Angela Marquardt : Ihre Akte, unser Urteil

Irgendwann merkte sie, dass ihre Geschichte sie nicht loslässt, der Stiefvater, die Stasi, die Scham, die Angst. Darum traf Angela Marquardt eine Entscheidung. Und machte die Öffentlichkeit zu ihrem Richter.

Angela Marquardt.
Angela Marquardt.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Am Anfang stehen Misstrauen und Angst. Bisher hat sie nur mit Leuten, denen sie trauen konnte, gesprochen. Jetzt kommen die anderen dran, die mit den unberechenbaren Urteilen, die, mit deren Verständnis sie nicht sicher rechnen kann, die womöglich Gnadenlosen. Sie sagt, sie habe Angst vor unserem Gespräch, weil es das erste mit einem Reporter sei, den sie nicht vorher kannte. Es geht schließlich nicht um Alltägliches, über das sie sonst in ihrem Büro neben dem Bundestag debattiert, nicht um Koalitionen, Parteiprogramme, politische Marschrichtungen. Es geht um sie, um ihre Scham und den Verrat, um Missbrauch und Verdrängung.

Angela Marquardt hat eine Entscheidung gefällt, von der ihr viele abgeraten haben. Sie erzählt die Geschichte ihrer verkorksten Jugend und will damit an die Öffentlichkeit. Sie hat ein Buch geschrieben. Sie spricht mit Journalisten. Sie wird das Buch in einer großen Veranstaltung am Deutschen Theater vorstellen. Sie dreht ein ziemlich großes Rad für so ein kleines Leben. Kleinlaut ruft sie aus voller Kehle: Seht her, das bin ich. Das habe ich getan. Das haben sie mit mir getan.

Männer, die ihr nicht wehtaten

Die Geschichte in aller Kürze: Zwischen ihrem neunten und sechzehnten Lebensjahr ist Angela Marquardt von ihrem Stiefvater missbraucht worden, oft und heftig. Der Stiefvater und ihre Mutter waren Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit. Die Führungsoffiziere gingen bei den Marquardts ein und aus. Für Angela waren das gute Freunde – es waren Männer, die ihr mit Respekt begegneten, die ihr Fragen stellten, Männer, die ihr nicht wehtaten, denen sie traute. Sie war 15, als sie, den Männern zuliebe, eine Verpflichtungserklärung schrieb und selbst IM wurde, Deckname „Karin Brandt“. Die Männer hatten viel mit ihr vor, doch die Wende kam dazwischen.

Als die Mauer fiel, war Angela Marquardt 18. Sie begann ein neues Leben, färbte sich die Haare bunt, geriet in die PDS und dort nach oben. Wurde Vorzeigepolitikerin und wurde „Punk“ genannt. Setzte sich für eine schonungslose Betrachtung der DDR-Geschichte ein und verlor kein Wort über ihre eigene DDR-Geschichte, wurde im Jahr 2002, wie man das so schön falsch nennt, enttarnt, war plötzlich einer dieser peinlichen Stasi-Fälle. Sie trennte sich von der PDS, trat nach ein paar Jahren der SPD bei, merkte, dass ihre Geschichte sie nicht loslässt, der Missbrauch durch den Stiefvater, der Missbrauch durch die Stasi, die Scham, die Angst vorm fremden Urteil, dass sie das alles niemals loslässt, wenn sie nichts unternimmt.

Wo ordnen wir sie ein?

Nun unternimmt sie was und wir sind ein Teil dieser Unternehmung. Wir Ahnungslosen mit unseren Urteilen über alles und jeden. Mit unserem Bedürfnis, die Welt sauber aufzuteilen, hier die Guten, da die Bösen, Täter, Opfer, Mutige und Angsthasen, Punks und Angepasste. Wir mit unserer Meinung sind jetzt ihr Spiegel. Wo ordnen wir sie ein?

