Gesundheit : „Es ist günstiger, im Osten zu studieren“

Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Frankenberg wirbt für ein Studium in den neuen Ländern

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Vom Jahr 2010 an werden die Hochschulen im Osten zur Hälfte nicht genutzt, während die Hochschulen im Westen überfüllt sein können. Das liegt an der ungleichen Geburtenentwicklung in Ost und West. Wie ist das Problem zu lösen?

Wir haben im Hochschulpakt finanzielle Voraussetzungen geschaffen: Die Länder im Osten erhalten 15 Prozent der Bundesgelder und verpflichten sich im Gegenzug, keine Studienplätze abzubauen.

Würden die Studierwilligen aus der alten Bundesrepublik in Scharen in den Osten gehen, wäre der bevorstehende Studentenandrang leichter zu lösen und Milliarden Euro könnten gespart werden. Wie bekommt man die Studenten aus dem Westen nach Dresden, Leipzig, Rostock, Magdeburg, Halle oder Jena?

Das Hauptproblem ist, dass viele befürchten, im Osten keinen Praktikumsplatz und später keinen Arbeitsplatz zu finden. Noch erscheinen die Verhältnisse im Osten für die Studierenden nicht attraktiv genug. Das Problem lässt sich nicht einfach mit Marketing oder Finanzanreizen lösen. Man kann nur darauf hoffen, dass die Jugendlichen nach dem Osten ausweichen, wenn in der alten Bundesrepublik die Hochschulen dicht werden.

Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt möchte aus dem Westen keine schlechteren Studenten bekommen, die dort wegen örtlicher Zulassungsbeschränkungen keinen Studienplatz finden. Er will gute Studenten, die auch nach dem Studium in Sachsen bleiben. An einem Pingpong-Effekt, dass die Studenten nur in den neuen Ländern studieren und danach in den Westen zurückkehren, habe der Osten kein Interesse.

Die neuen Länder müssen bei diesen Strukturfragen ihre Möglichkeiten nutzen, indem sie keine Studienplätze abbauen. Wenn sie das täten, hätten sie die Chancen zum Aufholen in der Wirtschaft verspielt. Das Wichtigste ist, dass die Länder im Osten attraktiv sind und die dortigen Unternehmen den Hochschulabsolventen auch Chancen geben. Das Beispiel Dresden mit hochwertigen Arbeitsplätzen bei AMD in der Chipindustrie müsste allgemein Schule machen.

Läge es nicht nahe, den Studierenden aus dem Westen als Anreiz Stipendien zu gewähren, wenn sie im Osten studieren?

Wenn es nach finanziellen Gesichtspunkten ginge, dann müsste man ohnehin im Osten studieren. Es gibt dort noch Freiheit von Studiengebühren, die Lebenshaltungskosten sind um 30 Prozent niedriger als im Westen. Wenn man 500 Euro pro Monat für die Lebenshaltungskosten eines Studenten annimmt, dann spart der Weststudent im Osten monatlich 100 Euro. Das sind 1200 Euro im Jahr. Dazu kommen 1000 Euro pro Jahr an nicht zu zahlenden Studiengebühren. Das ergibt 2200 Euro Ersparnis für Studierende, die aus dem Westen in den Osten gehen.

Die Wirtschaft hat ein hohes Interesse daran, dass bei dem Studentenandrang der nächsten Jahre die richtigen Fächer gewählt werden: Das sind Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Informatik, Wirtschaftswissenschaften, Lebenswissenschaften. Müsste die Wirtschaft den Studenten, die sie braucht, nicht als Anreiz zur richtigen Studienwahl Stipendien gewähren?

Zum Teil bleiben schon heute Studienplätze in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern frei. Eigentlich haben die Studierenden dieser Fächer herausragende Berufschancen. Wenn die Schulabgänger ökonomisch denken würden, dann müssten sie diese Studiengänge wählen. Wir müssen in der Schule, im Elternhaus, aber auch in den Hochschulen für diese Fächer mehr werben, ja mehr Begeisterung wecken.

Reichen Werbung und Begeisterung allein aus?

Wir müssten auch in Deutschland zu der Einführung eines ersten Orientierungsjahres im Bachelorstudium kommen. Denn wir verlangen von den jungen Menschen Entscheidungen für Studiengänge, die sie während der Schulzeit überhaupt nicht kennenlernen. Wenn man Naturwissenschaften im Orientierungsjahr anböte und dadurch ein gewisses Grundwissen vermittelt und Defizite in Physik, Chemie oder Mathematik ausgleicht, dann könnte man mehr junge Leute für das Studium dieser Fächer gewinnen. So vorbereitete Studenten wären dann auch erfolgreicher im Studium. Auf diese Weise könnte man die hohen Abbrecherquoten in den schweren Fächern verringern.

