• 25 Jahre Mauerfall im historischen Live-Blog: 17. November 1989: Millionenansturm zum Wochenende erwartet

18. Oktober: Egon Krenz spricht von einer "Wende."

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25 Jahre Mauerfall im historischen Live-Blog : 17. November 1989: Millionenansturm zum Wochenende erwartet
Thomas Heil

24:00 Uhr: telegraph kritisiert Führungswechsel

In der eilig produzierten vierten Ausgabe ihres Flugblattes telegraph üben die Bürgerrechtler der Ost-Berliner Umweltbibliothek scharfe Kritik am Führungswechsel der SED. Zwar sei Honecker zurückgetreten, doch habe die Umbesetzung keinen Mann an die Spitze gebracht, der eventuell der Bevölkerung eine gewisse Hoffnung auf Reformen gegeben hätte.

Statt Hans Modrow, der von verschiedenen Seiten als solcher gehandelten wird, hat das ZK einen Politiker an die Spitze gesetzt, dessen Beliebtheit wahrscheinlich noch unter dem des bisherigen Generalsekretärs liege. Krenz sei als Hardliner bekannt und solle nun die gesamte Machtfülle seines Vorgängers erben.

 21:30 Uhr: Bundesbürger glauben nicht an Verbesserungen für die Landsleute im Osten

Einer Blitzumfrage des ZDF-Politbarometers geht nur ein Drittel der Befragten davon aus, dass sich durch die Ablösung Erich Honeckers die Situation der Menschen in der DDR entscheidend verbessern wird. Mehr als die Hälfte der Bürger (55 Prozent) bleibt skeptisch und glaubt, die Situation werde im Großen und Ganzen unverändert bleiben.

20:00 Uhr: Krenz spricht von einer „Wende“

Im Anschluss an die Aktuelle Kamera wendet sich Egon Krenz an das gespannte Fernsehpublikum. Der neue Generalsekretär gibt den verständnisvollen Reformer. Er räumt ein, die Partei habe „in den vergangenen Monaten die gesellschaftlichen Entwicklungen in unserem Lande in ihrem Wesen nicht real genug eingeschätzt und nicht rechtzeitig die richtigen Schlussfolgerungen gezogen.“ 

Die Ausreise von hunderttausend meist jungen DDR-Bürgern empfinde die SED als schmerzhaften „Aderlass.“ Man könne „die Tränen vieler Mütter und Väter nachempfinden.“ Krenz spricht von einem „ernstgemeinten politischen Dialog“ und von seiner „festen Überzeugung“, dass „alle Probleme in unserer Gesellschaft politisch lösbar sind.“ 

Mit dieser Vorgabe schränkt Krenz die Tätigkeit des Sicherheitsapparates ein und hemmt die Anwendung offener Repressionen. Alle Maßnahmen dürfen freilich nicht „den Sozialismus auf deutschem Boden“ zur Disposition stellen. Immerhin enthält die wenig charismatische Ansprache den nachhaltigsten Beitrag, den Krenz zur Entwicklung im Herbst 1989 beisteuert. Er prägt den Begriff von der „Wende“, der noch lange für die Ereignisse jener Wochen am geläufigsten ist.

Der Kronprinz hat es geschafft. Nachdem Erich Honecker am 17. Oktober vom Politbüro gestürzt wurde, wird Egon Krenz am Tag darauf vom ZK der SED zum neuen Generalsekretär gewählt. Mit 52 Jahren ist der bisherige ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen das jüngste Mitglied des Politbüros. Als früherer FDJ-Chef ist Krenz gerade im SED-Kadernachwuchs bestens vernetzt. Allzu große Hoffnungen auf Reformen kann sein Aufstieg an die Spitze des Staates bei den DDR-Bürgern aber nicht wecken. Vielen gilt er als Hardliner und Karrierist.
Der Kronprinz hat es geschafft. Nachdem Erich Honecker am 17. Oktober vom Politbüro gestürzt wurde, wird Egon Krenz am Tag darauf...Foto: dpa

19:30 Uhr: Aktuelle Kamera in neuer Aufmachung

Kurz und schnörkellos wird die Absetzung Honeckers bekannt gemacht. Ein persönlich gehaltenes Interview mit dem neuen Ersten Mann im Staat dauert keine zwei Minuten. Auf die Aufzählung der umständlich langen Titel vor dem Namen wird in Zukunft verzichtet. Vom bisherigen Langweiler entwickelt sich das Hauptnachrichtenmagazin des DDR-Fernsehens in den kommenden Wochen zur meistgesehenen Sendung. 