Der Verlag hat das Buch an die Redaktionen verschickt, über den Verlag nimmt man Kontakt auf, ja, Frau Marquardt sei zu einem Gespräch bereit, aber bitte an einem neutralen Ort, nicht in der Öffentlichkeit, am besten in ihrem Büro im Paul-Löbe-Haus gleich neben dem Bundestag. Das Haus könnte Kulisse eines Films über die Vorgänge in einer eiskalten Versicherungsfirma sein. Menschenleer, Stahl und Glas, steril und abwaschbar. Angela Marquardt hatte Glück, dass sie hier ein Büro beziehen durfte. Das Jahr 2002 war für sie ja nicht nur schlimm, weil ihre Stasi-Geschichte öffentlich gemacht wurde. Kurz danach verlor die PDS auch die Wahl und sie verlor ihr Bundestagsmandat. Als sie im Jahr darauf auch die Partei verließ, sah es nicht so aus, als könne sie jemals wieder etwas Politisches werden. Da studierte sie erst mal Politik.

Andrea Nahles von der SPD holte sie schließlich zu sich, so wurde aus der Ex-PDS-Vorzeige-Punkerin eine sozialdemokratische Genossin. Jetzt hat sie eine halbe Stelle als Bundestagsmitarbeiterin von Andrea Nahles und eine halbe als Geschäftsführerin der „Denkfabrik“. Das ist ein Zusammenschluss einiger Abgeordneter von SPD, Linken und Grünen, die eine Regierung ohne Merkel vorbereiten. So also sitzt Angela Marquardt doch wieder in der Politik, hat im Löbe-Haus ein winziges Büro, dem nichts Persönliches anhaftet. Es ist so auswechselbar und praktisch wie die Funktionskleidung, die sie trägt, wenn sie mit dem Fahrrad herfährt.

Sie ist ganz klein und schmal, sie lächelt nicht. Wenn man sie etwas fragt, schaut sie zum Fenster. Da sitzen zwei etwa gleichalte Menschen, die im Osten aufgewachsen sind und deutlich mehr Zeit ihres Lebens im Westen zugebracht haben, an diesem sehr westlichen Ort, und reden stundenlang über den Osten, wie präsent er ist und wie verschüttet. Und auf jede Frage folgt eine lange Rechtfertigung.

Angela Marquardt hat ihr Herz der Stasi ausgeschüttet. Sie hat mit unbeholfener Kinderschrift einen Bericht über einen Mitschüler, der David hieß, verfasst. Sie war ein williges Werkzeug dieser Bande, vor der andere Eltern ihre Kinder gewarnt hatten. Sie wusste noch nicht mal, dass man die Bande Stasi nennt. Jetzt sitzt sie einem gegenüber, der Glück gehabt hat mit seiner DDR-Jugend und der sich anmaßt, diese zum Maßstab der ihren zu machen. So erwartet sie das wohl. Davor hat sie Angst.

Die Stasi war Teil ihres Lebens

Sie erzählt, dass sie vor Kurzem ein Interview mit Charlie Hübner gesehen hat, dem Schauspieler, der auch im Osten groß geworden ist. Er habe da gesagt, dass er nach der Wende den Begriff „Stasi“ zum ersten Mal gehört habe. „Sie können sich gar nicht vorstellen“, sagt sie, „wie glücklich ich da war. Ich war nicht die Einzige, der es so ging.“

Dann spricht sie über Silke, eine Mitschülerin, über die die Stasi sie ausgefragt hat. Silke hatte Eltern, die in den Westen wollten. Da war immer klar, wer die Stasi ist und was sie tut. Angela, die IM der Stasi war, hatte, so sagt sie, keine Ahnung davon. Sie hatte mit drei freundlichen Männern zu tun, zwei hießen Jörg und einer Thomas. Die Männer stellten Fragen, interessierten sich für sie, machten ihr Vorschläge. Sie schlugen vor, dass sie Theologie studieren soll, obwohl sie mit der Kirche nichts am Hut hatte. Warum sie das taten, habe sie sich nie gefragt, bis sie es musste. Da war sie 29. Sie weiß, wie schwer es einer wie Silke fallen muss, das zu verstehen und zu glauben.

