Gesundheit : Unbequeme Wahrheit

Die Kritik von Klimaskeptikern an Al Gores Film ist unberechtigt

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Von Stefan Rahmstorf

Vergangene Woche erschienen in der „New York Times“ und in Folge auch im Tagesspiegel Artikel, wonach seriöse Klimatologen den Oscar-gekrönten Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ von Al Gore zum Klimawandel kritisiert haben sollen. „Nicht nur grundsätzliche Skeptiker“ des Klimawandels hätten Gore wegen angeblicher Fehler kritisiert.

Doch stimmt das auch? Nein! Die zitierten Kritiker sind gerade wieder die einschlägig bekannten und in den Medien rührigen „grundsätzlichen Skeptiker“ wie der Australier Bob Carter.

Doch schauen wir ohne Ansehen der Person die Kritik an Gores Film an. Es heißt, dieser habe vor stärkeren tropischen Wirbelstürmen gewarnt, doch 2006 seien sie ausgeblieben. Aber ein einzelnes Jahr sagt niemals etwas über den Langzeittrend aus. Alle Klimakurven sind nicht glatt, sondern voller Zacken. Es gibt deutliche Schwankungen von Jahr zu Jahr. Um festzustellen, ob es hinter diesen einen langfristigen Trend gibt, muss man viele Jahre messen.

Der neue UN-Klimabericht hat festgestellt, dass die Messdaten über die letzten Jahrzehnte eine Zunahme der Stärke tropischer Wirbelstürme zeigen. Gut belegt ist das im Atlantik, wo die Daten am zuverlässigsten sind. Und der Bericht hält eine weitere Zunahme aufgrund der Erderwärmung für wahrscheinlich. Hier hat Gore also korrekt den Stand der Wissenschaft wiedergegeben. Trotzdem wird es immer wieder einmal eine durchschnittliche Hurrikansaison (wie im Atlantik letzten Sommer) geben. Genauso wie es trotz Erwärmung bei uns nicht immer Rekordwinter geben wird, wie den letzten, sondern dazwischen auch mal einen kalten Winter, wie den vorletzten.

Gore wird vorgeworfen, er würde die Klimaveränderungen der Erdgeschichte ignorieren. Dies ist falsch: Gore zeigt die Eiskerndaten aus der Antarktis, die die Temperatur und den Kohlendioxidgehalt der Luft über Hunderttausende von Jahren wiedergeben. Hier macht Gore übrigens einen echten Fehler, den auch seriöse Klimatologen bemängeln: er spricht von der globalen Temperatur, obwohl diese Daten die Temperatur in der Antarktis wiedergeben. Nur die Daten für Kohlendioxid gelten global, denn das wird in der Atmosphäre durchmischt.

Zudem erweckt Gore den Eindruck, der enge Zusammenhang von CO2-Gehalt und Temperatur könne auch künftig so weitergehen wie in den Eiskerndaten. Zum Glück ist dies aus mehreren Gründen nicht der Fall, sonst wäre das Problem der Erderwärmung noch ein mehrfaches schlimmer, als es ohnehin schon ist und als Gore es auch schildert. Hier handelt es sich aber sicher nicht um eine absichtliche Übertreibung Gores, sondern um einen Irrtum, den man leicht korrigieren könnte, ohne an der Grundaussage des Filmes irgendetwas zu ändern. Es bleibt die Tatsache, dass der Mensch den CO2-Gehalt der Erde bereits so stark erhöht hat, dass er ein Drittel über dem liegt, was jemals in den letzten 650 000 Jahren erreicht wurde (soweit reichen die Daten aus der Antarktis zurück).

Weiter wurde vom Klimaskeptiker Bob Carter behauptet, in den letzten 15 000 Jahren habe es Klimaumschwünge gegeben, die bis zu 20-mal größer als die Erwärmung im letzten Jahrhundert waren. Dies ist einfach falsch. Die bei weitem größte Veränderung der globalen Mitteltemperatur war die Erwärmung am Ende der letzten Eiszeit, die etwa 5000 Jahre in Anspruch nahm (von 15 000 bis 10 000 Jahren vor heute) und vier bis sieben Grad Celsius betrug. Was daran 20-mal größer als die Erwärmung um 0,7 Grad im 20. Jahrhundert gewesen sein soll, bleibt rätselhaft.

Dass es überhaupt jemals in den letzten 15 000 Jahren global wärmer war als derzeit ist übrigens nicht belegt. Ohne Klimaschutz rechnet der UN-Bericht bis zum Jahr 2100 mit einer globalen Erwärmung von bis zu sieben Grad über dem vorindustriellen Temperaturniveau. Das wären dann Bedingungen, wie es sie seit der Evolution des Menschen mit Sicherheit niemals gegeben hat.

Gore zeige Szenarien mit einem Meeresspiegelanstieg um sechs Meter, während der UN-Bericht nur von einem halben Meter ausgehe, so ein weiterer Vorwurf. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Das Szenario von Gore bezieht sich auf ein Abschmelzen von Eisschilden, das sich über viele Jahrhunderte erstrecken würde, während der halbe Meter der UN für das Jahr 2100 gilt. Auch der UN-Bericht sagt, dass über Jahrhunderte ein Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter zu befürchten ist.

Insgesamt gibt es also kein Argument gegen den Film, das genauer Betrachtung standhält. Es sind lediglich die üblichen Scheinargumente jener, die das Klimaproblem ignorieren wollen.

Stefan Rahmstorf ist Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. 2006 erschien „Der Klimawandel“ (C. H. Beck, gemeinsam mit Hans-Joachim Schellnhuber).