19:00 Uhr: Gorbatschow gratuliert Krenz

Als erster ausländischer Regierungschef übermittelt der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow seine Glückwünsche. Er gehe davon aus, dass Krenz "den Erfordernissen der Zeit Rechnung tragen" und "der DDR entsprechende Lösungen" finden werde. Gorbatschow wünscht Krenz "aufrichtig Erfolg." Skeptisch zeigt sich dagegen US-Präsident George Bush. "Weil Herr Krenz sehr stark mit der Politik Honeckers übereinstimmte," glaube er nicht, dass die neue DDR-Führung entscheidende Änderungen herbeiführen werde.

Bush erklärt aber die Bereitschaft der USA, "engere und konstruktivere Beziehungen zu entwickeln." Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand sieht in Honeckers angeschlagener Gesundheit nicht den einzigen Grund für den Rücktritt. Vielmehr sei er Element einer dynamischen Entwicklung in Osteuropa, die zeige, dass ein Wandel notwendig sei.

17:Uhr: ÖTV fordert Beschäftigung von mehr Türken in Kreuzberg

Das Kreuzberger Bezirksamt sollte nach Ansicht der Gewerkschaft ÖTV mehr türkisch Angestellte in der Familienfürsorge, dem Ge sundheitsamt und als Sozialarbeiter beschäftigen. Nur so sei eine bessere Betreuung der vielen Ausländer im Bezirk möglich, heißt es in einer Pressekonferenz. Außerdem fordert die ÖTV für die Ausländer nicht nur das kommunale, sondern auch das Wahlrecht zum Abgeordnetenhaus.

16:30 Uhr: Honecker Rücktritt wird bekannt

Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. Auch wenn schon seit längerem erwartet, ist der Honeckersturz die sensationelle Meldung des Tages. Mit verhaltenem Interesse wird auch die Ernennung von Egon Krenz zum Generalsekretär zur Kenntnis genommen. In der Bevölkerung der DDR gilt Krenz schon seit langem als aussichtsreichster Kronprinz. Große Hoffnungen werden deshalb mit seinem Namen nicht verbunden. Flüchtlinge in einer Notunterkunft in Berlin Charlottenburg halten die Wahl von Krenz gar für das "Schlimmste, das passieren konnte."

Im Westfernsehen äußern sich Bärbel Bohley vom Neuen Forum und Rainer Eppelmann vom Demokratischen Aufbruch eher skeptisch. Bohley klagt im Telefoninterview mit dem Tagesspiegel, Krenz sei bislang nicht als Vertreter einer Reformpolitik in Erscheinung getreten. Vielmehr sei er für die Wahlfälschungen und die Sicherheitskräfte in der DDR verantwortlich. Dass Krenz alle drei Ämter Honeckers übernehme, zeige zudem, dass die SED nicht an die Teilung der Macht denke.

Ulrike Poppe von Demokratie Jetzt! empfindet die Rochade im Politbüro als absurdes Schauspiel. Keiner der Bürgerrechtler setzt ernsthaft auf Krenz' angedeutete Reformbereitschaft. In einer

ersten Stellungnahme erklärt Bundeskanzler Helmut Kohl, er erwarte von Krenz jetzt längst fällige Reformen.

16:00 Uhr: Krenz hält Antrittsrede

Der neue Generalsekretär fordert in seiner Antrittsrede, „die politische und ideologische Offensive wiederzuerlangen.“ Man werde an der Macht festhalten und „sie von den Kräften der Vergangenheit nicht antasten lassen.“ Für den Wunsch der Bevölkerung nach Dialog gebe es „genügend demokratische Foren.“ Die BRD fordert Krenz auf, sich nicht länger einzumischen.

Krenz verspricht die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfs über Reisen von DDR-Bürgern ins Ausland vorzubereiten, der zügig der Volkskammer zur Beratung und zum Beschluss vorgelegt werden soll. Die zeitweiligen Einschränkungen des Reiseverkehrs ins sozialistische Ausland könnten in diesem Zusammenhang aufgehoben oder modifiziert werden. Voraussetzung für die Gewährung von Reisen in den Westen bleibe aber die Anerkennung der Staatsbürgerschaft der DDR und der Verzicht auf die Obhutspflicht für alle Deutschen durch die Bonner Regierung.

15:30 Uhr: Auch Honecker-Vertraute müssen gehen

Als nächstes müssen auch die engsten Honecker-Vertrauten Günther Mittag, zuständiger ZK-Sekretär für Wirtschaft, und Joachim Herrmann, Chefagitator der SED, das Politbüro verlassen. Wie Stoph auf Nachfrage erklärt, sind sie „ihren Anforderungen nicht gerecht“ geworden. 

