Ostsee : Unter roten Segeln

Zeesenboote waren einst Arbeitskähne der Fischer von Haff und Bodden. Heute kann man auf ihnen die Küstengewässer erkunden. Ein Törn mit Skipperin Rika Harder.

Mirco Lomoth
Das Segelboot von Rika Harder auf der Ostsee.
Das Segelboot von Rika Harder auf der Ostsee.Foto: Rika Harder

Rika Harder bindet die Leinen los und stößt die „Romantik“ mit den Füßen von der Kaimauer ab. Sie trägt Flip-Flops, hochgekrempelte Jeans und eine blaue Bluse. Das Wasser vor dem Bug glitzert unter der Sonne. Das erste Stück fahren wir noch mit Motorkraft. Wir gleiten vorbei an Schilfwäldern und lassen den kleinen Hafen von Karnin hinter uns, der im äußersten Südwesten Usedoms liegt, dort wo das breite Stettiner Haff sich zum Peenestrom verjüngt und Insel und Festland nur noch um die 350 Meter trennen. Eine Möwe paddelt neugierig neben uns her.

Rika Harders „Romantik“ ist eines der wenigen Zeesenboote, die heute noch auf den inneren Küstengewässern der Ostsee unterwegs sind - und das einzige auf Usedom. Die Eichenholzkähne mit breitem Rumpf und braunroten Segeln dienten einst Fischern dazu, ein mit Steinen beschwertes Schleppnetz - die ­„Zeese“ - über den Grund von Haff und Bodden zu ziehen. Sie befestigten es an Bug und Heck und drifteten seitwärts mit eingeholtem Kielschwert, fingen so Hecht, Aal, Barsch oder Stint. Heute sind auf den Zeesbooten, wie sie auf plattdeutsch verkürzt heißen, vor allem Touristen unterwegs.

Kapitänin Harder beim Segeltörn auf ihrem traditionellen Zeesenboot "Romantik".
Kapitänin Harder beim Segeltörn auf ihrem traditionellen Zeesenboot "Romantik".Foto: Thilo Rückeis TSP

„Die Boote sind für das offene Meer nicht geeignet, weil sie zu offen sind und vollschlagen können“, sagt Rika Harder. „Aber sie haben sehr gute Segeleigenschaften und einen großen Arbeitsbereich für die Fischer.“ An Bord hatten sie auch Holzkästen, in denen sie ihren Fang lebend zum Hafen bringen konnten. Der Greifswalder Maler Caspar David Friedrich hat die Zeesenboote auf mehreren Gemälden verewigt, ebenso wie Lyonel Feininger, der gerne auf Usedom urlaubte.

Wir fahren auf ein vierbeiniges Stahlmonster zu, das auf halbem Weg zum Festland im Wasser steht und aus einem Star Wars-Film stammen könnte. „Die Hubbrücke von Karnin, früher fuhren hier Züge mit 120 Klamotten über das Haff, die brauchten nur zweieinhalb Stunden von Berlin nach Usedom.“, sagt Harder. „Die Nazis haben sie 1945 zerstört, erhalten ist nur noch der Hubteil.“

Rika Harder schaltet den Motor aus, fast lautlos treiben wir mit der Strömung dahin, so leise, dass wir die Wildgänse im Moor auf dem Festland schnattern hören. Nur das Wasser plätschert leise am Bug. „Vorsicht jetzt“, ruft sie und zieht die beiden Segel hoch, die dreieckige Fock und das große Gaffelsegel, das mit einer schrägen Gaffel am Mast befestigt ist. Jetzt sind wir endlich mit Segeln unterwegs: Sie blähen sich sofort auf und geben dem Boot Schwung.

Rika Harder hat lange Jahre in Berlin gelebt. Jetzt ist sie wieder auf Usedom und bietet Schiffstouren auf der "Romantik" an.
Rika Harder hat lange Jahre in Berlin gelebt. Jetzt ist sie wieder auf Usedom und bietet Schiffstouren auf der "Romantik" an.Foto: Thilo Rückeis TSP

„Früher wurde der Lohen der Segel mit Ochsenblut gefärbt, das war eine Form des Imprägnierens, daher haben sie ihre Farbe“, sagt Harder, stellt sich zurück ans Steuer und hält auf den Peenestrom zu. „Wind haben wir hier zum Glück immer reichlich.“

Fast täglich in den Sommermonaten bietet Rika Harder von Karnin aus Segeltörns mit der „Romantik“ an. Eineinhalbstündige Fahrten führen an der Hubbrücke vorbei in den Peenestrom oder hinaus auf das Kleine Haff, ganztägige Touren bis nach Uckermünde, zum Achterwasser, nach Mönkebude oder Rankwitz am Stettiner Haff. Und wer will, kann sich in Kamp auf dem Festland absetzen lassen und mit einem Naturführer durchs Anklamer Stadtbruch wandern, wo Gänse, Schwäne, Seeadler und Schwarzstörche leben - übers Jahr verteilt um die 260 Vogelarten.

Vom Boot aus sehen wir Kormorane, ein mächtiger Seeadler kreist über uns und schießt dann zu einem Schilfgürtel herab. Harder öffnet die Holzplanken des Decks, holt einen Korb mit kalten Getränken heraus und erzählt von ihrer Liebe zur „Romantik“, die 1929 gebaut und noch bis in die 60er Jahre von einem Fischer genutzt wurde. „Mein Vater hat sie 1972 gekauft, das Boot war unsere Familienkutsche, mit der wir jedes Jahr in den Urlaub gesegelt sind, bis nach Polen“, sagt sie. „Seit ich neun Jahre alt bin, habe ich an Bord immer mitangepackt.“ Sie erzählt von ihrem Großvater und ihrem Vater, die beiden Kapitäne haben mit Stevenkähnen Frachtgut bis nach Berlin gebracht. Und von ihrer ­Heimatinsel Usedom. „Die Landschaft ist einfach irre hier, ich habe viele Jahre in Berlin gelebt, aber irgendwann musste ich zurückkommen, um hier segeln zu können.“

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