Gesundheit : „Ständige Frustrationen vermeiden“

Gute Lehrer schaffen einen Lernraum, in dem man Fehler machen kann, sagt Psychologin Birgit Spinath

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Frau Spinath, in Wuppertal wollen in dieser Woche 400 deutsche Erziehungswissenschaftler und Psychologen über „Lehrerexpertise und Schulqualität“ diskutieren. Sie sind als Pädagogische Psychologin eine der Teilnehmerinnen. Was macht einen guten Lehrer aus?

Es gibt dafür nicht die eine richtige Strategie. Der eine Lehrertypus hat eine aufgabenbetonte, strenge und faire Art, mit Schülern umzugehen. Schüler erleben es als sehr hilfreich, wenn jemand für sein Fach engagiert ist, viel weiß und hohe Anforderungen stellt. Der andre Typus hält eine persönliche Beziehung zu den Schülern für wichtig, kann die Schüler überzeugen und sie mitnehmen auf einem Weg, den er vielleicht selber geht.

Kann man das alles an der Uni lernen?

Die Universität hat die Aufgabe, wissenschaftliche Ansätze zu vermitteln. Wir können die zukünftigen Lehrer in die Lage versetzen, zu beurteilen, ob eine neue Methode etwas taugt oder nicht. Wichtig ist, dass wir jetzt auch die großen Schulleistungsuntersuchungen wie Pisa zur Kenntnis nehmen, die den Lehrern immer von Eltern vorgehalten werden: Da müssen sie genau wissen, an welcher Stelle sagt diese Studie mir wirklich, was ich besser machen kann – und an welcher Stelle nicht.

Das Lehramtsstudium zielt noch immer auf pflegeleichte Mittelschichtkinder. Auf die heterogenen Klassen werden sie an der Universität nicht vorbereitet. Wirken die nach dem Pisa-Schock angekündigten Reformen der Lehrerbildung?

Das Thema Heterogenität ist in der universitären Lehrerbildung angekommen. Der wissenschaftliche Kenntnisstand läuft aber hinter der realen Situation her. So gibt es jetzt bundesweit vorschulische Sprachstandstests. Die Politiker sind überzeugt, dass wir die brauchen, aber wir haben nicht die Zeit, wirklich gute Tests zu entwickeln. Dass die Leistungen in Deutschland so stark auseinanderklaffen wie in keinem anderen Land, ist ein großes Problem. Wir versuchen unseren Studenten zu zeigen, welche Maßnahmen die Leistungen in einer Klasse eher zusammenführen, wie beispielsweise adaptiver Unterricht: Lehrer müssen sowohl den leistungsstarken Schülern Aufgaben stellen, die sie herausfordern, als auch den leistungsschwachen Aufgaben stellen, die sie bewältigen können.

Sind die Studenten nach einem solchen Seminar in der Lage, das auch anzuwenden?

In der Realität der Lehrerbildung können wir viel weniger machen, als wir wollen. Bei mir besuchen die künftigen Gymnasiallehrer nur eine Vorlesung zur Einführung in die Pädagogische Psychologie. Da mache ich einen Rundumschlag, bei dem der adaptive Unterricht nur ein Element ist. Eine anschließende Übung, in der ich das mit 15 bis 20 Studierenden trainieren könnte, ist im Lehrplan nicht vorgesehen.

Die Erziehungswissenschaft – und auch die Pädagogische Psychologie, die Sie vertreten – gelten als hoffnungslos theorielastig.

Ich kenne diese Wahrnehmung von Studierenden, dass an der Uni alles so theorielastig sei und sie gar nichts damit anfangen könnten. Sie erwarten von der Ausbildung, dass sie als erstes Handwerkszeug in die Hand bekommen. Aber wenn sie dann nach einem Praxissemester an der Schule erste Erfahrungen gesammelt haben, kommen sie mit sehr konkreten Fragestellungen zurück. Jetzt verstehen sie, warum wir über den adaptiven Unterricht gesprochen haben und sehen, wie schwierig es ist, das auch hinzukriegen.

Ein guter Lehrer ist auch ein gerechter Lehrer, der die Leistungen seiner Schüler genau einschätzen kann. Wie ist es damit bestellt?

