Duran Lantink : Kleider, Bingo!

Der niederländische Designer Duran Lantink findet, dass zu viele Kleidungsstücke existieren, um immer neue zu produzieren.

Ingolf Patz
Duran Lantink sampelt Kleidung neu.
Duran Lantink sampelt Kleidung neu.Foto: promo

Die Supermarktregale sind fast leer, nur noch ein paar Gläser mit Würstchen und wenige Packungen Waschmittel stehen herum. Ein irritierendes Bild, wie man es vielleicht aus sozialistischen Ländern oder aus Katastrophengebieten kennt. Aber hier, wo uns die Beständigkeit der Sortimente entspannt? „Dabei sollte uns die ständige Überproduktion doch wirklich beunruhigen, oder?“ Fragend blickt Designer Duran Lantink auf die Supermarkt-Installation, in der er seine Entwürfe für die legendäre Londoner Luxus-Boutique Browns präsentiert, die im November in Berlin in einem leeren Supermarkt in Friedrichshain gastierte.

Das Prinzip, das hinter den Entwürfen des Niederländers steht, soll so auch jenen klar werden, die vor den Problemen der Modeindustrie die Augen verschließen. Dabei lehnt sich Lantink lässig im löcherigen Hoodie an einen seiner Kleiderständer, die vor Materialfülle und Farben geradezu zu bersten scheinen. Nein, traurig oder bescheiden sind Duran Lantinks Entwürfe auf keinen Fall. Fülle und Begehrlichkeit sprechen aus ihnen. Rosafarbenes Lammfell hängt neben orangefarbener Seide und mintgrünem Vinyl, Perlenstickerei neben einem gigantischen Steppmantel.

Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass das alles keine einzelnen Stücke sind, sondern dass Lantink die unterschiedlichen Materialien zu neuen Kleidern wild kombiniert hat. Lantink dekonstruiert existierende Mode, er trennt sie auf, zerschneidet, zerfetzt sie und fügt sie zu etwas Neuem zusammen – mal wie ein Alchemist, mal wie Dr. Frankenstein. In den Tiefen der Kleiderfalten findet man die Ursprungs-Etiketten: Givenchy, Armani, Saint Laurent.

Burberry vernichtete Waren im Wert von 32,4 Millionen Euro

Sein Material bezieht Duran Lantink ausschließlich aus jenen Beständen, die die Textilindustrie nicht los wird und deshalb verramscht oder vernichtet. Von etwa einem Fünftel der weltweiten Kleiderproduktion kann man dabei ausgehen. 2018 gab es einen Aufschrei, als herauskam, dass das britische Luxushaus Burberry Waren im Wert von 32,4 Millionen Euro vernichtet hatte. Ziel war es, die Exklusivität der Marke zu schützen. „2020 einfach so weiterzumachen wäre so unethisch!“, schimpft Lantink.

Duran Lantinks Methode trifft den Zeitgeist des Jahres 2019, in dem Nachhaltigkeit das Modethema überhaupt war. Dabei hatte er nie vor, die Rolle des Ökoaktivisten zu übernehmen. „Schon als Teenager habe ich mich am Kleiderschrank meiner Eltern bedient und die Kleider meiner Mutter mit den Jeans meines Stiefvaters kombiniert. Es ist einfach meine natürliche Art kreativ zu sein. Mir tun Kleidungsstücke, die ihr Dasein in Lagern oder Schränken fristen leid.“

Duran Lantink.
Duran Lantink.Foto: promo

An der Amsterdamer Rietveld Academie stieß der heute 33-Jährige mit dieser Einstellung an die Grenzen des Ausbildungssystems. Hier sollte er Schnitte entwickeln und in neuen Materialien umsetzen. Erst nach dem Wechsel ans Sandberg Instituut im Master-Kurs für nachhaltiges Modedesign fühlte sich Lantink verstanden. Hier begann er sich mit der Überproduktion von Luxusmode auseinanderzusetzen und entwickelte zunächst eine Collage-Technik am Computer, die ihm die Zusammenführung von Bomberjacke und Abendkleid ohne technische Beschränkungen ermöglichte. Für seine Abschlussarbeit stellten ihm Läden erste reale Designerstücke zur Verfügung.

Einerseits liebt es Duran Lantink beim Auftrennen der Nähte die Sorgfalt und Liebe zu spüren, mit der die hochwertigen Teile gefertigt wurden, zum anderen wollte er sich kritisch damit auseinandersetzen, was eine Luxusmarke ausmacht und wie sie vermarktet wird. Dabei hat er besonders die wachsende Macht der Luxuskonzerne LVMH und Kering im Blick, die den Wettbewerb anheizen und den Konsum hochtreiben. „Mir macht es schon Spaß, Louis Vuitton (LVMH) mit Gucci (Kering) zu kombinieren“, lacht Lantink ansteckend. Und bisher war sein Label klein genug, dass es keinen Ärger gab.

Vagina-Hosen katapultierten ihn in die Schlagzeilen

Doch dann katapultierten die Vagina-Hosen für Janelle Monáes Musikvideo „PYNK“ Duran Lantink 2018 in die Schlagzeilen und 2019 auf die Shortlist für den prestigeträchtigen LVMH Prize für Mode. Für die Präsentation seiner Entwürfe dekorierte er Tragetaschen konkurrierender Marken, die er grob mit Klebeband in der Mitte zusammengefügt hatte. „Plötzlich stand der Chef von LVMH, Bernard Arnault, vor mir und zischte mich an, was das solle. Erst war ich sprachlos, dann stammelte ich ‘upcycling’. Das stellte ihn zufrieden.“

Dabei trifft der Begriff „upcycling“ Lantinks Arbeit nicht wirklich. Er erarbeitet konzeptionelle Kollektionen, deren Charakter ganz unterschiedlich sein kann, je nachdem, ob er für Browns’ Kunden ausschließlich Luxusmode verarbeitet oder für die Amsterdamer Modewoche aus dem Angebot eines Outlet-Centers eine Studie über Luxus- und Massenmode macht und darüber, wie die Sale-Mentalität die Mode insgesamt entwertet. „Wenn jemand von ’Durans kleinem Upcycling-Projekt’ spricht, antworte ich: Hallo? Ich arbeite mit Leuten, die jahrelang für Viktor & Rolf die Schnitte gemacht haben!“

Mode von Duran Lantink.
Mode von Duran Lantink.Foto: promo

Duran Lantink ist es wichtig, dass seine Entwürfe hochwertig verarbeitet werden, was bei gefütterten Ausgangsmaterialien oder der Kombination von leichten und schweren Stoffen eine Kunst ist. Lantink besteht darauf, dass die handwerkliche Umsetzung die Leichtigkeit seiner Collage-Technik nicht stört und nur sein Entwurf bestimmt, ob etwas roh oder elegant aussieht, wie eine krasse Bildstörung oder ein hochartifizielles Kunstwerk.

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Gerade hat Duran Lantink es in die britische Vogue geschafft und den Kleiderschrank von Pop- Sensation Billie Eilish umgepflügt. Doch wie jeder erfolgreiche Designer, der mit den Themen der Nachhaltigkeit arbeitet, wird Lantink an der Größe des Gesamtproblems gemessen. Doch da wird dem Sonnyboy nicht bange. Jetzt arbeitet er an einem KI-Projekt, dass seinen Entwürfe multiplizieren soll.