Gesundheit : Unbekanntes Europa

Studie: Deutsche Schüler lernen wenig über die EU

Uwe Schlicht

In wenigen Tagen feiert die Europäische Union mit großem Aufwand ihren 50. Geburtstag – doch in deutschen Schulen scheint die EU noch immer ein Thema zu sein, das auf wenig Gegenliebe bei Lehrern und Schülern stößt. Bei der Vermittlung von Wissen und Einstellungen bestehen große Defizite, lautet das Ergebnis einer neuen Studie, für die die Europäische Akademie in Berlin die Rahmenlehrpläne für die Schulen in allen 16 Bundesländern analysiert. Gerhard Sabathil, der Leiter der Vertretung der EU-Kommission in Deutschland, fasst das Ergebnis der Untersuchung so zusammen: „Wie kann es sein, dass insbesondere junge Menschen auch nach 50 Jahren wenig über Europa wissen? Die Studie zeigt, dass Europa noch immer nicht ausreichend in den deutschen Klassenzimmern angekommen ist.“

Das Dilemma beginnt mit einer völlig veralteten Empfehlung der Kultusministerkonferenz, wie „Europa im Unterricht“ vermittelt werden soll. Sie stammt aus dem Jahr 1978 und wurde zuletzt 1990 aktualisiert. Damals gab es noch keinen europäischen Binnenmarkt. Erst 1993 trat der Vertrag über die Europäische Union in Kraft. Im Jahr 2002 wurde der Euro eingeführt, seit 2004 wird über eine Verfassung für Europa diskutiert.

Die vorliegenden Lehrpläne für den Europa-Unterricht in den Schulen sind um zehn Jahre veraltet, folgert denn auch die Untersuchung der Europäischen Akademie. Das Forscherteam hat mit vielen Pädagogen vor Ort gesprochen. Zwar stehe nur eine Minderheit der Lehrer – etwa zwanzig Prozent – Europa ablehnend gegenüber, lautet ihr Fazit. Aber auch die Zahl der Europa-Aktivisten sei klein. Die größte Gruppe unter den Lehrern dürfte vielmehr die der Gleichgültigen sein. Sie müssten für das Thema Europa durch gezielte Fortbildung so gewonnen werden, dass ihnen der Unterricht Spaß mache. Für sie seien gezielte Unterrichtshilfen durch neue Materialien nützlich.

Die Autoren der Analyse kommen zu dem Schluss: Es mache wenig Sinn, sich nun erneut die Rahmenlehrpläne vorzunehmen, weil diese Arbeit viele Jahre beansprucht. Besser sei es, die Lehrkräfte beim Europa-Unterricht direkt zu unterstützen. Der Leiter der Europäischen Akademie, Eckart Stratenschulte, sagt, die Materialien für den Europa-Unterricht müssten in jedem Jahr aktualisiert werden und in thematische Abschnitte, sogenannte Module, eingeteilt sein. Diese Module sollen visuelle Unterstützung durch Folien und klare Arbeitsaufträge für die Schüler bieten. Auf keinen Fall sollten die Unterrichtsmaterialien dem Muster von Werbeagenturen folgen und schönfärberische Texte enthalten nach dem Motto, alles werde täglich besser. Solche schönfärberischen Texte „diskreditieren das Thema bei Schülern und Lehrern gleichermaßen“. Auch das Internet biete keinen Ersatz für diese Unterrichtsmaterialien. Allein die Eingabe „Europäische Union“ bei Google führe zu über zwei Millionen Nachweisen. Selbst der Server der Europäischen Union sei nicht nur unübersichtlich, sondern auch veraltet.

Die Kultusministerkonferenz hatte empfohlen, dass der gesamte Unterricht europäische Bezüge aufweisen solle – also auch Deutsch und die Fremdsprachen. Besonders kämen jedoch für den Europabezug Fächer wie Geschichte, Politik, Geografie oder Sozialkunde infrage. Was zeige sich jedoch in der Realität? Im Deutschunterricht dominiere nach wie vor eine nationale Betrachtung der Literatur und es fehle ein länderübergreifender Vergleich. Auch im Englischunterricht nutzten viele Länder nicht die Chance für einen europäischen Bezug.

Im Politikunterricht der gymnasialen Oberstufe hat das Team der Europäischen Akademie Europa-Noten verteilt. Nur ein Land erhält die Europa-Note „eins“: Über Rheinland-Pfalz heißt es, dass die Schüler des Gemeinschaftskundeunterrichts in der Oberstufe „einen profunden Überblick über die europäische Einbettung der Bundesrepublik Deutschland und über die Europäische Union bekommen“. Vier Länder bekommen die Europanote „zwei“: Das sind Baden-Württemberg, Berlin, das Saarland und Thüringen. Die Europa-Note „drei“ erhalten acht Länder. Die Europa-Note „vier“ wird Bayern und Niedersachsen zuerkannt. Über Bayern heißt es, dort werde die EU „in einem Potpourri dargestellt“, das die tatsächlichen Zusammenhänge verwirre. Über Niedersachsen lautet das Urteil, die Schüler erhielten keine Chance, die Europäische Union im Zusammenhang zu begreifen. Mecklenburg-Vorpommern hat als einziges Land die Europa-Note „fünf“ erhalten mit der Aussage, der dortige Rahmenplan erfülle die Vorgaben der Kultusministerkonferenz „in keiner Weise“.

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