Absturz von zwei Eurofightern : Die tödliche Übung

Während am Dienstag die Suche nach Trümmerteilen der abgestürzten Eurofighter fortgesetzt wird, wächst die Kritik an der Bundeswehr.

Alle am Löschen Beteiligten mussten danach ihre kontaminierte Kleidung abgeben.
Alle am Löschen Beteiligten mussten danach ihre kontaminierte Kleidung abgeben.Foto: Christophe Gateau/dpa/AFP

Die ersten 30 Minuten: Dramatisch, sagt er. Das Feuer habe meterhoch im Wald gestanden. Zunächst glaubt er, dass ein Klein- oder Wasserflugzeug abgestürzt ist. „Ich habe erst nach zehn Minuten kapiert, dass da ein Kampfjet brennt.“ Verzweifelt versuchen der Feuerwehrmann und seine Kollegen eigenen Schilderungen nach, zu verhindern, dass sich das Feuer in dem trockenen Waldstück in Mecklenburg-Vorpommern ausbreitet. Das Wasser reicht nicht, die Truppe probiert, mit Schaum zu löschen. Als auch der aufgebraucht ist, gehen die Männer mit einfachen Feuerlöschern in den brennenden Wald. Die Situation ist für die Helfer auch wegen giftiger Gase nicht ungefährlich.

Die Männer der Freiwilligen Feuerwehr sitzen spätnachts im Gemeindehaus Silz. Hier, in der Nähe des Ortes Malchow, zwischen Müritz und Plauer See gelegen, sind am Montagnachmittag zwei Eurofighter der Bundeswehr zusammengestoßen und abgestürzt.

Cola-Korn hat die Anspannung der Feuerwehrmänner und ihre Zungen gelöst. Es wird gelacht, vielleicht etwas zu laut, geraucht. Normalerweise säubern sie Ölspuren, retten Katzen, vor ein paar Wochen hat eine Scheune gebrannt. Nun waren sie als erste an einer der Einsatzstellen – zwischen den Ortschaften Nossentin und Jabel gelegen – des seit langem schwersten Unglücks der Bundeswehr-Geschichte, bei dem ein Pilot sein Leben verloren hat. Acht Kollegen, ein 30 Jahre altes Feuerwehrauto und gerade einmal 500 Liter Löschwasser. „So einen Einsatz hatten wir noch nie“, sagt ein Mann im Blaumann. „Will man auch nie wieder erleben.“ Ein anderer, 37 Jahre alt, von Beruf Techniker, sagt: „Ich habe zwei Kinder und eine Frau, die von mir erwarten, dass ich wieder nach Hause komme.“

Ein technischer Defekt? Das wäre keine Seltenheit

An der anderen Absturzstelle südlich des Ortes Nossentiner Hütte atmeten zwei Feuerwehrmänner Rauch ein, kamen leichtverletzt ins Krankenhaus. Die Kleidung und Helme habe man ihnen nach dem Einsatz abgenommen, berichtet der 37-Jährige. „Das ist alles mit Kohlestofffasern kontaminiert.“

Der Kreisverkehr in der Ortsmitte wird die ganze Montagnacht von Blaulicht erhellt. Die Polizei hat die Straße nach Jabel gesperrt, zwei Streifenpolizisten kontrollieren jeden Wagen. Nur das Militär kommt hier noch durch. Anwohner, Schulbus und Touristen müssen etliche Kilometer Umweg auf sich nehmen. Fast minütlich sieht man Konvois der Bundeswehr, Feldjäger, Feuerwehren und das Deutsche Rote Kreuz durch den 300-Seelen-Ort rollen. Über dem Dorf kreisen Hubschrauber der Polizei und der Luftwaffe.

Als am Abend Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen am Unglücksort eintrifft, dankt sie zunächst den Einsatzkräften der Bundeswehr-Feuerwehr. „Die haben dann aber direkt gesagt, dass ohne die Freiwillige Feuerwehr nichts gegangen wäre“, sagt der 37-Jährige und klingt stolz. Sie habe ihm persönlich die Hand geschüttelt.

