Roberto Cavalli in Berlin : Die subtile Erotik des Neuanfangs

Berühmt für Tierfelldrucke, steht Roberto Cavalli für einen ausschweifenden Lebensstil. Chefdesigner Paul Surridge will das ändern, Sex ist für ihn nicht die Währung unserer Zeit. Am Kurfürstendamm zeigt er in einem ersten neuen Geschäft, wie das aussehen könnte.

Noch mehr Jaguar von Cavalli.
Noch mehr Jaguar von Cavalli.Foto: promo

Da steht er in seinem Palazzo mitten auf dem Kurfürstendamm und schaut zufrieden. Die Wände säumt ein hüfthohes, rostrotes Marmorfries, die Decke ist leicht gewölbt, das indirekte Licht strahlt warm die goldsatinierten Kleiderstangen an. Der Marmor auf dem Boden ist als Muster verlegt, das eher an die florentinische Kathedrale Santa Maria del Fiore als an einen schnöden Geschäftsraum erinnert. Das Interieur sieht elegant und zurückhaltend aus. Vor allem würde man auf ein Wort niemals kommen: vulgär.

Blick in das Cavalli-Geschäft am Kurfürstendamm.
Blick in das Cavalli-Geschäft am Kurfürstendamm.Fotos: promo

Deshalb ist Paul Surridge auch so entspannt, obwohl am Kurfürstendamm in wenigen Minuten der erste neue Cavalli-Shop eröffnet wird. „Berlin war keine offensichtliche Wahl, die Stadt hat eine bewegte Vergangenheit und gleichzeitig gibt es eine neue Generation, die die Zukunft gestaltet. So fühle ich mich auch.“ Das neue Konzept hat er sich ausgedacht. Nach und nach soll es auf alle Cavalli-Shops angewendet werden. Damit soll es endlich in Stein gehauen sein: Bei Cavalli hat sich einiges geändert.

Bisher war die Welt von Cavalli schnell erklärt: Glitzer, wehende Haare, hohe Absätze, viel Haut. Das war für die einen sexy und glamourös, für die anderen vulgär. Aber Kleidung, die vor allem Frauen übersexualisiert und sie damit zum Objekt macht, funktioniert in unseren Zeiten nur noch bedingt. Es gilt, verführerisch zu sein durch Haltung und Hirn. Da ist es egal, ob man ein weißes T-Shirt trägt oder ein weitausgeschnittenes Glitzerkleid – so sieht es auf jeden Fall Paul Surridge.

Der Engländer ist seit 15 Monaten der neue Chefdesigner im italienischen Modehaus Roberto Cavalli. Der Namensgeber, heute 77 Jahre alt, hat Jahrzehnte lang hart am Ruf der Marke gearbeitet. Roberto Cavalli ist braun gebrannt, trägt getönte Brillen und ist mit einer ehemaligen Miss Austria verheiratet. Er feierte mit dem Jetset in Clubs, ließ sich auf Yachten ablichten. Bekannt wurde er in den siebziger Jahren mit Hippiemode, der er einen Schuss italienische Eleganz hinzufügte. Er entwickelte eine moderne Drucktechnik für Leder und machte später Tierfelldruck zu seinem Markenzeichen.

Ein so radikaler Wandel ist selten

Auch Paul Surridge würde nie darauf verzichten: „Als ich zur Marke Cavalli kam, beschloss ich, zuerst Zebra zu zeigen, weil es grafisch sehr stark ist, und es wurde gefeiert.“ Aber nur darauf verlassen will er sich auch nicht, das wäre zu offensichtlich: „Gib Animal Print bei Google ein und du wirst sehr viel Mode von den großen Ketten finden. Weil wir die Marke erneuert haben, muss es einen wirklichen Grund geben, warum jemand bei mir Tierfellmuster kaufen sollte und nicht irgendwo anders.“

Also versucht er, einen modernen Ansatz zu finden. „Wenn du zu viel vom Erbe einer Marke immer und immer wieder verwendest, wird auch unsere treue Kundschaft schnell sagen: Das habe ich doch schon alles in meinem Kleiderschrank.“ In der zweiten Saison war der Jaguar dran, die Kleider hängen auch im Berliner Laden. Das Muster ist in Schwarz, Weiß und Grau abstrahiert, so dass es wie aus einem Comic aussieht. Davon gibt es Mäntel und Parkas für Männer und Frauen, aber auch geraffte Kleider, die nie allzu viel Haut zeigen. Mal ist der Rock kurz, aber dafür sind die Ärmel lang. Auf jeden Fall ist meistens mehr vom Körper verdeckt als freigelegt.

