Retrospektive zu Thierry Mugler : Drama, Manfred!

Thierry Mugler ist zurück. Mit einer fulminanten Retrospektive wird der französische Designer in Rotterdam gefeiert. Die Ausstellung ist wie ein rasanter Videoclip in sechs Akten inszeniert, der ein wildes Leben widerspiegelt.

Bettina Hagen
Manfred Thierry Mugler, 71, sieht nicht mehr aus wie ein Balletttänzer. Nach vielen Metamorphosen ist er ist aber noch immer kreativ wie eh und je.
Manfred Thierry Mugler, 71, sieht nicht mehr aus wie ein Balletttänzer. Nach vielen Metamorphosen ist er ist aber noch immer...Foto: Max Abadian

Es war ein verstörender Auftritt des französischen Couturiers Thierry Mugler bei der Pressekonferenz im gut besuchten Auditorium der Kunsthal Rotterdam. Mugler, in grüner Jogginghose, orangefarbenem Kapuzenshirt und schwarzen Turnschuhen, erinnert mit seinem aufgepumpten Körper und einer Nase, deren Umfang sich seit seinen besten Zeiten in den 90ern verdoppelt hat, an einen alten Boxer. Von dem schmalen Balletttänzer, der er einmal war, ist nichts mehr übrig.

Der 71-Jährige spricht mit heiserer Stimme, erzählt, dass er von jeher fasziniert war von dem schönsten Tier auf Erden – dem Menschen. Das sei es auch gewesen, was ihn an der Haute Couture interessiert habe: die direkte Arbeit am Menschen. Nach den euphorischen Rezensionen der internationalen Presse aus Montreal, wo die Ausstellung „Thierry Mugler: Couturissime“ von März bis September zu sehen war, ist das Medieninteresse beachtlich. Jetzt wird sie erstmals in Europa gezeigt, eröffnet vom Meister persönlich, der im Gespräch mit Kurator Thierry-Maxime Loriot auf der Bühne sitzt.

Schon mit 14 begann er eine Ausbildung zum Balletttänzer

Wie in einem Kaleidoskop führt die Rotterdamer Ausstellung durch den schillernden Mugler-Kosmos. Rund 150 Bühnenkostüme und Modeoutfits sind zu sehen, entstanden zwischen 1977 und 2014. Darunter natürlich die ikonografische Motorradskulptur mit Rückspiegeln, in der er das Model Emma Sjöberg 1992 im George-Michael-Videoclip „Too Funky“ über den Laufsteg schickte. Außerdem Accessoires und Bühnenkostüme, Videoclips, Archivdokumente und Skizzen, ergänzt durch Arbeiten der größten zeitgenössischen Modefotografen wie Richard Avedon, Guy Bourdin, David LaChapelle, Helmut Newton, Herb Ritts.

Als Sohn österreichischer Eltern wird Manfred Thierry Mugler 1948 in Straßburg geboren. Schnell entdeckt er seine Liebe zum Ballett und beginnt mit 14 Jahren eine Ausbildung zum Tänzer an der Opéra national du Rhin. Dort taucht er ein in die Welt der Bühne, der Inszenierung, der Kostüme, der Bewegung und der Musik. All das sollte sich in seiner Arbeit als Designer, Regisseur und Fotograf wiederfinden. Später studierte er Kostümdesign, tourte mit Tanzensembles durch Europa, entwarf parallel Kleidung, erst für sich selbst, dann für Marken wie Dorothée Bis und Cacharel. 1974 hängte er die Ballettschuhe an den Nagel und gründete in Paris das Modeunternehmen Thierry Mugler.

Das Model Emma Sjöberg trat 1992 in einem Musikvideo zu George Michael’s Song "Too Funky" auf. Die Kostüme entwarf Thierry Mugler.
Das Model Emma Sjöberg trat 1992 in einem Musikvideo zu George Michael’s Song "Too Funky" auf. Die Kostüme entwarf Thierry Mugler.Foto: Patrice Stable

Seine größten Erfolge feierte Mugler in den 80er Jahren. Sie waren sein Jahrzehnt, dem er mit extravaganten Kostümen aus Materialien wie Vinyl, Latex und Metall, überdimensionierten Schultern und aufwendigen Bühnenshows den modischen Stempel aufdrückte. Immer wieder thematisierte er die Verwandlung des Menschen – wild, exzessiv, theatralisch. In den 90er Jahren wurde es ruhig um Mugler, der Minimalismus hielt in der Mode Einzug. 1997 übernahm der Kosmetikkonzern Clarins das angeschlagene Unternehmen.