Die Ministerin ihrerseits ist sehr ernst. Wieder einmal muss sie sich, auch wenn es noch viel zu früh ist, erklären. Hat menschliches Versagen zu dem Unglück geführt? Ein technischer Defekt? Das wäre bei der Bundeswehr, zumal in ihrer Amtszeit, keine Seltenheit.

Das Gelände ist teilweise unwegsam

Die beiden Eurofighter befanden sich, zusammen mit einem dritten, zum Zeitpunkt des Unfalls auf einem Übungsflug für ein Luftkampftraining. Simuliert wurde die Bekämpfung eines gegnerischen Flugzeuges. Rund 20 Minuten nach dem Aufsteigen stießen sie zusammen und stürzten ab. Spekulationen verböten sich beim jetzigen Stand der Erkenntnis, heißt es am Dienstag aus dem Verteidigungsministerium. Eine Kollisionswarnung, wie in zivilen Flugzeugen üblich, gibt es in Kampfflugzeugen nicht – bei manchen Manövern und Einsätzen müsse der Pilot auf Sicht fliegen, so nah an den Gegner heran, dass er ihn identifizieren kann, erklärt ein Sprecher. Wenn dabei ein technisches System automatisch die Kontrolle übernähme, erhöhe das die Kollisionsgefahr eher noch. Die Untersuchung hat die Abteilung General Flugsicherheit des Luftfahrtamts der Bundeswehr übernommen.

Nach und nach kommt am Montag Verstärkung aus dem ganzen Bundesland, irgendwann auch die Spezialeinheiten der Bundeswehr, die aus Schwerin, Rostock und Berlin anrücken. In der Nacht auf Dienstag schlafen 37 Bundeswehr-Soldaten im Gemeinderaum über der Feuerwehr-Garage. 70 weitere übernachten auf dem Sportplatz von Silz: Das Zelt vom Dorffest am Wochenende steht noch.

Kurz nach fünf wird am Dienstagmorgen die Suche nach Wrackteilen und den Flugschreibern fortgesetzt. Warum sind die am Nachmittag trotz Peilsendern auch 24 Stunden nach dem Absturz noch nicht geborgen? Teilweise sei das Gelände unwegsam, erklären die leitenden Generäle vor Ort, weswegen enge Menschenketten gebildet werden.

Beide Flugschreiber sind gefunden

Gegen 16 Uhr 45 twittert die Luftwaffe: „Beide Flugdatenschreiber wurden gefunden. Die Bergung zumindest von einem dauert noch an.“

Stück für Stück vermessen und kartographieren Einsatzkräfte das Gebiet um die Absturzstellen mit GPS. Für die Ermittlung des Unfallhergangs ist jedes Detail wichtig, deshalb appelliert die Bundeswehr auf sämtlichen Kanälen auch an die Bevölkerung, mögliche Fundstücke zu melden, ohne sich ihnen zu nähern. Dass die Teile in den See gestürzt sein könnten, bezweifeln die Ermittler. Taucher seien bislang nicht eingeplant. Noch gilt als unklar, wie es zu der Kollision kommen konnte.

Bei den Piloten ist der Eurofighter beliebt. Er ist das sicherste Kampfflugzeug in der Geschichte der Bundeswehr. Seit Indienststellung 2004 war in mehr als 100 000 Flugstunden kein deutscher Eurofighter abgestürzt.

2018 hatte der „Spiegel“ berichtet, dass von 128 Maschinen im Ernstfall bloß vier einsatzbereit seien – weil viele Flugzeuge gewartet würden und die Luftwaffe nur über einen sehr kleinen Vorrat an Luftkampfraketen verfüge. Weniger Flugzeuge bedeuten weniger Flugstunden, weniger einsatzfähige Piloten. Inzwischen hat sich laut Bundeswehr die Einsatzfähigkeit auf 60 Prozent erhöht. Jeder Pilot, betont man dort, absolviere mindestens 140 Flugstunden im Jahr.

