allzu süß aufzutrumpfen, der Mohn blieb im Hintergrund. Die Kartoffelcreme war tatsächlich eine, keine Suppe, sondern kompakt, aromatisiert mit Bottarga, dem getrockneten Fischrogen (10). Etwas üppiger dimensioniert und damit faktisch als eine Art Hauptgang kam der Glen-Douglas-Lachs (schottische Top-Qualität), etwas unentschlossen gegart zwischen halb roh und Niedertemperatur, mit Sesam und wildem Broccoli auf einem süßlichen Gemüse, möglicherweise Zwiebeln (16). Am überraschendsten fiel die „Schweineboulette“ aus, ein enorm ausdrucksstarker Klops, durchgebraten mit recht großen, zarten Fleischstücken in dunkler Jus von Meisterhand, Einkorn-Risotto und wildem Broccoli (11).

Cocktail statt Wein

Schublade wieder auf: Ist das eventuell eine „Weinbar“? Absolut nicht. „Naturwein“-Spezialist Jan Hugel soll hier zuständig sein, aber wofür braucht ein Sortiment von nicht einmal zehn Weinen einen Sommelier? Kryptisch wird auf andere Flaschen hingewiesen, nach denen man fragen solle. Wir fragten verdutzt nach der Weinkarte, hörten dann, dies sei ja ein Cocktail-Bistro – nicht mein Geschmack zum Essen. Auch Bier spielt keine Rolle. Wir trösteten uns mit dem natur-notorischen Weißburgunder von Sven Leiner (Pfalz) für faire 25 Euro.

Beim nächsten Besuch wüsste ich nicht, was ich sonst trinken sollte, und das spricht eigentlich nicht für ein zukunftsträchtiges Konzept. Das gute Essen hat eine ambitioniertere Begleitung verdient. Falls es mal wieder Sommer wird: Draußen sitzt es sich nett.

- Wagner Cocktail-Bistro. Paul-Lincke-Ufer 22, Kreuzberg, Tel. 0176-22583342, Di-Sa 18-3 Uhr, wagnercocktailbistro.com