Gesundheit : Arzt im Wartezimmer

Victor W. bekommt seit Jahren keinen Studienplatz. Bald könnte es vielen Bewerbern so gehen

Tina Rohowski

Der erste Satz ist immer der gleiche: „Leider konnten Sie noch keinen Studienplatz erhalten.“ Solche Briefe haben Victor W. schon oft erreicht, mehrere Jahre lang. Denn für Victor, der 2002 sein Abitur gemacht hat, war nach der Schule klar, dass er Medizin studieren will. Und seitdem sammelt er Absagen. „Ich hatte ja gar nicht damit gerechnet, gleich etwas zu bekommen“, sagt Victor. Mit einem Notenschnitt von 2,8 sei ihm durchaus bewusst gewesen, dass er sich auf eine Wartezeit einstellen muss. Aber nun wartet er seit zehn Semestern.

In der Warteschleife für einen Studienplatz: Für Abiturienten, die ohne Bestnoten Medizin studieren wollen, ist das in Deutschland seit Jahrzehnten üblich. Es gibt weit weniger Studienplätze als Bewerber. Doch könnten bald auch immer mehr Schulabgänger auf der Stelle treten, die ein anderes Wunschfach als Medizin haben. Denn Deutschland steht vor einem Ansturm von Studierenden. Ob die von Bund und Ländern mit dem Hochschulpakt geplanten neuen Studienplätze aber tatsächlich reichen, wird von vielen Experten bezweifelt. Schon jetzt gibt es in Berlin einen flächendeckenden Numerus clausus. Und unlängst meldete die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die Zahl der zulassungsbeschränkten Bachelor-Studiengänge steige bundesweit. Gut möglich also, dass bald viele gezwungen sein werden, zwischen Abitur und Studium Zeit totzuschlagen.

Als Victor die erste Bewerbung verschickte, war er im Zivildienst in einem Kölner Krankenhaus. Die Arbeit dort hat seinen Studienwunsch bestärkt: „Es war desillusionierend, aber eben auch ein Praxistest.“ Im Kampf um eine Unizulassung ist der leider nicht viel wert, wie Victor seitdem regelmäßig feststellten konnte, wenn er Post von der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) bekam. Sie führt das Bewerbungsverfahren für den bundesweit zulassungsbeschränkten Studiengang Medizin durch. In Victors Fall lautet die ZVS-Bilanz: Geht es nach Abiturnote, liegen stets einige tausend Bewerber zwischen ihm und dem ersehnten Medizinstudium. Geht es nach dem Kriterium „Wartesemester“ sind es immerhin noch einige hundert.

2004, als wieder eine Absage eingegangen war, begann Victor eine Ausbildung zum Krankenpfleger – „ganz bewusst als Vorbereitung auf das Medizinstudium“, wie er sagt. Sein Plan war: Sollte er eine Zusage während der Ausbildung erhalten, würde er diese für die Uni abbrechen. Victor versandte weiter Bewerbungen, jedes Semester aufs Neue. Manchmal wechselte er die Universitäten, die er im Formular als Präferenzen angeben musste: Köln, Dresden, Kiel – dem 24-Jährigen ist es inzwischen fast egal, wo er sich immatrikuliert. Doch selbst für weniger begehrte Studienorte wurde er nicht zugelassen: „Da war einfach keine Chance. Der Numerus Clausus und die Zahl der geforderten Wartesemester stieg sogar weiter an.“

In der Berufsschule lernte Victor andere Azubis kennen, die eigentlich auch lieber Medizinstudenten wären. Auch auf der psychiatrischen Station des Klinikums Neukölln, wo er seit einigen Wochen arbeitet, redet er in seinen Pausen mit anderen Pflegeschülern über Zulassungskriterien, NC-Werte oder die Möglichkeit, sich in die Uni „einzuklagen“. Das kostet jedoch schnell mehr als 1000 Euro. Wer, um seine Chancen zu steigern, gleich mehrere Unis verklagt, kommt auf 5000 oder 10 000 Euro für Anwaltskosten und Gerichtsverfahren. Und ein Erfolg ist keineswegs sicher. Ebenso ist ein Studium im Ausland mit Umzug, Heimatbesuchen und höheren Gebühren teurer als hier. Deshalb blieb es für Victor dabei: Er wartet und hofft.

Um die wenigen Plätze zu verteilen, nutzen die Hochschulen nicht nur Abiturschnitt und Wartezeit als Auswahlkriterium. In ZVS-Fächern wie Medizin haben sie seit 2005 die Möglichkeit, 60 Prozent ihrer künftigen Studenten über ein eigenes Verfahren zuzulassen, in dem auch andere Kriterien eine Rolle spielen, etwa die Präsentation in einem Auswahlgespräch. Doch auch zu solch einem Bewerbungstermin wurde Victor nie eingeladen. Warum das so ist, steht in den Absagen nicht. Mittlerweile füllt die Korrespondenz mit der ZVS und den Hochschulen einen ganzen Ordner.

Ob er nicht „einfach etwas anderes studieren“ könnte, hätten manchmal Freunde gefragt. „Warum soll ich BWL lernen, wenn ich sicher bin, dass ich Arzt werden will?“, hat Victor geantwortet. In der Klinik wissen viele Ärzte, dass er sich für ein Medizinstudium bewirbt. Sie fragen, ob er bei einer Magenspiegelung dabei sein möchte und erklären ihm, wenn die Zeit es zulässt, was auf dem Monitor zu erkennen ist. Victor wurde während der Ausbildung unter anderem in der Neurologie, der Urologie und auf der Intensivstation eingesetzt. Er kennt den harten Klinikalltag. Zudem konnte er seine soziale Kompetenz im Umgang mit Patienten testen – eine Erfahrung, die er den meisten Medizinstudenten voraus hat.

In diesem Frühjahr endet Victor Ws. Ausbildung zum Pfleger. Er wird wieder eine Bewerbung an die ZVS schicken und ist zuversichtlich: „Mit meinen zehn Wartesemestern müsste das doch klappen“, sagt er. Im September kommen die Antworten.