• Mode schauen: Alexander McQueen, Dries van Noten, Vivienne Westwood und die Faszination von Mode

Mode schauen : Alexander McQueen, Dries van Noten, Vivienne Westwood und die Faszination von Mode

Drei Filme über Alexander McQueen, Dries van Noten und Vivienne Westwood zeigen, welche Faszination von Mode asugeht - wenn sie die Richtigen machen.

Ingolf Patz
Alexander McQueen inszenierte seine Modenschau im Jahr 2000 wie aus einem Irrenhaus. Das Model trägt ein Kleid aus blutrot gefärbten Mikroskop-Objektträgern.
Alexander McQueen inszenierte seine Modenschau im Jahr 2000 wie aus einem Irrenhaus. Das Model trägt ein Kleid aus blutrot...Foto: promo

„Dries ist ein Schatz, der als solcher behandelt werden muss“, sagt Modeikone Iris Apfel über den belgischen Designer Dries van Noten und schaut wie eine besorgte Eule durch die Gläser ihrer riesigen Brille. „Die Modeindustrie hat sich ihr Grab geschaufelt. Leute wie Dries halten sie am Leben.“ Vom Verschwinden der Romantik in der Mode erzählen die Modefilme „Dries“ (2017), „Westwood: Punk. Ikone. Aktivistin“ und „Alexander McQueen“ (beide 2018), die man sich jetzt im Internet anschauen kann. Sie zählen keinen Countdown bis zur großen Show herunter, wie es TV-Formate häufig tun, sondern erzählen von der Leidenschaft für die Mode, vom Leiden für die Mode und an der Mode.

Mörderische 14 Kollektionen pro Jahr brachten den britischen Designer Alexander McQueen langsam um. Vor zehn Jahren, am Vorabend der Beisetzung seiner geliebten Mutter, nahm sich der geniale Modekünstler mit 40 Jahren das Leben. Lee Alexander McQueen konnte ein lauter Spaßvogel sein, die Dämonen seiner Kindheit – sexueller Missbrauch und häusliche Gewalt gegen Frauen - beherrschte er, indem er sie in seine spektakulären Modeperformances bannte und die Schönheit im Grauen entdeckte. Doch für ständig mehr Schauen immer öfter in diese dunkle Quelle seiner Kreativität einzutauchen, brachte seine Seele schließlich aus der Balance.

„Frühere Modedokumentationen, die ich gesehen habe, ließen die Emotionen außen vor. Wir wollten genau diese zeigen, wie bei einem Spielfilm“, sagt der Regisseur Peter Ettedgui. Zusammen mit Ian Bonhôte gelingt ihm das Kunststück, den Weg des pummeligen, schwulen Teenagers aus dem Londoner Eastend zum visionären Modeschöpfer und Selbstmörder drängend, aber nicht voyeuristisch nachzuzeichnen. Dabei konnte er auf die schmerzhafte Ehrlichkeit von Familie und Wegbegleitern zählen und auf privates Filmmaterial zurückgreifen.

Als McQueen mit 27 Jahren Chefdesigner des Couture-Hauses Givenchy wird, filmt sich seine ungeschliffene Entourage auf dem Weg nach Paris, wie sie sich über ihre Angstschweißflecken lustig macht und sich an den Kopf fasst, dass ihr Lee hier mit „Monsieur McQueen“ angesprochen wird. Noch ausgelassener sind die Aufnahmen, als sie Ende 2000 Paris wie eine Horde ungezogener Kinder wieder verlässt. McQueen glaubte, seiner ungeheuren Arbeitslast mit Hilfe eines Deals mit der Gucci-Gruppe, später Kering, zu entkommen. Doch es ist der Beginn der Dominanz der Luxus-Konzerne, die mit ständig wachsender Profitgier zunehmend Opfer fordert.

Lorna Tuckers Film zeigt, dass Vivienne Westwood mit Mode eigentlich nicht mehr viel zu tun hat

Der Konflikt zwischen Geschäft und Leidenschaft ist das bestimmende Thema der filmischen Biografien. Als 2017 der Dokumentarfilm „Dries“ seine Premiere feierte, galt der belgische Designer Dries van Noten noch als eine Ikone der Unabhängigkeit. Der Film von Reiner Holzemer zeigt voller Respekt, wie sich Leidenschaft in leisem Perfektionismus und schrulliger Pingeligkeit äußern kann. Erst auf dem Laufsteg entlädt sie sich bei van Noten in wunderbaren Farborgien. Ein Perfektionist leidet im Stillen, wie Dries van Noten am Ende des Films zugibt. 2018 versucht sich er sich einen Teil seiner Sorgen vom Hals zu schaffen und verkauft sein Unternehmen mehrheitlich an den spanischen Konzern Puig.

Auch Vivienne Westwood leidet: Am Plastik, in das ihre Entwürfe für den Transport verpackt werden, daran, olle Kamellen für einen Dokumentarfilm von Lorna Tuckers wiederkäuen zu müssen und daran, dass die Filmemacherin sie nicht nur als Öko-Aktivistin zeigen will. Tucker zeichnet stattdessen mit Elementen des Reality-Fernsehens das Porträt einer Frau aus kleinen Verhältnissen auf dem Weg nach oben und zu sich selbst. Stillstand langweilt Westwood. Sie lässt Ehemänner und den Punk hinter sich und dreht mit 78 dem Alter eine Nase.

Lorna Tuckers Film zeigt, dass Vivienne Westwood mit Mode eigentlich nicht mehr viel zu tun hat. Kleidung und Handtaschen dienen ihr nur als Leinwände für Parolen. Es ist erstaunlich, wie Westwood es geschafft hat, eine unabhängige Firmenstruktur zu schaffen, mit der sie 2018 zwar 38 Millionen Pfund umsetzte, in der sie aber gleichzeitig gegen ihr eigenes Management rebelliert. Triumphal verkündet Westwood, dass sie die Eröffnung einer Boutique in Peking verhindert hat. Kreativ wirkt sie eher als Muse für ihren ehemaligen Schüler, Lebensgefährten und Kronprinzen Andreas Kronthaler. Er sorgt für den Menschen Westwood, und gleichzeitig brennt in ihm offensichtlich ein Feuer, das die Marke als „Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood“ am Leben erhält.

Die Filme sind auch als Hommage an jene Menschen zu verstehen, die den Visionären ihr Handeln ermöglichen. Es geht um Verantwortung und die Kostbarkeit, tun zu dürfen, wonach das Herz verlangt. Das sind Themen, die in Zeiten des Coronavirus Filmen wie „Dries“, „McQueen“ und „Westwood“ neue Relevanz verleihen.

„Dries“ ist verfügbar in der 3sat- Mediathek. „Westwood: Punk. Ikone.

Aktivistin“, bei Amazon Prime;

„Alexander McQueen“bei Netflix, auf

YouTube entleihbar für 1,99 bis 2,99 Euro. Weitere Filmtipps gibt es auf

www.tagesspiegel.de/mode.