Angela Marquardt hat ihr Herz der Stasi ausgeschüttet

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Angela Marquardt : Ihre Akte, unser Urteil

Andrea Nahles von der SPD holte sie schließlich zu sich, so wurde aus der Ex-PDS-Vorzeige-Punkerin eine sozialdemokratische Genossin. Jetzt hat sie eine halbe Stelle als Bundestagsmitarbeiterin von Andrea Nahles und eine halbe als Geschäftsführerin der „Denkfabrik“. Das ist ein Zusammenschluss einiger Abgeordneter von SPD, Linken und Grünen, die eine Regierung ohne Merkel vorbereiten. So also sitzt Angela Marquardt doch wieder in der Politik, hat im Löbe-Haus ein winziges Büro, dem nichts Persönliches anhaftet. Es ist so auswechselbar und praktisch wie die Funktionskleidung, die sie trägt, wenn sie mit dem Fahrrad herfährt.

Sie ist ganz klein und schmal, sie lächelt nicht. Wenn man sie etwas fragt, schaut sie zum Fenster. Da sitzen zwei etwa gleichalte Menschen, die im Osten aufgewachsen sind und deutlich mehr Zeit ihres Lebens im Westen zugebracht haben, an diesem sehr westlichen Ort, und reden stundenlang über den Osten, wie präsent er ist und wie verschüttet. Und auf jede Frage folgt eine lange Rechtfertigung.

Angela Marquardt hat ihr Herz der Stasi ausgeschüttet. Sie hat mit unbeholfener Kinderschrift einen Bericht über einen Mitschüler, der David hieß, verfasst. Sie war ein williges Werkzeug dieser Bande, vor der andere Eltern ihre Kinder gewarnt hatten. Sie wusste noch nicht mal, dass man die Bande Stasi nennt. Jetzt sitzt sie einem gegenüber, der Glück gehabt hat mit seiner DDR-Jugend und der sich anmaßt, diese zum Maßstab der ihren zu machen. So erwartet sie das wohl. Davor hat sie Angst.

Die Stasi war Teil ihres Lebens

Sie erzählt, dass sie vor Kurzem ein Interview mit Charlie Hübner gesehen hat, dem Schauspieler, der auch im Osten groß geworden ist. Er habe da gesagt, dass er nach der Wende den Begriff „Stasi“ zum ersten Mal gehört habe. „Sie können sich gar nicht vorstellen“, sagt sie, „wie glücklich ich da war. Ich war nicht die Einzige, der es so ging.“

Dann spricht sie über Silke, eine Mitschülerin, über die die Stasi sie ausgefragt hat. Silke hatte Eltern, die in den Westen wollten. Da war immer klar, wer die Stasi ist und was sie tut. Angela, die IM der Stasi war, hatte, so sagt sie, keine Ahnung davon. Sie hatte mit drei freundlichen Männern zu tun, zwei hießen Jörg und einer Thomas. Die Männer stellten Fragen, interessierten sich für sie, machten ihr Vorschläge. Sie schlugen vor, dass sie Theologie studieren soll, obwohl sie mit der Kirche nichts am Hut hatte. Warum sie das taten, habe sie sich nie gefragt, bis sie es musste. Da war sie 29. Sie weiß, wie schwer es einer wie Silke fallen muss, das zu verstehen und zu glauben.

Deshalb erzählt sie in ihrem Buch und im Gespräch ihre Geschichte viel ausführlicher. Wie die Stasi-Leute seit sie neun war, Teil ihres Lebens waren, Freunde ihrer Eltern, wie sie einen von ihnen selbst für einen wirklich guten Freund hielt. Als gelte es, ihre Naivität unter Beweis zu stellen, verweist sie auf die Stasi-Akte, in der es heißt: „Dabei ist die vorhandene gefühlsmäßige Bindung an das MfS stets durch geeignete anschauliche Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen in eine feste rationale Bindung an das MfS umzuwandeln.“

Sie kann sich nicht erinnern

Das Zitat stammt aus einer ausführlichen Beurteilung über sie aus dem Frühjahr 1987, in der ihre Eignung als IM erörtert wird. Es wird einem schlecht, wenn man das liest, dieses widerliche Amtsdeutsch, das die Verführbarkeit einer Minderjährigen abhandelt. Das Mädchen war 15 und hat ein paar Tage später im Beisein des Führungsoffiziers aufgeschrieben: „Ich Angela Marquardt verpflichte mich freiwillig das MfS in seiner Arbeit zu unterstützen …“

Ja, sie hat das so geschrieben, es ist ja ihre Handschrift. Aber sie kann sich nicht daran erinnern. Sagt sie, schreibt sie. Wirklich nicht. Böswillig könnte man das für eine Schutzbehauptung halten, denn sie hat 2002 vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages gesagt, sie habe niemals wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet.

An eine andere Situation, die eigentlich viel peinlicher ist, kann sie sich jedoch erinnern. Noch vor der IM-Verpflichtung hat sie den Bericht über David aufgeschrieben, ihren Mitschüler. Sie weiß, wie sie sich mit den Formulierungen schwertat und wie sie den Zettel ihrer Mutter, die Deutschlehrerin war, zeigte. Es steht nichts Kompromittierendes drin – dass David die Kirche besuchte, wusste die Stasi ohnehin, das dürfte ja der Grund gewesen sein, dass sie über ihn berichten sollte.

Angela Marquardt hat mit David über die Sache gesprochen. Er habe kein Problem damit, sagt sie. Er verstehe, wie sie in die Situation kommen konnte. Ob er so viel Verständnis aufbringen könne, wenn sie ihm geschadet hätte, sei aber ungewiss. So ungefähr hat er es ihr gesagt.

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