• Fashion Week Berlin - Anita Tillmann im Interview: "Wir funktionieren trotz der Berliner Politik"

Fashion Week Berlin - Anita Tillmann im Interview : "Wir funktionieren trotz der Berliner Politik"

"Konzentriert euch!" sagt Anita Tillmann, Chefin von Berlins größter Modemesse Premium. Mode müsse heute gezielt Geschichten erzählen und Gefühle wecken.

Keine Spaßbremse. Gesehen auf der jüngsten Seek.
Keine Spaßbremse. Gesehen auf der jüngsten Seek.promo.

Anita Tillmann, 47, gilt als eine der wichtigsten Protagonistinnen der Berliner Modeszene. Nicht nur, dass sie mit dafür sorgte, dass in Berlin Schauen gezeigt werden und das Fashion Council Germany mitgründete, sie ist auch die Chefin der inzwischen größten Berliner Modemesse Premium. 2018 verkaufte sie das Messeunternehmen an den britischen Eventausrichter Clarion, aber bei ihr laufen weiter die Fäden zusammen. Im Januar 2003 präsentierte sie, damals noch mit ihrem ersten Geschäftspartner Norbert Tillmann, rund 70 Aussteller im U-Bahntunnel unterm Potsdamer Platz. 2005 zog die Premium in den Güterbahnhof am Gleisdreieck. 2009 kam mit der Seek eine Messe für deutlich jüngere Kollektionen wie Sportswear und Sneaker dazu. Anita Tillmann kaufte außerdem die Berliner Messen Bright und Show&Order auf und integrierte sie in ihre Messen. Sie weiß: Mode bedeutet ständige Veränderung.

Anita Tillmann, das Motto dieser Fashion Week scheint für viele Konzentration aufs Wesentliche zu sein. Ist das auch für Sie wichtig?
Grundsätzlich gibt es viel zu viele Marken, das hat mit der Form von Kapitalismus zu tun, die wir heute haben. Wenn man sich anschaut, wie viele Marken es gab, als wir 2003 mit der Messe anfingen! Da konnte man sagen: für diese Jeans, für jenen Look gab es je drei. Das hat sich durch die Digitalisierung und Social Media komplett geändert. Es gibt zu viel von Gleichem, ohne dass die Käufer einen Bezug zu der Marke aufbauen können. Wir haben uns auch als Messe gefragt: Wer hat noch Marktanteil und ist überhaupt relevant? Das hat bei uns dazu geführt, dass wir das Portfolio neu zusammengestellt haben. Es geht nicht mehr darum, ob jemand einen grauen Kaschmirpullover oder eine ausgestellte Jeans macht.

Sondern?
Die Kriterien haben sich geändert. Wer sind die relevanten Marken, auch im Zusammenspiel mit dem Handel? Wer kann liefern, wer handelt partnerschaftlich? Böse gesagt: Welche Mode braucht man eigentlich in der Zukunft und welche gar nicht mehr? Wir haben sehr aufwendige Marktanalysen gemacht und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir dafür nur noch zwei Messen brauchen. Das eine ist die Premium, die wir neu definiert haben. Die zweite Messe ist die Seek, die war mal eine Nischenmesse und ist jetzt die größte für Sneaker, Sportswear und Streetculture. Da wird Business gemacht, aber der Spaßfaktor ist dort größer als bei der Premium, auch weil die Aussteller jünger sind.

Was ändert sich für die Aussteller?
Wir haben unsere Aussteller dazu aufgefordert: Bucht weniger Fläche, konzentriert euch auf eure Aussage. Der Besucher hat nicht mehr die Nerven und auch nicht die Kapazitäten, jedes Teil anzuschauen.

Messen haben heute andere Aufgaben?
Messen haben sich weltweit zu Plattformen für Kommunikation und Inhalt gewandelt. Während es früher nur um die Ware ging, werden heute Emotionen, Markengeschichten, Kontakte, Budgets gehandelt.

Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit aus, vermischt sich das immer mehr mit der konventionellen Mode?
Wir haben seit 2006 die Green Area auf der Premium. Das Angebot hat sich durch den Greta-Thunberg-Effekt noch mal verstärkt. Mehr als 80 Marken auf der Seek sind sowieso schon nachhaltig, bei der Premium sind es mindestens 40. Viele Designer und Marken entscheiden sich heute für die nachhaltige Variante. Da sind wir wieder beim Käufer: Wenn ich mir schon einen schlichten schwarzen Pullover anschaffe, soll er mir eine Emotion vermitteln, und vor allem soll er nachhaltig sein. Ich als Mutter gucke da noch mal anders drauf.

Sie haben zwei Töchter, wer lenkt denn da wen?
Die sind fast zwölf. Die machen das mit mir. Mein Mann fährt mittlerweile ein Elektroauto und ich habe mir ein Hybridmodell bestellt. Wir reden darüber, wir essen sehr gesund, machen viel Sport. Das Neueste ist: Jetzt wollen sie Veganerinnen werden.

Anita Tillmann.
Anita Tillmann.promo

Wie zufrieden sind Sie mit der Unterstützung der Modeszene durch die Berliner Politik?
Wir funktionieren trotz und nicht wegen der Politik. Das plant man mit ein, auch wenn es einen nicht glücklicher macht. Wir können das leider nicht ändern.

Vor der letzten Fashion Week in Berlin haben Sie gesagt, dass Modewochen tot sind.
Das finde ich auch nach wie vor. Auf einer klassischen Fashion Week hat ein Designer eine Geschichte auf dem Laufsteg erzählt. In der Haute Couture wird das ja wieder gemacht, da werden ganze Welten aufgebaut. Aber da sitzen nicht mehr die Journalisten in der ersten Reihe oder die Topeinkäufer, da sitzen die besten Kundinnen, die am meisten Geld für die Marke ausgeben. Die werden zusammengebracht mit Journalisten, die einem wohlgesonnen sind. Aber ein streng nach Saisons gegliederter Schauenplan an einem festen Ort ist nicht mehr so relevant.

Da ist viel in Bewegung.
Viele Schauen finden nicht mehr zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Standort statt. Chanel war zum Beispiel in Texas und zeigte eine Kollektion im Cowboystyle oder in Asien und zeigte Asienstyle. Ich gehe heute als Marke zu meinem Kunden, passe mich ihm an und erreiche ihn emotional in seiner Kultur und seinem Zuhause.

So funktionieren die meisten Modenschauen in Berlin aber nicht.
Gerade für Anfänger gilt: Die Fashion Show ist eine Möglichkeit unter vielen anderen, Mode zu zeigen. Viele Designer, die von der Modeschule kommen, denken, sie müssten selbstständig sein, ohne Erfahrung gesammelt zu haben. Das finde ich total falsch und würde jedem davon abraten. Viele junge Designer denken, eine Fashion Show ist das Highlight ihrer Karriere. Dabei ist es nur ein Kanal, um seine Mode zu präsentieren.

Aber das lernt man auf den Modeschulen.
Absolut. Dann sehen sie sich plötzlich als Promis und Instagram-Stars und wollen tolle Bilder, um möglichst viele Likes zu bekommen. Aber so funktioniert das Geschäft nun mal nicht. Und es wundert mich gar nicht, dass es immer weniger Labels gibt. Es wundert mich eher, dass es überhaupt noch welche gibt.

Seit fünf Jahren gibt es die Konferenz Fashion Tech. Wird Berlin gebraucht, um über Mode zu reden?
Der Gesprächsbedarf ist riesig groß, wir merken das bei der Konferenz. Erst haben alle nur zugehört, aber jetzt wollen alle mit den Experten sprechen, haben konkrete Fragen und wollen sich vernetzen, um die Zukunft proaktiv mitzugestalten. Wir liefern mit unseren Events das Netzwerk und die Plattform dafür.

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- Die Premium findet vom 14 . bis 16. Januar im Postbahnhof am Gleisdreieck statt und ist nur für Fachbesucher offen.