Noten sind viel besser als ihr Ruf, innerhalb einer Klasse liegen die Lehrer meistens richtig. Noten bieten die besten Vorhersagewerte für den künftigen Studien- und Berufserfolg. Problematisch ist, dass sich Lehrer an dem orientieren, was sie in ihrer Klasse vorfinden. Über verschiedene Klassen, Schulen oder gar Bundesländer hinweg sind Noten kaum vergleichbar. Rückmeldungen, auf welchem Niveau sie mit ihrer Klasse sind, bekommen Lehrer schon jetzt über Vergleichsarbeiten oder das Zentralabitur.

Wenn Lehrer die falschen Schulempfehlungen geben, ist das folgenreich. Bekanntlich haben Kinder aus den unteren sozialen Schichten bei gleicher geistiger Leistung eine viermal geringere Chance, aufs Gymnasium zu kommen, als Kinder aus privilegierten Elternhäusern. Wie kann man diese Ungerechtigkeit ausgleichen?

Ob die Prognose tatsächlich falsch ist, wissen wir noch nicht. Es kann sein, dass ein Lehrer sieht, dass ein Kind aus schwierigen Verhältnissen nicht die gleichen Chancen hat, auf dem Gymnasium erfolgreich zu sein. Sie berücksichtigen die Frage, ob die Eltern es unterstützen werden, ob sie hohe Erwartungen an das Kind haben und ob sie sich Nachhilfeunterricht leisten können. Dennoch sind solche Ergebnisse natürlich bedenklich, und wir müssen genau untersuchen, ob und gegebenenfalls warum sie in ihrer Prognose Urteilsfehlern unterliegen.

Was halten Sie von Sanktionen, wie sie der Aktionsrat Bildung vorgeschlagen hat: Gute Lehrer werden mit Gehaltszulagen belohnt, schlechte müssen Abschläge hinnehmen, ihre Defizite gezielt in Fortbildungen beheben – oder sie werden entlassen? Sie sollen auch nicht mehr verbeamtet werden.

Grundsätzlich bin ich dafür, die Arbeit von Lehrern zu evaluieren. Wir müssen genau gucken, wie wir die Qualität der Arbeit von Lehrern messbar machen können. Und wir müssen den Lehrern Rückmeldungen geben, wo sie stehen. Schwierig sind allerdings Sanktionen. Lehrern, die Schwächen haben, muss man durch Fortbildungen helfen. Strafe ist kein guter Lehrmeister, aber Belohnungen können motivieren, noch besser zu werden.

Guter, motivierender Unterricht scheint gerade in Kernfächern wie Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen Mangelware zu sein. Im Normalfall verliert ein Teil der Klasse schnell den Anschluss. Die Schülerschaft scheint in mathematisch oder sprachlich Begabte beziehungsweise Versager getrennt zu sein. Wie können Lehrer dieses Schema durchbrechen?

Begabungen, die Schüler mitbringen, sind eine ganz wichtige Erklärungsgröße für Schulleistungen und für das Interesse, das sie einem Fach entgegenbringen. Das hängt nicht in erster Linie vom Unterricht und vom Lehrer ab. Dennoch ist es natürlich ganz wichtig, dass Lehrer die Begabungen in angemessener Weise fördern und andererseits ständige Frustrationen vermeiden. Schüler sollte man nicht immer nur im Vergleich zueinander beurteilen, sondern ihnen die eigenen Lernforschritte erfahrbar machen. Sehr wichtig ist auch das Trennen von Lern- und Bewertungsphasen: Es gilt, in der meisten Zeit im Unterricht einen Lernraum zu schaffen, in dem es in Ordnung ist, Fehler zu machen. Und in einer klar abgegrenzten Phase wird dann wirklich geprüft, was beim Lernen herumgekommen ist.

Gibt es Schulen, an denen die Lehrer so gut sein können wie sie wollen – und trotzdem keine Chance haben, guten Unterricht zu machen? Über die Abschaffung von Hauptschulen wird jetzt verstärkt diskutiert.

Es gibt ja durchaus Hauptschulen, die ganz prima funktionieren. Die Rahmenbedingungen, in die die Lehrer hineinkommen, haben überraschenderweise keine große Auswirkung darauf, wie sich die Schüler entwickeln. Wichtiger ist das, was die Lehrer wirklich tun: Ob sie adaptiven Unterricht verwirklichen, ob sie sensibel dafür sind, welche Voraussetzungen die Schüler mitbringen. Lehrer dürfen nicht in eine Klasse kommen und sagen: Hier kann ich nichts mehr ausrichten.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

Birgit Spinath (37)

ist Professorin für Pädagogische Psychologie an der Uni Heidelberg. Zuletzt hat sie über die „diagnostische Kompetenz von Lehrkräften“ geforscht.