Seit den 2000er Jahren begann Mugler sich selbst zu transformieren, legte sich für Schönheitsoperationen unters Messer, betrieb Bodybuilding, nannte sich nun Manfred, nicht mehr Thierry. Der stilprägende Verwandlungskünstler streifte seine alte Hülle ab. In der Ausstellung erinnert ein Porträt, fotografiert von Helmut Newton, an den jungen Mugler mit dem ebenmäßigen Gesicht. Der Häutungsprozess wirkt befremdlich, hat seiner Kreativität aber keinen Abbruch getan.

Bei Mugler geht Lady Macebth in Flammen auf

Die Ausstellung ist stringent als Oper in sechs Akten konzipiert. Gleich im ersten Raum werden die Besucher mit der Theatralik Muglers konfrontiert. Mittelpunkt ist eine nachgestellte Bühne, auf der ein Ausschnitt aus „Macbeth“ in der Inszenierung der Comédie Française für das Festival d'Avignon 1985 gezeigt wird. Mugler entwarf die Kostüme, steckte die schlafwandelnde, kurz vor dem Wahnsinn stehende Lady Macbeth in ein überdimensioniertes Kleid mit enger Taille und breitem Reifrock, der in einem dreidimensionalen Hologramm des Künstlers Michel Lemieux zu brennen anfing. In den lodernden Flammen fällt die statische Hülle in sich zusammen, Lady Macbeth, nun im schlichten weißen Unterkleid, stürzt auf den Boden, steht auf und tanzt sich in einen ekstatischen Wahnsinn, bevor sie ihrem Mann, dessen Rüstung als Platzhalter auf der Bühne steht, den Kopf abschlägt. Es ist ein dramaturgischer Geniestreich, bildgewaltig, imposant und grandios.

Der Bruch folgt im nächsten Raum, der in die Popkultur führt. Mugler als Designer exzentrischer Bühnenoutfits für Pop-Ikonen von David Bowie bis Lady Gaga, ergänzt durch Videowände, in denen seine Clips für Stars wie George Michael oder die Pet Shop Boys gezeigt werden. Auch akustisch wird der Sprung von der Tragödie zur Show nachvollzogen: vom sphärischen Soundteppich, unterlegt mit stilisiertem Stöhnen der Lady Macbeth, zu den Pop-Charts der 80er Jahre.

Als Thierry Mugler dieses Kleid entwarf, hatte er Meeresbewohner und Insekten im Sinn. Das Model Yasmin Le Bon trägt ein Outfit aus der „La Chimère“-Haute-Couture-Kollektion für Herbst/Winter 1997–1998.
Als Thierry Mugler dieses Kleid entwarf, hatte er Meeresbewohner und Insekten im Sinn. Das Model Yasmin Le Bon trägt ein Outfit...Foto: Alan Strutt

Der nächste Akt, „Metamorphosis“, führt in eine düstere Tier- und Unterwasserwelt, unterlegt mit Urwaldgeräuschen. Die Panorama-Projektionen von Wald, Meer und Mond an den Wänden bilden die Kulisse für von Insekten und Meeresbewohnern inspirierte Kostüme, mit Panzern aus Lack und Leder, die den Körper beinahe verschwinden lassen und doch erotisch aufladen, ein Spiel zwischen Fabel und Fetisch. Die Installationen wirken modern, fast wie ein Beitrag zur aktuellen Klimadiskussion.

Futuristisch wird es im letzten Raum, vom Berliner Bühnenbildner Philipp Fürhofer gestaltet. Wellblechwände mit kleinen Löchern, in denen ein sternenähnliches Licht leuchtet, verkleiden die Seitenwände, die auf eine verspiegelte Bühne zulaufen. Militaristisch aufgestellt wie eine Armee aus „Star Wars“ sind Kostüme wie aus Science-Fiction-Filmen. „Mugler versucht hier, dem menschlichen Körper eine überirdische Dimension zu geben“, sagt Fürhofer. „Mit der Rost- und Spiegelwelt habe ich versucht, diesen Ansatz in eine scheinbare Unendlichkeit zu übersetzen.“ Diese Fülle an Details kann zur temporären Reizüberflutung führen, macht die Ausstellung aber zu einem rasanten, kurzweiligen Ritt durch das Werk des Designers. Der 71-Jährige war in die Konzeption involviert und wollte bewusst keinen Nachruf auf sich selbst inszenieren, sondern den Zeitgeist einfangen. Insofern ist er noch der Alte.

Bis zum 8. März 2020 in der Kunsthal Rotterdam, vom 3. April bis 30. August 2020 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München.

0 Kommentare

Neuester Kommentar