Ein Bild der Zerstörung. Wie der Künstler Yadegar Asisi Dresden sieht

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70 Jahre nach der Bombardierung von Dresden : Die Gedenkaufgabe
Bild der Zerstörung. Der Künstler Yadegar Asisi hat die bombardierte Stadt in einem Panorama von 107 mal 27 Metern verewigt. Manch einer wirft ihm vor, er bediene den Opfermythos.
Bild der Zerstörung. Der Künstler Yadegar Asisi hat die bombardierte Stadt in einem Panorama von 107 mal 27 Metern verewigt. Manch...Foto: Robert Michael/AFP

Der Mann, in dessen Auftrag Liebscher in den Archiven geforscht hat, kennt beide großen Sachsen-Städte gut. Er heißt Yadegar Asisi, ist in Wien geboren, in Halle und Leipzig aufgewachsen, im Dresden der 70er Jahre hat er Architektur studiert. Seit Mitte der 90er Jahre schafft er große Panoramabilder, so wie jenes, das seit 2012 am Checkpoint Charlie steht und einen Herbsttag an der Berliner Mauer zeigt.

Vor zweieinhalb Wochen ist sein jüngstes Werk eröffnet worden. Es zeigt Dresden am 15. Februar 1945, die Frauenkirche steht nicht mehr. Untergebracht ist es in einem ehemaligen Gasometer, etwas abseits gelegen hinterm Großen Garten, der damals auch bombardiert worden war. Viele Menschen hatten sich aus der brennenden Stadt dorthin geflüchtet.

Das Bild ist größer und augenfüllender als jedes Foto, jeder Fernsehschirm und jede Kinoleinwand es sein können. 107 Meter lang, 27 Meter hoch. Es zeigt die kaputte Stadt so, dass die die meisten Besucher nach dem Eintreten schweigen. Wer die Details sehen will, kann sich am Kassentresen Ferngläser ausleihen.

"Opfermythos? Sehe ich nicht", sagt er

Asisi sitzt in seinem Büro am Berlin-Kreuzberger Oranienplatz. Er muss den „Spiegel“ von letzter Woche gelesen haben, der seinem Dresden-Panorama bescheinigt, den Opfermythos – ein weiteres nicht ganz von der Hand zu weisendes Dresden-Klischee – zu bedienen. „Ich sehe nicht den Opfermythos“, sagt er, „ich sehe Opfer.“

Er wolle mit dem Bild auch überhaupt nicht auf die Schuldfrage eingehen, darauf, wer diesen Weltkrieg eigentlich angefangen hat, das helfe hier nicht weiter. „Ich sage“, sagt er, „Alles, was dazu führt, dass Sachen wie diese geschehen, darf nie wieder passieren. Alles, und damit meine ich auch die Anfänge.“ Er meint, versteht man ihn richtig, dass von seinem Bild eine universelle Nie-Wieder-Krieg-Botschaft ausgehe.

Er glaubt auch, dass dies gelingt. Die Leute gehen in sein Panorama, „schauen mit Betroffenheit, und mit dieser Betroffenheit gehen sie wieder raus in die Stadt und suchen vielleicht zum allerersten Mal, was sie da gesehen haben.“

Im Gästebuch überwiegt der Dank dafür. „Sehr nachdenklich gehe ich weg“, schrieb jemand, „und werde es vielen erzählen.“ „Ergriffenheit“, steht da, „berührend“, „erschreckend“, „Wehret den Anfängen!“, „Ich weine, ich weine.“

„Als Betroffene von der 1. Sekunde an und aus der ,Hölle‘ entkommen sind wir, mein Bruder und ich der Jahrgänge 29 u. 37. Es sollte den jungen Generationen zu denken geben und versuchen zu verstehen, ,nie wieder Krieg‘“

Die jungen Generationen. Asisi sagt: „Wir leben in einer Gesellschaft, wenn wir den Wasserhahn aufdrehen, kommt trinkbares Wasser raus. Wir vergessen das. 80 Prozent der Menschheit hat das nicht.“ Und weil wir das vergäßen, weil wir satt seien, hätten viele auch verlernt, dass beispielsweise die Demokratie Arbeit mache, dass man sie nicht einfach von den Altvorderen erben könne und dann ein schönes Leben damit habe. Sie sei anstrengend und oft auch unangenehm, immer wieder. Er münzt das auch ausdrücklich auf Dresden. Pegida, ob es einem nun passe oder nicht, damit habe sich etwas geöffnet, was vorher unter Verschluss oder unsichtbar gewesen ist. „Die Palette des Demokratischen“ sei größer geworden.

Spuren dieser Auseinandersetzung finden sich auch im Gästebuch. Jemand beschwert sich darin über die Schautafeln, die jeder, der ins Panorama geht, passieren muss. Sie informieren über Coventry, Rotterdam, Warschau, Stalingrad. Damit solle wohl der Angriff auf Dresden „entschuldigt“ werden.

Die Stadt verschweigt nichts

Das klingt ein bisschen nach „Kriegsschuldkult“, das Wort, das der Leipziger Pegida-Ableger im Munde führt. Es ist auch ganz und gar nicht das, was Asisi im Sinn hat, es ist einfach eine Unterstellung. Aber selbst Unterstellungen können ja zum Denken anregen. Zum Beispiel darüber, dass Dresden und Menschen wie Eberhard Spormann schon längst viel weiter sind. Sie rechnen nicht auf, sie bauen auch nicht die nächste Front auf.

Die Stadt verschweigt nichts, sie archiviert ja sogar Spormanns Notenheft. Liebscher lässt ihn – auch auf einer Schautafel – im Gasometer zu Wort kommen. Den Mann, der seinen Vater verlor und im Gedenken an ihn dessen Beruf ergriff. Spormann wurde Koch, obwohl er lieber Gärtner oder Förster gewesen wäre. Ging in die Bundesrepublik, nachdem die neuen Herren ihn lieber bei der Volkspolizei oder im Uranbergbau sehen wollten. Ging nach Sydney und Singapur.

„Das Komische“, hatte sein Sohn am Telefon gesagt, „man müsste ja irgendeine Art Wut entwickeln. Aber nee, da ist einfach nur Unfassbarkeit. Ich habe keinen Hass, auch mein Vater nicht.“

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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