• Karl Lagerfeld und Karl-Heinz Müller: "Ich bin ein verdienstloser Tugendgreis"
Karl Lagerfeld und Karl-Heinz Müller : "Ich bin ein verdienstloser Tugendgreis"
Karl Lagerfeld bei einer Chanel-Show in Paris.
Karl Lagerfeld bei einer Chanel-Show in Paris.Foto: Jean-Pierre MULLER dpa

Was haben Sie gegen Berlin?

Lagerfeld: Ach, vor zehn Jahren war da mehr Hoffnung, aber dann haben die das da alles ein bisschen zu ernst genommen. Da fehlt der Humor! Wenn man zu besessen ist von Avantgarde und Anti-Establishment, dann ist ja im Grunde alles das Gleiche. Berlin ist für mich eine Idee von Stummfilm und der jüdischen Kultur. Früher war Berlin mal eine tolle Stadt für die Mode, aber das war vor den Nazis. Und dann die ganzen Politiker, die machen doch alles langweiliger, wer braucht die denn in Berlin?

Müller: In einigen Punkten gebe ich Ihnen recht. Berlin ist auch nicht exklusiv, sondern inklusiv. Berlin bietet das, was die Menschen täglich tragen, sowie die Kultur und den Lifestyle, der den zeitgemäßen Menschen heutzutage bewegt. Aber Sie haben recht, ein kleines bisschen mehr Humor tut immer gut. Das gilt allerdings nicht nur für Berlin.

Meinen Sie, Politiker wären beliebter, wenn sie ein bisschen mehr auf ihr Aussehen achten würden?
Lagerfeld: Na, ich weiß nicht, wenn sie zu sehr auf ihr Aussehen achten, dann werden sie auch wieder angeklagt. Hauptsache, Sie schreiben ihre Thesen selber.

Guttenberg war gut gekleidet?

Lagerfeld: Das war einer von denen, die sich ein bisschen bemüht haben, anders zu sein.
Und Angela Merkel?

Lagerfeld: Ach, man kann sie nicht mal kritisieren. In ihrer Rolle, was zieht man da an? Sie ist ja auch ein bisschen korpulent, hat immer schlecht geschnittene Hosen an, die immer etwas zu kurz sind.

Offensichtlich fehlen Sie in Berlin.

Lagerfeld: Ich weiß nicht, was soll ich denn da machen?

Ab und zu sind Sie ja schon da.
Lagerfeld: Ja, aber immer mit einem gewissen Grund, und ich bleibe nicht lange da. Ich hatte sogar mal eine Wohnung in Berlin, als ich mit dem Schlosshotel im Grunewald zu tun hatte. Da bin ich in sieben Jahren drei Wochen gewesen. Das braucht man ja nicht zu behalten, das habe ich jetzt verkauft.

Vielleicht ist Berlin auch einfach keine Stadt für Haute Couture, sondern mehr für Alltagsmode.

Müller: Berlin ist nicht die Stadt für Haute Couture, die ist ja auch in Paris bestens aufgehoben. Berlin hat seinen eigenen Stil entwickelt. Berlin ist „The Capital of Cool“. Sie sind cool, Herr Lagerfeld, Sie haben immer Ihre Hand am Puls der Zeit. Sie sollten unbedingt bald mal kommen. Wir in Berlin würden uns sehr über Ihren Besuch freuen.

Lagerfeld: Ich habe das Gefühl, da liegen Sie richtig. Paris gibt’s ja schon. Und die Leute, die sich für kreativ halten, sollten nicht so eine herablassende, prätentiöse Attitüde denen gegenüber haben, die das machen, was die Leute tatsächlich anziehen. Selbst Coco Chanel hat gesagt, was niemand anzieht, ist keine Mode.

Müller: Sie tragen ja auch gerne Jeans.

Lagerfeld: Ja, eigentlich immer, Dior, Mastermind, Chanel, manchmal auch Acne…

Heute haben Sie eine Anzughose an.

