Mode schauen in der Krise : Wenn sich Wolfgang und Jette Joop streiten

Warum die Welt eine andere Mode braucht und sich Designer an Nähmaschinen in die Wolle bekommen, erfährt man in verschiedenen Dokumentationen.

So sahen sie aus. Die Familie Joop: Mutter Charlotte, die Töchter Florentine und Jette, Wolfgang, Ehefrau Karin und Vater Gerhard (von links).
So sahen sie aus. Die Familie Joop: Mutter Charlotte, die Töchter Florentine und Jette, Wolfgang, Ehefrau Karin und Vater Gerhard...Foto: ZDF und Privatsammlung Wolfgang Joop

Designer, die an Nähmaschinen verzweifeln – dieses Format scheint international fast ebenso erfolgsversprechend wie Sänger, die an Mikrophonen versagen. Gleich zwei Modeformate starten gerade auf Netflix und Amazon. Bei „Next in Fashion“ moderiert  das britische Model Alexa Chung zusammen mit dem Designer Tan France zehn Folgen hintereinander weg, als gelte es, diesen Designmarathon möglichst schnell hinter sich zu bringen. So bald Alexa Chung „Go“ ruft, rennen 18 Designer aus zehn Ländern mit Stoffballen unterm Arm durchs Studio, nähen wie von Sinnen Kleidungsstücke und wundern sich am Ende, wie gut das Ergebnis an den herbeigeeilten Models aussieht. Hier gibt es 250.00 Dollar zu gewinnen.

Viele der Kandidaten sind Absolventen von Englands bester Modeschule Central St. Martins – die den Anspruch hat, die Designchefs der Zukunft auszubilden. Das schlägt sich auf die Qualität der Entwürfe nieder, deren Entstehungsprozess in der Sendung großer Raum gegeben wird. Wer wissen will, wie Mode machen geht, ist hier richtig.

Dagegen ist das US-amerikanische Format „Making the cut“ sehr viel aufwändiger produziert. Schließlich bringen Heidi Klum und der Modeberater und Schauspieler Tim Guun schon eine Menge Erfahrung aus der Castingshow „Project Runway“ mit, das die beiden verließen, um ihr eigenes Format bei Amazon zu produzieren. „Making the cut“ lobt sogar eine Millionen Dollar Preisgeld aus.

Wenn man „Making the cut“ mit Heidi Klums „Germanys next Topmodel“ vergleicht, gebiert sich die Moderatorin hier geradezu zurückhaltend und professionell. Sie scheint die teilnehmenden Designer, viele von Ihnen seit vielen Jahren in ihrem Beruf, geradezu ernst zu nehmen. Tim Guun ist so etwas wie der Babysitter der Sendung, der die Designerinnen und Designer mit Ratschlägen und Aufmunterungen bei Laune hält.

Die Berliner Designerin Esther Perbandt kommt in den ersten Folgen besonders gut weg – Sie weiß sich zu präsentieren, trägt ihre eigenen, schwarzen Entwürfe und macht schnell klar, wofür sie steht. Und nicht nur fachlich funktioniert ihr Auftritt. Nicht umsonst bezeichnet sich die Designerin selbst als Rampensau. Die Kritik der Jury ist, bis auf ein paar Ausnahmen, recht fundiert und weit vom vereinfachendem Privatfernsehniveau entfernt.

Mode wurde in den deutschen TV-Formaten oft zur Deko

Mit dem New Yorker Designer Joseph Altuzarra, dem Model Naomi Campbell und der ehemaligen Chefredakteurin der französischen Vogue, Carine Roitfeld, stehen Heidi Klum auch fähige Juroren zur Verfügung. Das könnte auch daran liegen, dass man sich, wenn man nicht an ein deutsches Publikum wendet, glaubt, ein bisschen mehr modisch in die Vollen gehen zu können.

Denn daran krankten bisher alle deutschen TV-Formate, die sich mit Mode beschäftigten. Mode wurde dort zur Deko, zum hübschen Tralala aber nicht zur Hauptsache gemacht. Frei nach dem Motto: Wer in Deutschland über Mode berichtet, sollte bitte nicht zu viel über Mode berichten.

Das merkt man leider auch der Dokumentation über Wolfgang Joop an, die das ZDF in der Reihe „Deutschlands große Clans sendete. Schon das hinkt ein wenig. Man muss schon sehr großzügig sein, um den Streit von Tochter Jette mit ihrem Vater, ausgetragen vor allem in der Boulevard- und Klatschpresse, zur Tragödie einer Dynastie breit zu treten.

Natürlich verdient es Joop mit einem Film geehrt zu werden. Aber was ihn als Designer ausmacht, erfährt man leider eher am Rande. Dafür gibt es historische Aufnahmen von Joops Auftritten bei „Wetten das?“, die wahrscheinlich belegen sollen, wie weit es der Designer in Deutschland gebracht hat. Das wirkt leider krautig und gefällig. Aber amüsant ist es natürlich trotzdem, Joop dabei zuzusehen, wie er sich durch sein Leben charmiert. Denn er ist halt immer noch einer unserer unterhaltsamsten Prominenten – und da ist seine Begabung für Mode halt nur eine unter vielen.

Moderatorin und Model. Alexa Chung führt durch die Sendung "Next in Fashion".
Moderatorin und Model. Alexa Chung führt durch die Sendung "Next in Fashion".Foto: Will Olivwe/dpa

Dem Thema Mode nähert sich der französische Dokumentarfilm „Fashionaktivsmus: Eine andere Mode ist möglich“ auf ganz andere Weise. Der Film beginnt mit Bildern der eingestürzten Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch. Der Tod von mehr als tausenden Fabrikarbeiterinnen und -arbeitern im Jahr 2013 war so etwas wie der 11. September für  die Mode. Ein System, dass immer mehr immer billigeren Nachschub für unsere Kleiderschränke verlangt, brach dort für alle sichtbar zusammen.

Unsere Leidenschaft für Mode ist toxisch geworden, heißt es in den ersten Minuten der Dokumentation. Um dann dem Zuschauer, wie schon im Titel angedeutet, Hoffnung zu geben. Es braucht eine Fashion Revolution, finden die Aktivisten in Paris und sprühen die Frage „Wer macht meine Kleidung?“ auf Häuserwände und Gehwege. Auch die niederländische Trendforscherin Lidewji Edelkoort  kommt zu Wort: „ Ich würde in der Mode alles verändern.“

Wie das gelingen kann, zeigt ein junger Weber, der auf alten und neuen Webstühlen in der Nähe von London Tweedstoffe herstellt, oder eine Designerin, die in endloser Handarbeit mit ihren Mitarbeiterinnen zarte Jacken webt und näht, die an eine sehr archaische Form des Chanel-Jäckchens erinnern und mehre tausend Euro kosten. Es geht um 3-D-Druck, Upcycling und neue Stoffe, die mit Hilfe von Biotech hergestellt werden.

Aber vor allem geht es um Entschleunigung: Ein Händler für seltene Vintagemode sagt: „Selbst wenn ab sofort nichts mehr hergestellt wird, wir würden es nicht merken. Und könnten mit dem, was da ist, jedes Lebewesen auf diesem Planeten einkleiden.“ Wahre Worte in einer Zeit, wo alles still steht.

Noch mehr Dokumentationen über Mode finden sich hier.