• Mode in der Coronakrise: „Das modischste Accessoire für den Frühling - eine schwarze Gesichtsmaske“

Mode in der Coronakrise : „Das modischste Accessoire für den Frühling - eine schwarze Gesichtsmaske“

Krankheiten, Kriege und Krisen. Die Mode verändert sich in schweren Zeiten. Ein Rückblick und eine Übersicht.

Ingolf Patz
Social Distancing anno 1869. Die Karikatur entstand auf dem Höhepunkt der „Crinolinomania“. Die Reifröcke sollten den Stand der Trägerin anzeigen und unerwünschte Avancen abwehren.
Social Distancing anno 1869. Die Karikatur entstand auf dem Höhepunkt der „Crinolinomania“. Die Reifröcke sollten den Stand der...Foto: promo

Krisen und die Umwälzungen, die auf sie folgten, haben von jeher auch die Mode beeinflusst. Die Wurzeln für Paris als Modehauptstadt liegen beispielsweise auf den Schlachtfeldern des 30-jährigen Krieges. Als sich die zerstörerische Kriegsmaschinerie endlich totgelaufen hatte, erhielt Frankreich 1648 eine Vormachtstellung. Von nun an dominierte die französische Kultur in Europa. Ab 1650 wurde die strenge spanische Mode vom heiteren, farbenfrohen französischen Stil abgelöst, verbreitet wurden die neuen Trends durch gedruckte Journale.

Nach der Französischen Revolution hielt die Tuberkulose die Welt in Atem. Nun gab das Britische Empire den Takt vor, die Auswirkungen der sogenannten „Schwindsucht“ deckten sich mit dem Schönheitsideal des Viktorianischen Zeitalters: extreme Schlankheit und eine durchscheinende, blasse Haut im Kontrast mit glänzenden Augen, geröteten Wangen und roten Lippen – Symptome von niedrigem Fieber.

Tuberkulose war ein romantisiertes „Dahinschwinden“ über Jahre und galt als Veranlagung. Selbst auf dem Höhepunkt zwischen 1780 und 1850, als die Tuberkulose für 25 Prozent der Tode in Europa verantwortlich war, galt die Schwindsucht als so glamourös, dass der kranke Look mit Kosmetik nachgeahmt wurde, ein Vorläufer des Heroin Chic der 1990er Jahre.

Extreme Dekolletés gaben vorstehende Schlüsselbeine und Schulterblätter frei, Korsetts formten zerbrechliche Wespentaillen über immer voluminöseren Reifröcken, die bis zu acht Meter Umfang haben konnten. Die Bilder toxischer Schönheiten blendeten derart, dass die Gesellschaft zunächst blind dafür war, wie die Krankheit in den Armenvierteln wütete.

Erst 1882 wurde das Mycobacterium tuberculosis von Robert Koch entdeckt. Nun ließen sich auch Zusammenhänge zwischen Mode und Krankheit nicht mehr beiseitewischen. Schleppen standen im Verdacht, Krankheitskeime von der Straße in die Wohnungen zu befördern, extreme Korsettformen, die Atemwege zu schwächen. Tuberkulose-Therapie mit Sonnenlicht gilt als Beginn des modernen Sonnenbadens.

Durch alle Konflikte und Epidemien hat sich Frankreich als Zentrum der Mode behauptet. „Sobald der Feind neutral wird, wendet man sich in der Mode wieder nach Paris. Das war auch nach dem Krieg von 1870/71 so. Wer irgendwie die Möglichkeit hat, fährt nach Paris, um sich inspirieren zu lassen“, sagt Adelheid Rasche, Modekuratorin der Ausstellung „Christian Dior und Deutschland“.

Frauen brauchten nun Kleider, in denen sie sich bewegen konnten.

Die drastischsten Veränderungen in der Weise, wie Frauen sich kleideten, zog der Erste Weltkrieg nach sich. Immer mehr nahmen sie die Positionen der Männer ein, die im Krieg waren. Korsetts wurden abgelegt, Rocksäume rutschten nach oben, Frauen brauchten nun Kleider, in denen sie sich bewegen konnten.

Die kriegsbedingte Materialknappheit führte dazu, dass Gabrielle „Coco“ Chanel erstmals Kleider aus Jersey nähte, bis dahin ein Stoff für Männerunterwäsche. Anfangs ein Skandal, brachte ihre Mode die Bewegungsfreiheit, die die Frauen gesucht hatten. „Der Krieg hat mir geholfen. Katastrophen bringen zum Vorschein, was jemand wirklich ist. 1919 wachte ich auf und war berühmt“, schrieb sie ihn ihren Erinnerungen.

Ein gutes Geschäft ließ sich Gabrielle Chanel zunächst jedoch entgehen. Im November 1918 waren noch die meisten der zwei Millionen amerikanischen Soldaten in Paris, französische Parfüms standen als Mitbringsel hoch im Kurs. Die heimkehrenden GIs machten die Parfümeure reich und begründeten den Markt für französische Düfte in den USA, von dem später auch Chanel No. 5 profitierte.

1918 forderte jedoch nicht nur der Krieg viele Menschenleben, sondern auch die Spanische Grippe. Schon damals wurde die Gesichtsmaske zum lebenswichtigen Trend, auch zu jener Zeit blickte man nach China. 1910 hatte dort der Arzt Wu Lien-teh eine Lungenpest-Epidemie neben Quarantäne durch das Tragen von Masken aus Verbandsstoff und Watte erfolgreich bekämpft. Auch wenn der Mundschutz in China zum Standard bei Epidemien wurde, mussten manchmal Zugeständnisse gemacht werden, das kosmopolitische Schanghai zum Beispiel tat sich schwer.

Schnäppchenjagd in Jogginghosen vom heimischen Sofa aus

Der prominente Journalist Yan Duhe empfahl daher 1929 in seiner Zeitungskolumne: „Das modischste Accessoire für den Frühling: eine schwarze Gesichtsmaske“ und schlug vor, dass Prominente bei Modenschauen Masken tragen sollten, um die allgemeine Akzeptanz zu erhöhen. Dr. Wu Lien-teh sorgte dafür, dass die Bilder der Masken weltweit publiziert wurden, bis sie zu einem Emblem für die damalige epidemiologische Vorherrschaft Chinas und die Bildung seines Volkes wurden. Wie kultische Masken göttliche Eigenschaften materialisieren sollen, symbolisierte das bewusst unmodische, neutral-weiße Stoffrechteck Rationalität und Vernunft.

Als gänzlich unvernünftig wurde 1947 zunächst Diors verschwenderischer „New Look“ im Nachkriegsdeutschland bewertet, aber auch in den USA, wo man die neuen Rechte der Frauen durch die rückwärtsgewandten Formen gefährdet sah. Doch Verdrängung ist eine starke Kraft. Schließlich wurde doch lieber wieder Korsett getragen, als durch praktische Mode weiter an die schweren Zeiten erinnert zu werden.

Die haben zuletzt die USA nach dem Platzen der Immobilienblase durchgemacht. Die Rezession nach dem Bankencrash von 2008 gilt als Startschuss für die neuen Direct-to-consumer-Marken, die Ehrlichkeit und Transparenz versprechen. Demokratische Stile wie Streetwear wurden omnipräsent, Preisnachlässe aus der Krise machten es für Marken schwer, ihre Ware auch später zum vollen Preis zu verkaufen.

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