15:20 Uhr: Krenz wird neuer Generalsekretär

Egon Krenz wird einstimmig und ohne Diskussion zum neuen Generalsekretär gewählt.

15:00 Uhr: Honecker packt seine Sachen

In seinem Büro packt der ehemalige Generalsekretär noch restliche Unterlagen und verlässt dann den Ort seiner größten Demütigung.

14:45 Uhr: Honecker wird aus dem Saal komplimentiert

Im Namen Honeckers bittet Stoph um Verständnis, dass der Ex-Staats- und Parteichef aufgrund seines „angegriffenen Gesundheitszustandes“ der Sitzung nicht länger beiwohnen könne. Nachdem Stoph noch einige dürre Worte zu Honeckers politischem Lebenswerk gefunden hat, verlässt dieser, den Tränen nahe, unter stürmischem und lang anhaltendem Applaus den Saal. Den vor dem Sitzungssaal wartenden ostdeutschen Journalisten sagt Honecker nach einem kurzen Moment des Schweigens: „Na dann, Auf Wiedersehen!“

14:30 Uhr: Abstimmung im ZK

Nach kurzem, schnell verebbendem Beifall für die Erklärung Honeckers wird sie durch Versammlungsleiter Willy Stoph ohne Diskussion zur Abstimmung gestellt. Der Vorlage wird fast einhellig entsprochen. Lediglich Hanna Wolf, die ehemalige Direktorin der Parteihochschule Karl Marx stimmt gegen Honeckers „Entbindung.“

Tagesspiegel vom 19. Oktober 1989, Seite 7.
Tagesspiegel vom 19. Oktober 1989, Seite 7.Foto: Tsp

Hören Sie hier eine Originalaufnahme der Rücktrittserklärung von Erich Honecker im ZK der SED am 18. Oktober 1989.

14:05 Uhr: Honecker tritt zurück

Mit brüchiger Stimme verkündet Honecker: „Nach reiflichem Überlegen und im Ergebnis der gestrigen Beratungen im Politbüro“ sei er „zu folgendem Entschluss gekommen: Infolge meiner Erkrankung und nach überstandener Operation erlaubt mir mein Gesundheitszustand nicht mehr den Einsatz an Kraft und Energie, den die Geschicke der Partei und des Volkes heute und künftig verlangen.“

 

Er bitte deshalb die Anwesenden, ihn „von den Funktionen des Generalsekretärs des ZK der SED“ zu entbinden. Auch von seinen Ämtern als Staatsratsvorsitzender und als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates tritt der bis gestern mächtigste Mann der DDR zurück. Bisher hält sich Honecker wörtlich an einen von Schabowski entworfenen Text. Dann weicht er davon ab. Statt allgemein einen Genossen vorzuschlagen, der fähig und entschlossen sei, seine Nachfolge anzutreten und die konkrete Entscheidung dem Politbüro zu überlassen, bringt Honecker den Namen Egon Krenz ins Spiel.

14:00 Uhr: Willy Stoph eröffnet das Plenum

Willy Stoph eröffnet das Plenum und kündigt eine „Personalentscheidung“ des Generalsekretärs an.

13:55 Uhr: Honecker betritt den Raum

Der Staatsratsvorsitzende der Deutschen Demokratischen Republik und Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Erich Honecker, betritt den Plenarsaal des ZK. 206 Mitglieder und Kandidaten der SED-Spitze sind anwesend. Margot Honecker, ZK-Mitglied und Bildungsministerin ist lieber zu Hause geblieben. Die 1. Sekretäre der SED-Bezirksleitungen und ZK-Sekretäre sind angewiesen, keine Diskussionen zu führen.

Tagesspiegel vom 19. Oktober 1989, Seite 6.
Tagesspiegel vom 19. Oktober 1989, Seite 6.Foto: Tsp

13:45 Uhr: Das Zentralkomitee kommt zusammen

Das Haus am Werderschen Markt in Berlin-Mitte - seit 1999 beherbergt es das Bundesaußenministerium - gehört zu den größten Gebäuden der Stadt. Als Erweiterungsbau der Reichsbank wurde es von 1934 bis 1939 errichtet. Seit 1959 dient es als Sitz des Zentralkomitees der SED. Aufgrund der herausragenden politischen Bedeutung des ZK stellt das Gebäude das eigentliche politische Machtzentrum der DDR dar. Am frühen Nachmittag treffen sich hier die seit der Politbürositzung am Dienstag (17.10.) eilig einberufenen Mitglieder und Kandidaten des SED-Führungsgremiums.