Die Eurofighter starten 20-mal pro Tag

Den beiden Piloten der Unfallmaschinen gelingt es noch, den Schleudersitz auszulösen. Ein Pilot wird wenig später lebend in einem Baum gefunden. Es gehe ihm den Umständen entsprechend gut, sagt ein Sprecher der Luftwaffe am Dienstag in Berlin. Er sei in einer Uniklinik untergebracht, schwebe nicht in Lebensgefahr. Er ist Fluglehrer, darf als erfahren gelten, hat mehr als 3 700 Flugstunden hinter sich. Der andere, 27 Jahre alt, 400 Flugstunden, ist tot. Er befand sich in der „Aus- und Weiterbildung“, hatte seine Grundausbildung in Spanien absolviert.

Gerhard Thiede kommt schon seit 40 Jahren aus Jena auf den Campingplatz am Fleesensee. Den Zusammenstoß der beiden Jets erlebt er im Campingstuhl vor seinem Vorzelt. „Das war ein richtiger, dumpfer Knall.“ Er habe zunächst gedacht, die Eurofighter hätten die Schallmauer durchbrochen. An die Flugzeuge hatte er sich längst gewöhnt. „Die flogen schon in der DDR so tief hier, dass wir nach einer Weile die Piloten kannten.“

Wenn alles normal läuft, starten die Eurofighter aus Laage in Mecklenburg-Vorpommern rund 20-mal pro Tag. Das Gebiet, in dem sie fliegen, kann wechseln, da es von der Deutschen Flugsicherung zugewiesen wird. Manchmal wird, wie am Montag, über der Seenplatte geflogen, manchmal über Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Brandenburg.

Auf einem Video, das Urlauber gedreht haben, sieht man, wie ein Flugzeug vom Himmel fällt, Feuer fängt und schließlich im Waldstück direkt hinter dem Fleesensee abstürzt – wenige Kilometer von dem Campingplatz entfernt. „Der Feuerball trudelte zu Boden, dann sah man schon die Rauchfahnen“, sagt Camper Thiede.

In der Mittagspause donnern die Jets über den Platz

„Das hätte eine Tragödie werden können“, sagt Karl-Heinz Hauske, der auf dem Platz an der Rezeption arbeitet. Er ärgert sich, dass die Kampfjets noch immer über das Naturschutzgebiet fliegen können. „Touristen dürfen die Fläche nicht betreten, aber die Jets donnern darüber.“ „Ich hoffe, dass sich jetzt endlich etwas ändert“, sagt die Kioskbesitzerin. Für die Gäste gelte in der Mittagspause Ruhe, und dann würden die Jets über den Platz krachen. „Das ist doch absurd.“

Mehr als 300 Soldaten sind inzwischen an den Ort berufen worden. Am Dienstagvormittag klettert das Thermometer über 30 Grad, eilig werden ein paar Pavillons und Dixi-Klos aufgestellt. Bis zum Mittag ist immerhin das Essen organisiert: Gulaschsuppe. Die Bergungsarbeiten, heißt es, könnten sich über das Wochenende hinaus hinziehen. Offenbar muss weiteres Spezialwerkzeug organisiert werden.

Die nächsten Tage, so viel ist sicher, wird hier kein Jet starten. Die Flagge am Stützpunkt Laage weht auf Halbmast. Solange die Ursache der Kollision unbekannt ist, ruhen Flugverkehr und Übungsbetrieb.

Derweil ist in der Politik eine Debatte über die Sinnhaftigkeit von Luftkampfübungen entbrannt. Die Linke im Schweriner Landtag fordert ein Ende der Manöver. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Oppositionsfraktion, Peter Ritter, erklärte sie für unnötig – sie stellten „eine Gefahr für Menschen sowie eine Belastung für die Umwelt dar“.

Üben, üben, üben

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels von der SPD, hält dagegen: Für die Besatzungen der Kampfjets wäre es „das Gefährlichste, nicht zu üben.“ Das Problem seien vielmehr „viel zu wenig Flugstunden – über alle Flugzeuggattungen hinweg“.