Lagerfeld: Ja, weil es heute heiß ist und die Baumwolle kühler.
Kann man sagen, dass das eine Art Uniform ist, die Sie da tragen?

Lagerfeld: Vielleicht ist es eine Uniform, ich habe nichts gegen Uniformen. Deutsche sind ja sehr spezialisiert in Uniformen.
Müller: Meine Uniform ist die Jeans…
Sie sind Ihr eigenes Markenzeichen geworden.

Lagerfeld: Was habe ich denn an? Schlips, Kragen und einen Anzug, was ist da exzeptionell dran?
Na ja, und die Sonnenbrille, die hellen Haare mit Zopf...

Lagerfeld: Andere haben auch Sonnenbrillen. Und was haben meine Haare besonderes? Ein bisschen weißer als die anderen sind sie, weil da weißer Puder drauf ist, sonst wären sie kuhschwanzgelb. Und es gibt noch ein paar mehr Leute, die ihre Haare hinten zusammengesteckt haben, weil es das Bequemste ist. Ich bin nicht begabt für Frisuren und ich will keine Locken im Gesicht haben, da werde ich hysterisch, wenn ich zeichne.

Also alles ganz normal.

Lagerfeld: Na ja, wenn ich mich auf Fotos mit anderen sehe, erkenne ich schon, dass ich da irgendwie absteche. Aber ich selbst komme mir eben normal vor. Ich schlafe ja auch nicht mit Handschuhen, und zu Hause trage ich keine Sonnenbrille.

Gehen Sie manchmal ganz anders raus, so dass Sie nicht erkannt werden?

Lagerfeld: Nee, das habe ich ein Mal gemacht, und da hat mir gleich an der Straßenecke jemand gesagt, he, Sie sind ja ganz verkleidet!
Herr Müller, was macht eine Marke eigentlich begehrt?

Müller: Eine Marke muss unbedingt ein eigenes Profil haben. Außerdem muss das Produkt stimmen. Manchmal ist die Geschichte, der Mythos einer Marke wichtig, egal ob es sich um eine Heritage Brand handelt oder um eine neuere Marke. Die Menschen lieben Geschichten. Das Image der Marke definiert die Zielgruppe. Ohne Zielgruppe kein Profil. Ohne Profil keine Marke.
Lagerfeld: Das ist ein Mysterium, Gott sei Dank, denn sonst würden ja alle Marken begehrt sein.

Müller: Ich glaube, da steckt sehr oft ein Kopf dahinter, der das macht. Das gibt’s ja in unserer Branche genauso, ich kann mich erinnern, als Claudio Buziol plötzlich und unerwartet gestorben ist, der Inhaber und Mitgründer von Replay, das war eine Katastrophe. Er hat eine riesige Lücke hinterlassen.

Lagerfeld: Ja, man muss davon ausgehen, dass die Friedhöfe voller unentbehrlicher Leute sind. Es wird Milliarden von Leuten vor uns oder Milliarden nach uns geben, man soll seinen persönlichen Fall nicht so dramatisieren. Denn der Sinn des Lebens ist das Leben, und damit hat sich’s.

Müller: Gute Einstellung. Sind Sie so gelassen oder müssen Sie sich dazu zwingen?

Lagerfeld: Ich habe mich gehen lassen, um gelassen zu sein. Man kann die Welt viel besser beobachten, wenn man gelassen ist.

Druck empfinden Sie nie?
Lagerfeld: Ich habe immer toll gefunden, dass ich das machen kann, was ich machen möchte. Was soll ich da dramatisieren? Es klingt natürlich besser, wenn ich von dem Leiden der Kreativen und all so einen Quatsch erzähle.

Welche Lebensziele beide verfolgen und warum Lagerfeld nie an seine Kunden denkt, lesen Sie auf der nächsten Seite.