13:30 Uhr: Neubau des Bundestages teurer als geplant

Seit 1986 tagt der Bundestag im benachbarten Gebäude des ehemaligen Bonner Wasserwerkes. Am Gebäudekomplex des Bundeshauses wird seither der alte Plenarsaal, das baufällig gewordene ehemalige Turnhallengebäude, abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, in den das Parlament 1992 einziehen soll. Nach neuen Berechnungen werden die Kosten für den Neubau 256 Millionen DM statt 90 Millionen DM betragen.

Auch beim Tagesspiegel beherrscht der Honecker-Rücktritt die Schlagzeilen. Tagesspiegel vom 19. Oktober 1989, Seite 1.
Auch beim Tagesspiegel beherrscht der Honecker-Rücktritt die Schlagzeilen. Tagesspiegel vom 19. Oktober 1989, Seite 1.Foto: Tsp

13:00 Uhr: Krenz und Honecker treffen sich

Egon Krenz, der ohnehin als wahrscheinlichster Nachfolger gilt, bittet Erich Honecker unter vier Augen, in das Rücktrittsgesuch einen Nachfolgevorschlag mit seinem Namen zu verbinden. Krenz wäre dadurch ein hundertprozentiges Wahlergebnis im ZK sicher. Allerdings muss er sich nun auch den Vorwurf gefallen lassen, von seinem Vorgänger inthronisiert worden zu sein.

12:00 Uhr: In West-Berlin besetzen Studenten CDU-Geschäftsstelle

Etwa 15 Schüler des zweiten Bildungswegs versuchen die Landesgeschäftsstelle der CDU in der Lietzenburger Straße zu besetzen. Nach Angaben der CDU wollen die Besetzer den Landesgeschäftsführer Wienhold aus seinem Zimmer zerren und blockieren das Telefon. Den Mitarbeitern gelingt es, die Jugendlichen vor die Tür zu setzen. Nach Darstellung der Besetzer wird damit versucht, „unseren Protest gegen die Neuregelung des BAföG zum Ausdruck zu bringen".

10:00 Uhr: Manfred von Ardenne beklagt mangelnde Reformbereitschaft

Der bekannte Dresdner Wissenschaftler Manfred von Ardenne beklagt, dass „der Ernst der Situation bis zur Stunde in Berlin noch nicht erkannt ist.“ Über die „Einleitung wesentlicher Taten und Veränderungen“ durch die SED-Spitze sei nichts bekannt. In der LDPD-Zeitung der Morgen befürchten Komponisten und Musikwissenschaftler, die „furchtbaren Massenabwanderungen“ werden „katastrophale Folgen für die Wirtschaft und vor allem für die Moral dieser Gesellschaft“ haben.

02:04 Uhr: In Kalifornien bebt die Erde

In der Bucht von San Francisco ereignet sich ein Erbeben mit einer Stärke von 7,1 auf der Magnitudenskala. Es ist die stärkste Erschütterung in der Region seit dem Großen Beben von 1906. Das Epizentrum befindet sich in der Nähe des Berges Loma Prieta in den Santa Cruz Mountains. Das Beben richtet schwere Schäden in San Francisco und Oakland an. Sämtliche Kommunikationswege in der Bucht von San Francisco brechen zusammen. Insgesamt 62 Menschen ums Leben. Die Sachschäden belaufen sich auf etwa 6 Milliarden Dollar.

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30 Jahre Mauerfall

Der Mauerfall jährt sich zum 30. Mal. Wie haben die Berliner den Mauerfall erlebt? Und was ist am 9.11.1989 genau passiert? Der Tagesspiegel berichtet über das historische Ereignis.

Alle Informationen zum Mauerfall finden Sie in unserem Themenschwerpunkt "30 Jahre Revolution und Mauerfall".

Wie Berliner das Jahr 1989 erlebten, erfahren Sie auf der Themenseite "Mein Jahr 1989".

Im Februar 2018 stand die Mauer seit 10.316 Tagen nicht mehr - exakt so viele Tage, wie sie zuvor gestanden hat. Hintergründe dazu finden Sie auf der Themenseite "10.316 Tage".

Einen Vorher-Nachher-Vergleich verschiedener Mauer-Standorte finden Sie in diesem Artikel.

Hier können Sie außerdem einen Blick in die Bildergalerien "Mein Berlin heute", "So sah die Mauer vor dem Fall aus" und "Meter für Meter - die komplette East-Side-Gallery" werfen.