Parfüm aus Berlin : Die richtigen Riecher

Eichenmoos, Zeder und Lavendel – aus diesen Zutaten entstehen die Düfte von Aer. In ihrem Berliner Labor mischen Stefan Kehl und Ted Young-Ing ihre Parfüms.

Stefan Kehl und Ted Young-Ing in ihrem Labor in Berlin-Mitte.
Stefan Kehl und Ted Young-Ing in ihrem Labor in Berlin-Mitte.Foto: promo

Unsere Fähigkeit, Gerüche aufzunehmen, ist schier unendlich. Erst 2014 fanden Wissenschaftler heraus, dass wir 1,7 Billionen Moleküle mit der Nase unterscheiden können. So steht es in dem gerade erschienenen Buch „Discovering the World of Scent & Perfume & Fragrance“, erschienen im Gestalten-Verlag. Wer nicht nur lesend, sondern auch riechend lernen will, kann einen Workshop von Ted Young-Ing und Stefan Kehl besuchen.

Vor zwei Jahren gründeten sie ihre Parfümmarke Aer. Die Düfte bestehen nur aus pflanzlichen Inhaltsstoffen, ein großer Unterschied zur Mehrzahl heutiger Parfüms, die überwiegend aus synthetischen Stoffen bestehen. Es ist erstaunlich, wie leicht es ist, mit einer Pipette aus verschiedenen Ölen und Konzentraten aus Blättern, Wurzeln, Blüten, Rinden und Früchten tröpfchenweise ein eigenes Parfüm zu mischen. Diese Erkenntnis ist Teil von Ted Young-Ings Strategie.

Doch es ist nur deshalb einfach, weil viel Vorarbeit dahintersteckt. Damit aus einem Duft kein Gestank wird, muss vorsortiert werden. Dafür gibt es vorbereitete Boxen in den Richtungen „Oriental“ (würzig, süß, scharf), „Citrus“ (grün, hell, frisch, fruchtig), „Floral“ (blumig, pudrig), Fougère (frisch, grün nach Kräutern) und Holz & Leder (rauchig, harzig, dunkel).

Auch wenn Young-Ing einem gerade gesagt hat, dass es nichts bringt, die Handgelenke aneinanderzureiben, weil das die Moleküle zerstört, tut man es trotzdem. Immer wieder muss er an den Papierstreifen schnuppern, auf die die einzelnen Zutaten getröpfelt werden. Unterschiedlich übereinandergeschichtet, lässt sich damit ein Duft zusammenpuzzeln, den man dann in Reagenzgläsern zusammenmischt. Young-Ings größtes Lob: „Das würde ich auch tragen.“

Bei den Parfüms von Aer sind die natürlichen Inhaltsstoffe so wichtig, dass sie auf die Flakons gedruckt werden.
Bei den Parfüms von Aer sind die natürlichen Inhaltsstoffe so wichtig, dass sie auf die Flakons gedruckt werden.Foto: promo

So viele intensive Gerüche überfordern den untrainierten Hirnlappen, den der Parfümeur vorher in seiner Powerpoint-Präsentation als für Gerüche zuständig identifiziert hat. Kopfschmerzen machen sich bemerkbar, darauf hat er zu Beginn hingewiesen wie eine Flugbegleiterin beim Start der Maschine. Am Ende tauschen alle Teilnehmer ihre Duftstreifen aus, verteilen Komplimente und raten die Zutaten der anderen. Bemerkenswert, wie unterschiedlich jeder Duft geworden ist und wie sehr sie sich von denen unterscheiden, die man in einer Drogerie kaufen kann.

Besucht man Stefan Kehl und Ted Young-Ing an einem Vormittag in ihrem Labor, ist es schwerer, seiner Nase zu folgen. An einem weißen Tresen füllt Stefan Kehl aus Kanistern, Metallbehältern und Glasflaschen Flüssigkeiten in Flakons – die letzte Charge des Weihnachtsgeschäfts, sein Geschäftspartner Young-Ing erzählt die Gründungsgeschichte. Alles fing an, als er Kehl bat, für ihn den ersten Duft zu kreieren.

Stefan Kehl begeisterte sich schon als Teenager für Parfüm. Weil er in der tiefsten Provinz im Schwarzwald aufwuchs, konnte er sich nicht vorstellen, was damit anzufangen wäre. Viel später, da reiste er als gefragter Visagist um die Welt, besuchte er Lehrgänge, um seine Nase zu schulen. An dieser Stelle grätscht Kehl ins Gespräch, um zu betonen, dass er eigentlich Autodidakt ist, weil er seinen eigenen Weg finden wollte, Parfüm herzustellen: „Wenn du zu lange lernst, machst du es wie dein Lehrer.“

Alle Düfte entstehen im Labor von Stefan Kehl (links) und Ted Young-Ing mitten in Berlin.
Alle Düfte entstehen im Labor von Stefan Kehl (links) und Ted Young-Ing mitten in Berlin.Foto: promo

Die Zutat für Duft Nummer eins fand Stefan in der New Yorker U-Bahn. Ein Passagier roch nach dem Nussgras Nagarmotha. Den Duft fanden auch andere so überzeugend, dass es jetzt Aer gibt – was wiederum mit Ted Young-Ings eigentlichem Beruf zu tun hat. Als Art-Direktor war der Kanadier für die Vermarktung von Düften bei Modehäusern wie Gucci zuständig.

Was er jetzt macht, hat nur entfernt mit seinem alten Job zu tun. Bei großen Marken geht es weniger um den Duft als um Lifestyle, um das Gefühl, dass man mit dem richtigen Parfüm guten Sex haben kann oder wie Adonis aus dem Meer steigt. Solche Bilder bemühen Ted Young-Ing und Stefan Kehl nicht. Sie verlassen sich auf die Inhaltsstoffe, die auf den eckigen Flakons abgedruckt sind. „Wir wollen nur die besten Zutaten“, sagt Young-Ing. Lange haben sie nach dem richtigen Ylang-Ylang-Öl gesucht, das aus Blüten gewonnen wird. Gerade macht ihnen Vanille Sorgen. Die kommt aus Madagaskar. Da die Ernte schlecht war, ist die Vanille ein wertvoller Rohstoff geworden, der wie Gold gehandelt wird.

Sechs sehr unterschiedliche Düfte gibt es nun von Aer, von sommerlich frisch bis erdig warm, feine Kompositionen, die alle eins gemeinsam haben: Es macht Spaß, seine Nase reinzustecken.

Die hochwertigen Zutaten haben ihren Preis, ein Parfüm mit 30 ml kostet 120 Euro.

Mehr Infos unter aerscents.com