Die Schulabsolventen orientieren sich auch an der Entwicklung des Arbeitsmarkts. Es ist immer noch in deutlicher Erinnerung, dass um das Jahr 2002 die Ingenieure unter den arbeitslosen Akademikern an der Spitze standen, weil sich die Wirtschaft der älteren Ingenieure massenhaft entledigte. Wäre heute nicht ein sichtbares Zeichen aus der Wirtschaft zu empfehlen, mit Stipendien die richtige Fächerwahl zu befördern?

Studierende in den Naturwissenschaften und den Technikwissenschaften reagieren bereits heute sensibler auf den Arbeitsmarkt als Studenten in den Geisteswissenschaften. Ich halte sehr viel davon, dass Stipendien in größerer Zahl bereitgestellt werden. Das machen bei uns schon Unternehmen. Die Frage ist offen, ob man damit diejenigen gewinnen kann, die schwankend sind, also eigentlich keine Natur- oder Technikwissenschaften studieren wollen, obwohl sie dazu fähig wären. Es ist zu befürchten, dass die Stipendien in erster Linie von den ohnehin naturwissenschaftlich Interessierten genommen werden.

Der Hochschulpakt droht jedenfalls an den teuren Studienplätzen in den Natur- und Ingenieurwissenschaften oder Lebenswissenschaften vorbeizugehen. Denn bereits bei der ersten Rate fehlen 900 Millionen Euro, um die zusätzlichen 90 000 Studienplätze über das Jahr 2010 hinaus wirklich auszufinanzieren. Wenn die Unterfinanzierung nicht ausgeglichen wird, können nur Billigstudienplätze in Massenfächern wie Germanistik, Jura, Wirtschaftswissenschaften oder an Fachhochschulen finanziert werden.

Das Problem ist richtig beschrieben. Wir gehen davon aus, dass der Hochschulpakt mit dem Bund nur eine Teilfinanzierung ist. Die Länder werden nicht umhinkommen, den größten Teil der neuen Studienplätze selber zu finanzieren. Für Baden-Württemberg ist der Hochschulpakt nur eine Beihilfe zu den Anstrengungen, die das Land aus eigener Kraft unternimmt.

In der folgenden Rate des Hochschulpakts für die Jahre 2011 bis 2015 rechnen Experten mit einem Finanzierungsbedarf für zusätzliche Studienplätze in Höhe von fünf Milliarden Euro. Gibt es dafür realistische Chancen?

Für einen angemessenen Beitrag gibt es eine realistische Chance, weil bis 2020 noch mehr neue Studienplätze benötigt werden als auf der Grundlage der heutigen Nachfrage. Wenn man die Gesamtsumme sieht, die vom Bund und von allen Ländern aufgebracht werden muss, dann dürfte man nicht weit von den genannten Kosten in Höhe von fünf Milliarden Euro für die ganze Laufzeit sein.

Der Hochschulpakt teilt die Bewältigung des Studentenbergs in drei mittelfristige Finanzplanungen von vier oder fünf Jahren auf, obwohl eine durchgehende Lösung bis 2020 gefunden werden muss. Das bringt die Hochschulen vor kaum lösbare Probleme bei der Personaleinstellung. Kein guter Wissenschaftler lässt sich nur für fünf Jahre gewinnen. Wie löst Baden-Württemberg dieses Problem?

Wir verzichten nicht darauf, jetzt Professoren auf Lebenszeit einzustellen. Wir werden für die Professuren, die wir neu schaffen, k.w.-Vermerke (die Stelle kann wegfallen – d. Red.) anbringen. Wenn wir jetzt eine Professur für die nächsten 20 Jahre besetzen, weiß der Inhaber der Stelle jedoch, dass er oder sie für 20 Jahre gesichert ist. Dann wird der Wegfallvermerk an einer Stelle angebracht, die anderswo vorher frei wird. Eine solche Flexibilität innerhalb der Hochschulen muss gesichert sein.

Das Gespräch führte Uwe Schlicht.

Peter Frankenberg (59) ist seit 2001 Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg. Zuvor war der promovierte Geograf Rektor der Uni Mannheim

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