Professur an der HTW : Hussein Chalayan: Ein Mann mit Konzept

Hussein Chalayan gilt als einer der einflussreichsten Designer des neuen Jahrtausends. Jetzt will er in Berlin jungen Modestudierenden helfen, die beste Version ihrer selbst zu werden.

Ingolf Patz
Outfit von Hussein Chalayan für Herbst/Winter 2019
Outfit von Hussein Chalayan für Herbst/Winter 2019Foto: Chris Moore, Catwalking

Mitten im Gespräch wird die Hintergrundmusik wummernd hochgedreht, doch der britische Modedesigner Hussein Chalayan bleibt voll konzentriert. Unbeirrt sein Ding machen, das tut er seit 25 Jahren wie kaum ein anderer im Grenzbereich von Mode und Kunst.

Chalayan wurde 1970 auf Zypern geboren, wuchs in London auf und studierte dort bis 1993 am Central Saint Martins College. Zwei Mal wurde er als Designer of the Year bei den British Fashion Awards ausgezeichnet. Mit 29 Jahren wählte ihn das „Time Magazine“ unter die 100 einflussreichsten Innovatoren des 21. Jahrhunderts und die 100 Modeikonen aller Zeiten.

Es waren seine spektakulären Modeperformances, die ihm diese Titel einbrachten. Auf der Theaterbühne zeigte er Kleider, die mit dem Hammer zerschlagen wurden oder ein Eigenleben zu führen schienen. Doch mit den spektakulären Modenschauen hatte sich Chalayan auch in eine Sackgasse manövriert. Bald galt er als intellektueller Showman und konzeptioneller Avantgardist, dessen Kollektionen gleich in die Museen wanderten. „Eigentlich besteht mein Alltagsgeschäft aber daraus, wie sich Stoff zum sich bewegenden Körper verhält“, sagt er. Dass er den Großteil seiner Zeit und Kraft dafür aufwendet, tragbare, elegant-minimalistische Mode zu kreieren, geriet in den Hintergrund. Chalayan begann das Wort „konzeptionell“ zu hassen.

Aus dieser Schublade befreiten ihn die neuen Medien, durch die sich nun jeder ein Bild von der gesamten Kollektion machen konnte. Gleichzeitig ist Chalayan ein großer Kritiker der Beschleunigung, die dadurch entsteht, Schritt halten zu müssen mit der ständig steigenden Informationsflut. Er vermisst eine gewisse Tiefe und Ernsthaftigkeit – nicht nur in der Mode, sondern allgemein in vielen Diskursen. Seine Ansichten formuliert Chalayan ausführlich in wohlartikuliertem britischen Englisch.

Zeit ist ein wichtiges Thema für ihn. Das hat er in seiner Kollektion „Inertia“ (Sommersaison 2009) gezeigt, in der er die Beschleunigung einfror wie einen sich dehnenden Moment kurz vor dem Aufprall. Nicht zuletzt davor will er seine Studierenden bewahren, die er in den nächsten Jahren an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) unterrichten wird. Die ist eher dafür bekannt, die Modeindustrie mit einem Heer technisch gut ausgebildeter Arbeitskräfte zu versorgen. „Die Studierenden müssen lernen, wofür sie Zeit aufbringen müssen, nämlich für ihr Handwerkszeug. Sie müssen lernen, wie ihnen die neuen Medien helfen können, diese Zeit wieder in der Kommunikation einzusparen.“ Chalayan findet es hilfreich, wenn Studierende schon neben dem Studium in der Mode arbeiten, um herauszufinden, wo ihr wirkliches Talent liegt, und so in der Orientierungsphase zwischen Studium und Beruf Zeit zu sparen.

Die HTW hat eine mutige Wahl getroffen, denn Chalayan scheut sich nicht, unpopuläre Meinungen zu vertreten. Das tut er zugewandt und mit britischer Höflichkeit, die aber niemanden im Unklaren lässt. Zum Beispiel darüber, dass er findet: Es werden viel zu viele neue Designer ausgebildet: „Warum will eigentlich jeder Designer werden? Wo sollen die alle arbeiten? Das Modeschulensystem ist selbst zum Geschäft geworden“, beklagt er. Er verabscheut, dass Studentenarbeiten oft zu sehr denen ihrer Lehrer ähneln oder bereits Bekanntes nur neu zusammengestellt wird: „Wenn man langfristig in der Modeindustrie arbeiten will, ist es wichtig, herauszustechen, etwas ganz Eigenes zu machen. Daran müssen die Studierenden hart arbeiten.“

Dafür sieht er insbesondere an der HTW gute Voraussetzungen in fachübergreifenden Kooperationen. „Ich glaube manchmal, nur mithilfe von Technologie kann heute noch wirklich Neues entstehen. Ingenieure und Programmierer schaffen Dinge, die es vorher noch nie gegeben hat. Für mich geht es um Innovation und darum, Risiken einzugehen. Eigentlich darum, das Unmögliche möglich zu machen. Daraus entsteht für mich Poesie.“

Seine Rolle als Lehrer sieht Chalayan realistisch, auch wenn sein Schüler Christoph Rumpf, den er an der Universität für angewandte Kunst Wien unterrichtete, gerade den renommierten Nachwuchspreis des Festivals im südfranzösischen Hyères gewann. „Lehrer können den Studierenden nur helfen, die beste Version ihrer selbst zu werden. Die Hochschulen sollten Freiräume dafür schaffen. Man kann die Studierenden nur ermuntern, ihr Feld gut kennenzulernen, die Geschichte der Mode, Kunst, Musik, Popkultur. Und es ist sehr wichtig, viel auszugehen. Sie müssen lernen, dass sie Zeit investieren müssen, um zu wachsen und sich kennenzulernen.“

Und dann hält er inne und wird persönlich: „Für mich ist der allgemeine Wunsch, ein eigenes Label haben zu müssen, altmodisch. Seine eigene Marke zu haben, bringt viele Opfer und häufig eine niedrige Lebensqualität mit sich. Es kann genauso erfüllend sein, hinter den Kulissen zu arbeiten und sich keine Sorgen darüber machen, wie man die Löhne zahlt.“

Um dieser Verantwortung nachzukommen und seine Ausflüge in die Kunstwelt zu finanzieren, hat Chalayan immer wieder zusätzliche Jobs angenommen. Er war Kreativdirektor bei Puma, arbeitete für Marken wie TSE, Asprey, Swarovski und gehörte dem Designerkollektiv des wiederbelebten Pariser Modehauses Vionnet an. Sechs Kollektionen im Jahr bringt er heraus.

Dabei findet er diesen Ausstoß einen Irrsinn und würde seinen Studierenden auch im Sinne von Nachhaltigkeit gerne etwas ganz anderes vermitteln. Er glaubt an Ideen, die sich über mehrere Saisons hinweg entwickeln dürfen und immer weiter perfektioniert werden können. So weit wie möglich versucht Hussein Chalayan, das umzusetzen, auch im Sinne seiner Kundinnen und Kunden. „Ich habe dazugelernt. Früher habe ich wirklich jede Saison etwas komplett Neues geschaffen. Das hat die Kunden irritiert. Heute sind meine Kollektionen wie eine lange Geschichte mit einem neuen Kapitel in jeder Saison.“

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