Deshalb erzählt sie in ihrem Buch und im Gespräch ihre Geschichte viel ausführlicher. Wie die Stasi-Leute seit sie neun war, Teil ihres Lebens waren, Freunde ihrer Eltern, wie sie einen von ihnen selbst für einen wirklich guten Freund hielt. Als gelte es, ihre Naivität unter Beweis zu stellen, verweist sie auf die Stasi-Akte, in der es heißt: „Dabei ist die vorhandene gefühlsmäßige Bindung an das MfS stets durch geeignete anschauliche Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen in eine feste rationale Bindung an das MfS umzuwandeln.“

Sie kann sich nicht erinnern

Das Zitat stammt aus einer ausführlichen Beurteilung über sie aus dem Frühjahr 1987, in der ihre Eignung als IM erörtert wird. Es wird einem schlecht, wenn man das liest, dieses widerliche Amtsdeutsch, das die Verführbarkeit einer Minderjährigen abhandelt. Das Mädchen war 15 und hat ein paar Tage später im Beisein des Führungsoffiziers aufgeschrieben: „Ich Angela Marquardt verpflichte mich freiwillig das MfS in seiner Arbeit zu unterstützen …“

Ja, sie hat das so geschrieben, es ist ja ihre Handschrift. Aber sie kann sich nicht daran erinnern. Sagt sie, schreibt sie. Wirklich nicht. Böswillig könnte man das für eine Schutzbehauptung halten, denn sie hat 2002 vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages gesagt, sie habe niemals wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet.

An eine andere Situation, die eigentlich viel peinlicher ist, kann sie sich jedoch erinnern. Noch vor der IM-Verpflichtung hat sie den Bericht über David aufgeschrieben, ihren Mitschüler. Sie weiß, wie sie sich mit den Formulierungen schwertat und wie sie den Zettel ihrer Mutter, die Deutschlehrerin war, zeigte. Es steht nichts Kompromittierendes drin – dass David die Kirche besuchte, wusste die Stasi ohnehin, das dürfte ja der Grund gewesen sein, dass sie über ihn berichten sollte.

Angela Marquardt hat mit David über die Sache gesprochen. Er habe kein Problem damit, sagt sie. Er verstehe, wie sie in die Situation kommen konnte. Ob er so viel Verständnis aufbringen könne, wenn sie ihm geschadet hätte, sei aber ungewiss. So ungefähr hat er es ihr gesagt.

Wir befinden uns in der alten Schleife, die fast alle Stasi-Enthüllungsfälle irgendwann so peinlich macht. Wenn nichts mehr zu bestreiten ist, heißt es: Ich habe niemandem geschadet. In ihrem Fall sollte das doch anders laufen. Sie war minderjährig. Ein pubertierendes Werkzeug. Muss sich so jemand rechtfertigen?

Die Bundestagsuntersuchung im Jahr 2002 kam zum Schluss, dass man Angela Marquardt keinen Vorwurf machen könne, weil sie minderjährig gewesen und eine wissentliche Mitarbeit nicht nachweisbar sei. War damit denn nicht alles gut?

Zwei Gründe, warum überhaupt nichts gut war für Angela Marquardt. Der eine: Dem Ausschuss standen nur ein paar Blätter aus ihrer dicken Akte zur Verfügung. Was, wenn jemand irgendwann den peinlichen Rest öffentlich machen würde? Der zweite, wichtigere: Sie selbst war damals wie betäubt. Das, was sie in ihrer Akte las, verstand sie nicht, wollte es vielleicht auch nicht verstehen. Es ging um Verdrängtes, Unbewusstes. Wie lange braucht man, um so etwas vorzuholen?