Parka mit Jaguarprint von Roberto Cavalli für diesen Herbst.
Parka mit Jaguarprint von Roberto Cavalli für diesen Herbst.Foto: promo

Ein so radikaler Wandel in diese Richtung ist selten. Normalerweise bedeutet mutig zu sein, mehr Haut zu zeigen, die konservativen Kleidungsstücke wegzulassen. Der Urvater dieser Markenauffrischung ist Tom Ford, der 1995 aus der altbackenen Kofferfirma Gucci eine heiße Marke machte, die alle tragen wollten. In den Neunzigern war auch Roberto Cavalli auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, Jennifer Lopez, Britney Spears und Elton John trugen seine Kleidung. Auch bei der konservativen Karomarke Burberry funktionierte die Verjüngungskur, zuletzt sexte Olivier Rousteing das Modehaus Balmain so auf, dass einem vor öliger Haut und Pailettengefummel Sehen und Hören vergeht. Rousteing versuchte sich übrigens vor ein paar Jahren auch schon mal als Cavalli-Designer.

Das Wort Glamour schaute er im Wörterbuch nach

An Cavalli kann man sehr gut sehen, dass sich die Zeiten in der Mode geändert haben. Wer hätte gedacht, dass einmal ein Designer eingestellt werden würde, um einer Marke den Überschuss an Sex auszutreiben, und das mit Schneiderkunst und gut geschnittenen Anzügen.

Genau das kann Paul Surridge nämlich, er kommt aus der Herrenmode und hat zuletzt für Zegna gearbeitet. Er war also eine eher ungewöhnliche Wahl für ein Haus wie Cavalli. Der Brite gibt sofort zu, dass er nach seiner Ankunft das Wort Glamour im Wörterbuch nachschaute und feststellte, alle Argumente auf seiner Seite zu haben: „Da stand: attraktiv sein. Für mich ist attraktiv, wenn jemand selbstsicher ist. Und wer ist das? Jemand, der sich wohlfühlt.“

Als Surridge in die Firma kam, fand er zu viele Informationen vor, um sie alle zu verwenden, zumal er für die erste Kollektion wenig Zeit hatte: „Es war einfach zu viel Lärm. Ich musste mich also auf meinen Instinkt verlassen und bin sehr persönlich an die Arbeit gegangen.“

Surridge hat das neue Shop-Konzept für Cavalli entwickelt.
Surridge hat das neue Shop-Konzept für Cavalli entwickelt.Foto: promo

Und wie er hier so sitzt, schlicht in cremefarbenen Wollpullover und schwarze Hose gekleidet, und leise vor sich hinlächelt, kann man sehen, dass er sich gern an den Überraschungmoment seiner ersten Modenschau in Mailand im vergangenen September erinnert. „Als ich die Kollektion präsentierte, sagte die treue Kundschaft: Okay, aber was ist mit dem Glamour?“

Seitdem hat er sich viele Gedanken darüber gemacht, wie er als Designer damit umgehen soll. Auch mit der Klage darüber, dass bei seiner Schau niemand mehr sexy aussah. „Das ist auch nicht mehr notwendig, denn sexy zu sein ist etwas, das man ausstrahlen kann und nicht im Kleiderschrank haben muss. Jeder hat einen Körper und einen Kopf zum Denken. Es ist sehr viel moderner, wenn eine Frau ihren Körper so einsetzt, wie sie will.“

Roberto Cavalli, Kurfürstendamm 184, Charlottenburg