Im Team wird Arabisch, Russisch und Türkisch gesprochen

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Psychiatrische Hilfe für Flüchtlinge : Wenn der Krieg im Kopf nicht aufhört
So sah es in Syrien aus, als Aram Saman floh.
So sah es in Syrien aus, als Aram Saman floh.Foto: dpa

Das wirkt sich auch auf die Arbeit der Psychiatrischen Institutsambulanz aus – eine klassische Psychotherapie ist oft nicht möglich. „Häufig müssen wir erst einmal die Grundlagen schaffen, die eine Therapie ermöglichen“, sagt Oberärztin Schouler-Ocak. Bei suizidgefährdeten oder traumatisierten Patienten sind das Krisengespräche und die sogenannte Psychoedukation, die den Betroffenen über die Ursachen seiner Beschwerden aufklärt. Die Ärzte können auch Medikamente wie Antidepressiva verschreiben. „Neben der Psychotherapie müssen wir die Patienten auch in ihrem Alltag stärken“, sagt die Psychiaterin. In ihrem Team sind die Sprachen Arabisch, Russisch oder Türkisch vertreten, Sozialarbeiter helfen den neu angekommenen Patienten, sich in der ungewohnten Kultur zu orientieren, dazu kann auch mal ein Zoobesuch gehören. Sie übersetzen Papiere, vermitteln Beratungsangebote, um den Aufenthaltsstatus zu klären.

Ein stützendes Umfeld kann helfen, Traumata ohne Psychiater zu verarbeiten

Wie gut ein Mensch mit solchen traumatischen Erfahrung umgehen kann, hängt auch von den Ressourcen ab, die ihm zur Bewältigung zu Verfügung stehen. Nicht jede Extrembelastung zieht eine dauerhafte posttraumatische Belastungsstörung nach sich. „In einem sicheren und sozial stützenden Umfeld können die meisten Menschen Traumata besser verarbeiten, ohne dass Psychiater oder Psychotherapeuten eingreifen müssen“, sagt Schouler-Ocak. Doch wenn eine psychische Intervention nötig ist, dann sei eine Traumatherapie erst möglich, wenn die Bedrohung vorbei ist, sagt die Medizinerin. Die Angst vor einer Abschiebung, also vor erneuter Gewalt und Lebensgefahr, lasse die Geflüchteten nicht zur Ruhe kommen.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2008 leiden 40 Prozent der Asylbewerber unter einer posttraumtischen Belastungsstörung. Doch Hilfe ist rar. „Traumatisierte Flüchtlinge und Asylbewerber werden in Deutschland nicht ausreichend psychiatrisch und psychotherapeutisch versorgt“, sagt Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie. Die wenigsten Geflüchteten finden eine Therapie bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten. Kulturelle und sprachliche Barrieren erschweren die Therapie zusätzlich. Auch mangelt es an Dolmetschern. Die Lücke füllen ambulante Angebote wie die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) im St. Hedwig-Krankenhaus oder das Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo). Doch mit der aktuellen Entwicklung der Flüchtlingszahlen sind sie heillos überfordert.

Das Asylbewerberleistungsgesetz gewährt bisher nur einen Therapieanspruch bei „akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen“. Jede weitere ärztliche Behandlung muss vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) bewilligt werden – und das kostet Zeit. „Die genehmigungspflichtige Psychotherapie und die fehlende Erstattung von Dolmetscherkosten sind große Hürden, um einen adäquaten Zugang zum Hilfesystem zu ermöglichen“, sagt Schouler-Ocak. Syrische Flüchtlinge sollen schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden, lautet eine häufige politische Forderung. Das würde der Wirtschaft nützen – und den Geflüchteten helfen, Traumata zu überwinden. Dazu brauchen sie aber oft neben Sprachkursen auch eine Psychotherapie.

Aram Saman muss noch vieles verarbeiten, aber er ist froh, endlich angekommen zu sein: „Ich bin der deutschen Bevölkerung für ihre Hilfsbereitschaft sehr dankbar.“ Für seine Kinder hofft er auf eine Zukunft in Deutschland. Er selbst kann sich nicht vorstellen, für immer zu bleiben. „Ich fühle mich hier wie entwurzelt. Ich hoffe, dass ich irgendwann nach Syrien zurückkehre.“ (*Name geändert)

Informationen zum Thema psychische Erkrankungen gibt es in der aktuellen Ausgabe von Tagesspiegel „Gesund“. Das Heft ist für 6,50 Euro erhältlich unter Tel. (030) 29021 - 520 und im Zeitschriftenhandel.

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