Gesundheit : Geselligkeit

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt Universität

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Die Kunstbibliothek zeigt in der Alten Nationalgalerie die Ausstellung „Neue Baukunst. Berlin um 1800“. Ausgestellt sind Ansichten und Pläne der wunderbar zarten frühklassizistischen Architektur eines Erdmannsdorff, Gilly, Gontard und Langhans, von der nach den Zerstörungswellen der letzten beiden Jahrhunderte nur sehr geringe Reste auf uns gekommen sind, beispielsweise das Brandenburger Tor, der gotische Turmaufsatz der Marienkirche oder das Wrangel-Schlösschen in Steglitz. Um 1800 war es üblich, auf den Architekturzeichnungen anstelle der Fenster schwarze Flächen zu malen, dazu die Bäume und Blumen der Umgebung, aber auf Menschen zu verzichten. So wirken die feinen Zeichnungen seltsam unbelebt. Das steht in schroffem Kontrast zu allem, was wir über das Berlin dieser Tage wissen – es war das Berlin der Salons, das Berlin der Geselligkeit.

Während man in der Brüderstraße das Haus noch sehen kann, in dem Friedrich Nicolai seit 1787 sonntags zu einem „glänzenden Mittagstisch mit anständiger bürgerlicher Pracht“ einlud, bei dem zur Verwunderung der Gäste heiße Suppen aufgetischt wurden, sind die prächtige Stadtwohnung von Henriette und Marcus Herz in der Neuen Friedrichstraße und ihr Sommerhäuschen am Tiergarten längst verschwunden. Hier versammelten sich intelligente Köpfe, „freie Stadtbürger“, wie Wilhelm von Humboldt sagt, der natürlich auch dazu gehörte und dessen spätere Sprachphilosophie Eindrücke dieser Geselligkeit widerspiegelt.

Der engste „Seelenfreund“ der Herz war freilich Schleiermacher, der 1799 den „Versuch einer Theorie des geselligen Betragens“ vorgelegt hat. Gegen Knigges sorgfältig nach Ständen und Geschlecht differenziertes Handbuch „Über den Umgang mit Menschen“ warb Schleiermacher für den freien Umgang vernünftiger, sich untereinander bildender Menschen, für das harmonische Ineinander von Bildung und Unterhaltung.

Wiewohl es in unserer Stadt natürlich immer noch und immer wieder solche unterhaltende und bildende Geselligkeit gibt, fragt sich doch, ob Unterhaltung in der Spaßgesellschaft oft nicht so weit heruntergekommen ist, dass sie geradezu programmatisch die Bildung ausschließt. Und über Bildung so verbissen ernst geschrieben und gestritten wird, dass jede Unterhaltung fehlt. Nachdenken und Nachschenken sollten eben in einem ausgeglichenen Verhältnis stehen.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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