Sie spricht von ihrem „Geheimnis“

Und was immer man in der Akte lesen konnte – es war nie die ganze Geschichte. Denn Grundlage für den Missbrauch durch die Stasi war der Missbrauch durch den Stiefvater. Das wurde ihr mit den Jahren immer klarer. Im Buch spricht sie von ihrem „Geheimnis“. Was da wirklich vorgegangen ist, darüber hat sie ja nicht nur gegenüber allen anderen geschwiegen. Welches Mädchen, welche Frau ist in der Lage, klar zu sagen, was ein jahrelanges Leben mit sexuellen Übergriffen, Schmerz und Angst ausrichtet? Darüber steht im Buch nicht viel, auch im Gespräch umschiffen wir so gut wie möglich dieses Thema. Was wir Danebenstehenden wissen müssen, wissen wir: Da ist nicht nur ein unreifer Mensch in die Stasi-Fänge geraten, sondern eine tief verletzte Seele.

Über die Verdrängungsleistung, die sich an eine solche Geschichte anschließt, kann der Hobbypsychologe lange spekulieren. Er kann über das stachelige Outfit, das die kleine Frau sich seit ihrem 18. Lebensjahr verpasst hat, mutmaßen – Kommt mir nicht zu nahe! – über den Vaterersatz, den die Stasi ihr bot, und selbstverständlich auch über das, was folgte. Kann man ihr schnelles Einpassen in die Reihen der PDS nicht auch als eine Vatersuche verstehen? Man hat sich ja immer gefragt, was das bunte Igelwesen zwischen den grau-beigen Altherren suchte. Sie zuckt die Schultern, kann schon sein. Und erzählt von einem anderen Journalisten, dessen These war, dass sie sich nach Stiefvater und Stasi von der PDS habe gebrauchen lassen.

Sie hatte einen Schnitt gemacht

Kann sein, kann nicht sein, ihre Rolle in der PDS war jedenfalls die der Jungen, Frischen, die mit den barmenden Geschichten der Alten, dass nicht alles schlecht gewesen, dass man seiner Geschichte beraubt worden sei, nicht viel anfangen konnte (dankbar hätte sie sein können, wenn jemand ihre Geschichte geraubt und nicht wieder herausgegeben hätte). Sie erlebte, wie ehemalige Spitzel aufflogen, sie verfolgte die Stasi-Debatten und wünschte sich, dass die Genossen den DDR-Dreck nicht verteidigen, sondern sich distanzieren würden, dass man das Fass zumacht und sich endlich aktuellen Themen widmet. Hat sie das alles nie auf sich bezogen, auf ihre eigene Geschichte?

Hat sie nicht, sagt sie. Sie hatte einen Schnitt gemacht. Dort das alte Leben, das sie bis zur Wende in Greifswald geführt hatte, hier das neue, Berlin, irgendwann Bonn, die Politik, Talkshows. Die kleine Angela, naiv, verängstigt, missbraucht, gab es nicht mehr, sollte es nie mehr geben. Mit der Stasi hatte ihre Mutter zu tun gehabt und ihr Stiefvater. So weit reichte die Erinnerung, das Eingeständnis. Das hatte sie sogar mal ihren Chefs von der PDS gesagt. Die ihr wohl übers Haar gestrichen hätten, wäre es nicht so toupiert gewesen. Mensch Mädchen, wen geht das was an?

Und wen geht ihre Geschichte etwas an, die vollständige? Ihr Stiefvater hat sich totgesoffen. Über ihre Mutter spricht Angela Marquardt nicht. Die Stasi-Leute gibt es noch – ob die sich schämen? Einem von ihnen ist sie vor zwei Jahren begegnet, sie haben kurz miteinander gesprochen – über linke Politik. Er hatte sich kaum verändert, und er tat so, als stünde da nichts zwischen ihnen. Sie hatte den Eindruck, er könnte meinen, sie sei eine von denen. Und brüllte ihn nicht an. Sondern traf die Entscheidung, dieses Buch zu schreiben.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

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