Gesundheit : Geschichtsstunde

Europa debattiert über gemeinsames Schulbuch

Christian Domnitz

Historiker und Politiker aus ganz Europa haben sich zu Wort gemeldet, nachdem Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft eine Debatte um ein europäisches Geschichtsbuch angestoßen hat. Mit dem Versuch, so in den EU-Mitgliedstaaten eine Erinnerungsgemeinschaft zu befördern, werden in zukünftigen Generationen Ethnozentrismen und nationale Fixierungen abgebaut und Konflikte vermieden – hoffen die Befürworter des Projekts.

Allerdings gilt es dabei, Klüfte zu überwinden, die sich beispielsweise in der Bewertung der Weltkriege oder der sich anschließenden Zwangsumsiedlung der Deutschen auftun. Viele Ostmitteleuropäer befürchten eine Vermischung dessen, wer Täter und wer Opfer sei. Auch bestehen zwischen Ost- und Westeuropa unterschiedliche Bewertungen des Kommunismus. In den neuen EU-Mitgliedstaaten wird er oftmals mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt. So ist es schwer, sich gemeinsam und ohne Streit an Vergangenes zu erinnern. Die europäischen Wahrnehmungen der jüngsten Geschichte sind fragmentiert.

„Nicht zu jeder Epoche treffen unversöhnliche Interpretationen aufeinander“, betont jedoch Hartmut Kaelble, Historiker an der Humboldt-Universität. Für ein europäisches Geschichtsbuch würde man nach einem Grundbestand gemeinsamer Einschätzungen suchen. Er verweist auf Gemeinsamkeiten der Gesellschaften Europas, wie zum Beispiel den Wohlfahrtsstaat. Dass in einem europäischen Schulbuch keinesfalls eine westliche Großerzählung verfestigt werden müsse, unterstreicht Simone Lässig, Direktorin des Georg-Eckert-Instituts für Schulbuchforschung in Braunschweig. Es dürfe kein europäisches Gedächtnis von oben herab oktroyiert werden. Ein in zwischennationaler Zusammenarbeit entwickeltes Geschichtsbuch könne als offenes Angebot zu bestehenden Lehrwerken hinzutreten. Lässig findet, dass durchaus auch die Narrative des jeweils anderen in einem Schulbuch vorkommen dürfen. Schüler können sich damit auseinandersetzen, dass in Polen über den Holocaust und den Gulag anders nachgedacht wird als in Deutschland.

Skeptischer sind polnische Historiker, welche die nationalen Perspektiven auf die Vergangenheit bedroht sehen. Der Mittelalterhistoriker, Europaabgeordnete und ehemalige Außenminister Bronislaw Geremek sieht das gemeinsame Vorhaben in einem Gastbeitrag für die polnische Springer-Zeitung „Dziennik“ als schwierig an. Den Menschen im Westen fehle die Sensibilität dafür, was sich vor 1989 jenseits des Eisernen Vorhangs getan hätte. Das Blatt hatte am Sonntag vor einer Woche auf seinem Titel das Ansinnen eines europäischen Geschichtsbuchs danach bewertet, ob in ihm die polnische Sicht auf die Vergangenheit verankert werden könne und schließlich geurteilt, dies sei „ein Buch, das sich nicht schreiben lässt“. Zdzislaw Mach, Direktor des Instituts für Europäistik der Universität Krakau, fand hingegen, dass die Interpretation historischer Ereignisse zu verhandeln auch dann sinnvoll sei, wenn man sie nicht in Übereinstimmung bringen könne.

Dass es möglich ist, die europäische Erinnerungslandschaft aus verschiedenen Perspektiven darzustellen, hat der niederländische Publizist Geert Mak mit seinem Buch „In Europa“ gezeigt. Vorreiter bei den Schulbüchern ist ein 2006 veröffentlichter, erster Band eines gemeinsamen deutsch-französischen Lehrwerks. Rudolf von Thadden, Historiker und bis 2003 Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-französische Zusammenarbeit, war politischer Türöffner und Berater des Projekts. Er mahnt zur Vorsicht bei so großen Vorhaben wie einem Geschichtsbuch für 27 Staaten: Dass so etwas einfach zu machen ist, sei eine leichte Versprechung. Es gebe methodische Herausforderungen im unterschiedlichen Umgang mit Geschichte und den verschiedenen Erzählstilen.

So nimmt es nicht wunder, dass Gegner eines europäischen Geschichtsbuchs das deutsch-französische Werk angreifen. Der britische „Daily Telegraph“ hatte Ende Februar Nigel Farage, den Chef der Unabhängigkeitspartei, mit der Frage zitiert, „ob wir unsere Kinder einer Gehirnwäsche der Eurokraten aussetzen wollen“. Das Blatt schrieb, die deutsche Ausgabe unterscheide sich zu einem Fünftel von der französischen. Der Klett Verlag, in dem die deutsche Fassung erschien, dementiert diese – tatsächlich falschen – Anschuldigungen.

Nachdem der EU-Kommissar für Bildung und Jugend Jan Figel und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der EU-Ratstagung in Brüssel Schavan unterstützt hatten, gab es auf einer informellen Ratstagung der EU-Kultusminister am Donnerstag in Heidelberg positive Signale von Österreichs Kulturministerin Claudia Schmied und Luxemburgs Delegationsleiter Nic Alff. Zurückhaltend äußerten sich die britische Delegation sowie der niederländische Vertreter Gérard Maas: Ein zentral geschaffenes Geschichtsbuch passe nicht in die niederländischen Verhältnisse. Der polnische Bildungsminister Roman Giertych nutzte das Forum zu Anfeindungen gegenüber Homosexuellen und sagte, er glaube nicht an die Möglichkeit, ein europäisches Lehrwerk zu schaffen. Der Literaturwissenschaftler Adolf Muschg konterte, für dieses Projekt werde wohl „eine höhere Reife der Kulturteilnehmer“ benötigt.